IG Metall : Dämpfer für den Neuen

Die IG Metall wählt Detlef Wetzel zum neuen Vorsitzenden – mit dem zweitschlechtesten Ergebnis in der Nachkriegszeit.

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Führungswechsel. Detlef Wetzel (l.) folgt auf Berthold Huber, den die Kanzlerin am Montag als „geradlinig und zuverlässig“ lobte.
Führungswechsel. Detlef Wetzel (l.) folgt auf Berthold Huber, den die Kanzlerin am Montag als „geradlinig und zuverlässig“ lobte.Foto: dpa

Es ist ungewöhnlich, dass eine CDU-Kanzlerin auf einem Gewerkschaftstag die Stimmung hebt. Doch am Montagmorgen kam Angela Merkel gerade recht. Die knapp 500 Delegierten des IG-Metall-Kongresses in Frankfurt hatten sich soeben eine neue Führung gewählt – und waren selbst erschrocken über das Ergebnis. Detlef Wetzel wurde mit bescheidenen 75 Prozent zum Nachfolger Berthold Hubers gekürt; ein schlechteres Quorum für einen IG Metall-Chef gab es seit dem Krieg nur einmal, und zwar im Krisenjahr 2003 für Jürgen Peters. Jörg Hofmann, bislang Chef der Gewerkschaft in Baden-Württemberg, ist seit Montag zweiter Vorsitzender der gesamten IG Metall; er kam auf gleichfalls mickrige 77 Prozent.

Wetzel und Hofmann sind Protagonisten des pragmatischen Reformerflügels. Aber selbst viele linke Delegierte, die die beiden nicht gewählt hatten, waren konsterniert über den Misstrauensbeweis für die neue Spitze. Da taten die warmen Worte der Bundeskanzlerin gut. Sie sei „zur größten freien Gewerkschaft der Welt gekommen, um Danke zu sagen“, begann Merkel ihre Ausführungen mit Blick auf den ausscheidenden Huber, von dem sie „in vielen sehr persönlichen Diskussionen manches gelernt habe“. Huber habe „geradlinig und zuverlässig, in den ernsten Stunden der Finanzkrise vernünftig gehandelt, um Arbeitsplätze zu sichern“.

Am Ende umarmte Merkel die IG Metall, indem sie die Stärke der deutschen Wirtschaft vor allem mit „den tollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern“ erklärte und die „unerlässliche Sozialpartnerschaft“ betonte. Die Bundeskanzlerin von der CDU bekam mehr Applaus als zuvor die neue Gewerkschaftsführung.

Ein paar Stunden vor den entscheidenden Koalitionsverhandlungen erklärte Merkel den Metallern ihre Politik und ging dabei auf zentrale Forderungen der Gewerkschaften ein. Leiharbeit etwa müsse „eine vorläufige Sache sein“. Um den dauerhaften Einsatz und also Missbrauch zu erschweren, werde die neue Regierung handeln. Ebenso beim Umgang mit Werkverträgen, für Merkel „ein neues potenzielles Missbrauchsfeld“. Hier sollen künftig die Betriebsräte darüber informiert werden müssen, „was es an Werkverträgen gibt“. Ein gesetzlicher Mindestlohn kommt, „über Modalitäten reden wir noch“. Merkel bekräftigte aber auch die „Sorge, dass der Mindestlohn Arbeitsplätze kosten kann“.

Der Renteneintritt bereits mit 63 Jahren, wenn 45 Jahre Beiträge gezahlt worden sind, steht auf der Forderungsliste der IG Metall ganz oben. Ein großer Teil ihrer Mitglieder, ob in Stahlhütten oder an Montagebändern der Autoindustrie, ist mit 63 Jahren platt. „Da will ich nicht drum herumreden“, bezog Merkel Stellung und kündigte Widerstand an. „Das wird bis zur letzten Minute umstritten sein.“ Da zunehmend weniger Beitragszahler für immer mehr Rentner sorgen müssten, führe an einem späteren Renteneintritt kein Weg vorbei. „Wir bleiben dabei, die Rente mit 67 ist ein historischer Fehler“, hielt Detlef Wetzel dagegen. „Wer nach über vierzig Jahren harter Arbeit nicht mehr kann, muss zu angemessenen Bedingungen aus dem Berufsleben ausscheiden dürfen.“

Der neue Vorsitzende der knapp 2,3 Millionen IG Metaller äußerte sich durchaus wohlwollend über die sich abzeichnende Koalitionsvereinbarung. „Wir sind besser dran als mit der Agenda 2010 der SPD aus dem Jahr 2003.“ In einem Grundsatzreferat steckte der 60-jährige Siegerländer die Wegmarken der kommenden Jahre ab. Nachdem die IG Metall mit einer strikten Mitglieder- und Betriebsorientierung in den vergangenen Jahren erfolgreich war, gehe es nun um die Erschließung weiterer Beschäftigtengruppen für die Gewerkschaft. „Wir agitieren nicht, sondern wir hören zu, was die Menschen bewegt.“ Heute gebe es in Deutschland eine „ganz andere Stimmung als noch vor zehn Jahren“, das Bedürfnis nach Beteiligung und mehr Demokratie sei größer denn je und die IG Metall verstehe sich als „ein starker Partner für alle Menschen, die mit uns für eine gerechte Gesellschaft kämpfen“. Und Gerechtigkeit, so Wetzel, beginne in der Schule.

Im deutschen Bildungssystem „treffen wir auf eine knallharte Klassengesellschaft: Sage mir den Schulabschluss deiner Eltern und ich sage dir, wo du landest“. Jedes Jahr würden 300 000 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz bekommen und in staatlich finanzierten Warteschleifen untergebracht; dass Jahr für Jahr 60 000 Schüler die Schule ohne einen Abschluss verlassen, sei eine „Katastrophe“. „Deutschland ist Champion auf dem Weltmarkt und unterste Liga in der Bildung“, schimpfte der neue IG-Metall-Vorsitzende.

Zustimmung auch vom linken Flügel gab es dann doch noch für den neuen Chef, als Wetzel sich Neoliberalismus und Finanzkapitalismus vorknöpfte und die Vermögensverteilung hierzulande attackierte. Die 13 000 reichsten Familien würden so viel besitzen wie die ärmsten 20 Millionen Familien. „Die staatliche Reichtumspflege muss ein Ende haben“, sagte Wetzel. Ein bisschen Klassenkampf muss eben immer noch sein bei Gewerkschaftstagen der IG Metall.

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