IG Metall : Am oberen Rand

Die IG Metall geht mit der Maximalforderung von acht Prozent in die Tarifrunde. Ab November drohen Warnstreiks.

Rolf Obertreis,Alfons Frese
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IG-Metall-Chef Berthold Huber. -Foto: dpa

Frankfurt am Main/Berlin - Die IG Metall geht mit der höchsten Lohn- und Gehaltsforderung seit 16 Jahren in die Tarifverhandlungen für die 3,6 Millionen Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie. Die Bezüge sollen um acht Prozent steigen, beschloss der Vorstand der Gewerkschaft am Dienstag in Frankfurt am Main. „Acht Prozent gehen zulasten der Gewinne. Daraus machen wir gar keinen Hehl. Aber es geht uns um mehr Gerechtigkeit“, begründete IG-Metall-Chef Bertold Huber die Forderung. Die Umsatzrenditen seien so hoch wie zuletzt in den 60er Jahren. „Und noch nie wurde gemessen am Umsatz so wenig für Löhne und Gehälter gezahlt“, sagte Huber.

Die Arbeitgeber reagierten verständnislos und warnten vor den Folgen eines hohen Tarifabschlusses. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sah „die gesamte wirtschaftliche Entwicklung bedroht“. Und Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und damit Gegenspieler von Huber, warf der IG Metall vor, mit der Forderung die Tarifrunde für die Mitgliederwerbung zu missbrauchen. Dabei werde „die Weltmarktfähigkeit der Betriebe und die Sicherheit der Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt“, meinte Kannegiesser. Ähnlich äußerte sich der Verband des Maschinenbaus (VDMA), in dem neben der Autoindustrie die meisten Metaller arbeiten.

Die IG Metall ignoriere die Finanzkrise und den schwachen Dollar, die hohen Rohstoffpreise und den Auftragsrückgang. „Sie nimmt offenbar nicht wahr, was in dieser Welt vor sich geht. Anders kann ich mir die exorbitante Forderung nicht erklären", sagt VDMA- Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse. Anstelle von Lohnprozenten, die dauerhaft die Arbeitskosten erhöhten, plädierte Hesse für „Einmalzahlungen als geeignetes Mittel, Arbeitnehmer angemessen am Erfolg zu beteiligen“.

Gewerkschaftschef Huber räumte die Abschwächung der Konjunktur ein. Aber die Produktion in der Metall- und Elektroindustrie werde sich auch 2009 „auf hohem Niveau bewegen“. Im Übrigen gebe es Nachholbedarf, da seit 2003 die Realeinkommen der Arbeitnehmerhaushalte gesunken seien. „Es geht um eine Tarifrunde für mehr Wachstum und mehr Gerechtigkeit.“ Die Kaufkraft müsse gestärkt werden. 2007 war die Gewerkschaft mit einer Forderung von 6,5 Prozent angetreten, am Ende gab es dann einen zweistufigen Abschluss von 4,1 Prozent ab 2007 und 1,7 Prozent ab 2008 sowie Einmalzahlungen. Huber wies am Dienstag „Erpressungsdrohungen“ der Arbeitgeber hinsichtlich möglicher Arbeitsplatzverluste zurück. Die Lohnstückkosten seien in Deutschland in den vergangenen Jahren auch wegen der geringen Lohnabschlüsse massiv gesunken. „Keine Metallindustrie weltweit arbeitet effektiver als die deutsche. Und die, die dies leisten, wollen vernünftig leben.“

Die Finanzkrise ist für Huber kein Grund zur Bescheidenheit. Es sei für die Unternehmen nicht schwieriger an Geld zu kommen, da das Bankensystem in Deutschland intakt sei. Außerdem könnten die Metaller kaum für die Fehler anderer herangezogen werden. „Es geht nicht an, dass diejenigen, die dieses Desaster verantwortet oder durch Nichtstun zugelassen haben, jetzt den Menschen sagen: ,Ihr dürft am wirtschaftlichen Aufschwung nicht teilhaben’.“ Dagegen meinte Kannegiesser, in der Weltwirtschaft werde es „brenzliger, und die IG Metall tut so, als ob wir noch mitten im schönsten Aufschwung wären“.

Am 2. Oktober beginnen die Verhandlungen für das Tarifgebiet Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Die IG Metall will möglichst noch im November zu einem Abschluss kommen. Die Friedenspflicht endet mit dem Auslaufen der aktuellen Tarifverträge am 31. Oktober. Dann sollen umfangreiche Warnstreiks die andere Seite zu einem Kompromiss bewegen.

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