Wirtschaft : IG Metall prangert Mercedes an

Gewerkschaft kritisiert Produktpolitik und Stellenabbau/Mercedes-Chef Zetsche begründet Streichung von 8500 Stellen

Alfons Frese

Berlin - Die IG Metall will den Abbau von 8500 Stellen bei Mercedes-Benz in Deutschland nicht hinnehmen. „In den nächsten Wochen werden wir nach Alternativen suchen“, sagte der baden-württembergische IG-Metall-Chef Jörg Hofmann dem Tagesspiegel. Beispielsweise sei zu prüfen, ob ausgelagerte Tätigkeiten zurückgeholt werden könnten, um so die überzähligen Mercedes-Benz-Beschäftigten mit Arbeit zu versorgen. IG-Metall-Chef Jürgen Peters regte eine Absenkung der Arbeitszeit an, damit niemand entlassen werden muss.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) kritisierte den Stellenabbau scharf. Zugleich forderte er die Wirtschaft auf, mehr Verantwortung in Deutschland zu übernehmen. Er sei dafür, „mit der Wirtschaft über die Verteilung und die Übernahme von Verantwortung in unserem Land zu reden“, sagte Schröder der „Sächsischen Zeitung“.

IG Metaller Hofmann warf dem Mercedes-Management vor, zu spät neue Produkte auf den Markt gebracht und sich bei der Absatzerwartung verschätzt zu haben. „E-Klasse und C-Klasse haben schlicht nicht die erwarteten Stückzahlen erreicht“, sagte er. Auch sei Mercedes in vielen Marktnischen, anders als etwa Toyota, nicht vertreten. „Diese Themen prangern wir seit Jahren an.“

Mercedes-Chef Dieter Zetsche erläuterte am Donnerstag auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen vor rund 10000 Mitarbeitern die Abbaupläne. In den deutschen Mercedes-Pkw-Werke mit ihren rund 93000 Mitarbeitern liegen nach Angaben Zetsches die „Kosten in allen Teilen der Wertschöpfungskette deutlich über denen der besten Wettbewerber“. Die Produktionskapazitäten seien zu hoch. Zetsche forderte die Beschäftigten auf, die angebotene Abfindung anzunehmen und freiwillig das Unternehmen zu verlassen. Wenn bis März 2006 nicht erkennbar sei, dass der Abbau auf freiwilliger Basis gelinge, erwäge der Konzern eine Arbeitszeitverkürzung.

Daimler-Chrysler hat insgesamt 950 Millionen Euro für den Personalabbau zur Verfügung gestellt. Am stärksten betroffen ist das Werk in Sindelfingen, wo von gut 31000 Arbeitsplätzen 3100 gestrichen werden sollen. In Bremen sind 2700 von 13400, in Untertürkheim 1100 von 20000, in Rastatt 200 von 6400, im Berliner Motorenwerk 100 von 3000 und in Hamburg 80 von 2400 Beschäftigten betroffen. Weitere 600 Arbeitsplätze sollen im Vertrieb wegfallen. Woher das Unternehmen die 950 Millionen Euro nehmen will, blieb am Donnerstag offen. Der Konzern hatte mitgeteilt, der Aufwand werde „durch außerordentliche Erträge sowie durch Ergebnisverbesserungen im operativen Geschäft kompensiert werden“.

Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler meinte dazu, der Konzern werde vermutlich den Großmotorenhersteller MTU Friedrichshafen verkaufen, was seiner Einschätzung nach zwischen 300 und 400 Millionen Euro bringe. Möglich sei auch eine Verbesserung des operativen Gewinns um etwa 300 Millionen Euro in den letzten beiden Quartalen.

Gewerkschafter Hofmann äußerte sich skeptisch, dass der Ausstieg von 8500 Mitarbeitern trotz hoher Abfindungen erreicht werde. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei unverändert schlecht. Daimler-Chrysler veröffentlichte derweil Details der Abfindungsberechnung. Im Kern hängt die Summe von der Betriebszugehörigkeit und dem Gehalt ab. Ferner gibt es einen Zuschlag bei frühzeitigem Ausscheiden. Nach einer Rechnung des Betriebsrats erhält ein 52-Jähriger mit einem Gehalt von 3200 Euro, der sich sofort entscheidet, 178300 Euro. Im Höchstfall sind 275000 Euro möglich. Die Abfindung muss versteuert werden: Bis zu einem Freibetrag, der zwischen 7200 Euro und 11000 Euro liegt, ist sie steuerfrei, danach greift der Einkommensteuersatz.

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