Wirtschaft : IG Metall: Tarifrunde nicht auf Lohn reduzieren

Vize-Chef Huber fordert auch Regelungen zu Innovation und Weiterbildung / Arbeitnehmer werden erpresst, sagt die Gewerkschaft

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Mannheim/Berlin – Die IG Metall will die nächste Tarifrunde nicht auf die Bezahlung reduzieren. Die Gewerkschaft will auch Regelungen über Arbeitszeitkonten, Qualifizierung und Weiterbildung von Arbeitnehmern sowie Innovationen in den Betrieben durchsetzen. Der Arbeitgeber soll dem Betriebsrat künftig einmal im Jahr einen Innovationsbericht vorlegen, sagte der zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, am Sonnabend zum Abschluss der tarifpolitischen Konferenz der Gewerkschaft in Mannheim. Die Tarifverhandlungen mit den MetallArbeitgebern beginnen im nächsten Februar.

Huber warf den Arbeitgeberverbänden vor, sie würden ihrer „ordnungspolitischen Funktion“ nicht gerecht. Die Arbeitnehmer würden in ihren Betrieben zunehmend erpresst und zu unbezahlter Mehrarbeit angehalten. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser wies die Vorwürfe vor mehreren hundert Gewerkschaftern zurück. Zur Standort- und Beschäftigungssicherung sei es notwendig, Betrieben Sondervereinbarungen mit der Belegschaft zu ermöglichen, auch wenn die Firmen durch Tarifverträge gebunden seien. Betriebliche Bündnisse für Arbeit dürften „von niemandem blockiert werden“. Die gewerkschaftliche Strategie des „besser statt billiger“ reiche nicht aus, „besser und billiger“ müsse vielmehr die Devise sein.

Huber räumte ein, dass sich der Tarifvertrag an der Wirklichkeit orientieren müsse. Allerdings werde die Wirklichkeit zunehmend auch von Unternehmen geprägt, die ihre Mitarbeiter zu längerer Arbeitszeit oder weniger Geld erpressten. „Hinter Ihrer redlichen Haltung", sagte Huber zu Kannegiesser, „hat sich ein Kapitalismus ausgebildet, den Redlichkeit einen Scheißdreck interessiert.“

Die schwierige Situation der Gewerkschaft hatte bereits am Freitag der nordrhein-westfälische Bezirkschef Detlef Wetzel beschrieben. Was die Tarifbindung anbelangt, also wie viele Firmen tatsächlich nach Tarif zahlen, liege Deutschland EU-weit an drittletzter Stelle. „In unserer eigenen Wahrnehmung sind wir die großen Helden“, sagte Wetzel, „doch die Realität sieht anders aus.“ Wetzel ist in der IG-Metall-Spitze der entschiedenste Befürworter einer stärkeren Betriebsorientierung. Da die Bedeutung des Flächentarifs immer kleiner werde, müsse sich die Gewerkschaft auf das „Aktionsfeld Betrieb“ konzentrieren. Dazu sei allerdings eine „radikal veränderte Organisation der IG Metall nötig“.

Zu Beginn der dreitägigen Konferenz hatte IG-Metall-Chef Jürgen Peters am Donnerstag für die 3,5 Millionen Beschäftigten in der Elektro- und Metallindustrie eine kräftige Lohnerhöhung für die anstehende Tarifrunde gefordert. Huber fügte am Samstag hinzu, dabei dürfe es nicht um „verpuffende Einmalzahlungen“ gehen. Das Magazin „Focus“ zitierte Huber mit den Worten, zwar werde die eigentliche Tarifforderung erst im Januar beschlossen, aber es stünden vier Prozent im Raum. Eine IG-Metall-Sprecherin dementierte das am Samstag. Huber habe sich auf keine Zahl festgelegt. Allerdings hatte bereits am Montag die Vorsitzende der IG Metall Küste, Jutta Blankau, für 2006 Lohnerhöhungen von vier Prozent ins Spiel gebracht.

Eine Lohnforderung von vier Prozent wäre nach Meinung des Berliner Ökonomen Michael Burda auch „nicht überraschend“. „Das wäre das übliche Signal, dass die IG Metall kämpferisch in die nächste Lohnrunde gehen will“, sagte der Wirtschaftsexperte dem Tagesspiegel am Sonntag. Am Ende der Verhandlungen wird nach Meinung Burdas jedoch höchstens eine Lohnsteigerung von 1,5 Prozent stehen, möglich sei auch ein Anstieg von nur einem Prozent. Alles andere ließe sich angesichts der Produktivitätsentwicklung und der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht rechtfertigen.

Gegenstand der Tarifverhandlungen in Baden-Württemberg wird auch die so genannte Steinkühler-Pause sein. Am Freitagnachmittag hatten 60 Metaller, angeführt von Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, für die Beibehaltung der achtminütigen Pause je Arbeitsstunde demonstriert. IG-Metall-Vize Huber versicherte den Demonstranten, es werde in der kommenden Tarifrunde nur einen Abschluss geben, wenn auch die Pausenregelung gesichert sei. Das erschwert allerdings einen Pilotabschluss außerhalb Baden-Württembergs, wie ihn die Gesamtmetall-Spitze eigentlich anstrebt. Tarifabschlüsse im relativ wirtschaftsstarken Baden-Württemberg mit einer gut organisierten IG Metall sind in der Regel teurer für die Arbeitgeber als in anderen Tarifbezirken. alf/hej

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