Wirtschaft : IG Metall und Debis auf tarifpolitischem Neuland

Dienstleistungstarif abgeschlossen / Erfolgsabhängige Vergütung BERLIN (mhm/HB).Es kommt nicht alle Tage vor, daß die Tarifkommission einer Gewerkschaft mit Sekt auf einen Vertragsabschluß anstößt.Doch nach dem monatelangen Ringen mit dem Vorstand der Debis AG um eine Regelung tarifvertraglicher Basisbestimmungen wie Arbeitszeit, Entgelt und Qualifikation war den Gewerkschaftern der IG Metall doch nach Feiern zumute.Schließlich, daraus machte IG Metall-Vizechef Walter Riester keinen Hehl, fängt die Gewerkschaft damit nicht nur Arbeitsbereiche bei einem Dienstleistungskonzern ein, die sich "dem Flächentarifvertrag bislang entzogen haben".Zudem sieht sich die IG Metall damit auch innerhalb des Gewerkschaftslagers in der Debatte um die Reform der Tarifverträge wieder an der Spitze der Bewegung.Auch wenn Riester davor warnte, den Abschluß zum Modellfall für die Branche nehmen zu wollen, so hofft er doch auf Nachfolge-Verträge in anderen Unternehmen.Voll des Lobes über den Abschluß war auch der Hauptgeschäftsführer der Metallarbeitgeber im Daimler-Benz-Kernland Nordwürttemberg/Nordbaden, Ulrich Brocker.Vor dem Hintergrund der anhaltenden Kritik an den Flächentarifverträgen sprach er von einem "Vorbild für die Tarifpolitik".Und Debis-Vorstandschef Klaus Mangold reklamierte gar ein "Stück Neubestimmung für den Standort Deutschland".Was den Vertrag für Debis-Personalchef Norbert Bensel so attraktiv macht, ist neben einer einheitlichen Regelung der Arbeitsbeziehungen für die Hälfte der rund 10 000 inländischen Debis-Beschäftigten, die vereinbarte stärkere Flexibilisierung der Wochen- und Lebensarbeitszeit und eine stärkere Beteiligung der Beschäftigten an Erfolg oder Mißerfolg des Unternehmens wie der eigenen Arbeit.So werde die Beziehung zwischen Vorgesetzen und Mitarbeitern gestärkt.Ohne die könnte der Rahmen nicht ausgefüllt werden, den die Parteien für verstärkte betriebliche Regelungskompetenz gesetzt haben.So wird das Vergütungssystem um eine variable Gehaltskomponente erweitert, die zwischen zehn und 20 Prozent des Jahresgehaltes ausmachen kann.Zur Berechnung des Zu- oder Abschlags wird je zur Hälfte die im Gespräch mit dem Vorgesetzten bewertete Leistung des Arbeitnehmers und der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmensbereichs herangezogen.Auch in der Frage der Arbeitszeit räumen beide Seiten den Beteiligten eine hohe Regelungskompetenz nach deren individuellen Wünschen ein.So beträgt die Wochenarbeitszeit je nach Lebensalter zwischen 35 und 40 Stunden.Damit wird auf die bestehenden Verhältnisse Rücksicht genommen: Denn ein Teil der Debis-Beschäftigten unterliegt dem gültigen IG Metall-Tarif.Andere haben eine 40-Stunden-Woche.Bei Älteren kann sich die Arbeitszeit künftig stufenweise auf 35 Stunden pro Woche reduzieren.Nach mindestens 10jähriger Betriebszugehörigkeit hat jeder Anspruch auf die 35-Stunden-Woche, ohne daß die Tarifeinkommen davon berührt würden.Andererseits besteht die Möglichkeit, im Rahmen des Jahresgesprächs zusätzliche individuelle Arbeitsbudgets festzulegen, etwa für besondere Projekte oder Aufgaben.Hierfür wurde entgegen erster Überlegungen keine Arbeitszeit-Begrenzung festgelegt.Die Differenz zwischen erhöhter Arbeitszeit und Regelarbeitszeit wird auf Langzeitkonten festgehalten.Diese können die Beschäftigten zum Freizeitausgleich oder für Qualifizierungen nutzen.Wenn nach fünf Jahren mehr als 550 Stunden aufgelaufen sind, besteht die Möglichkeit, das Zeitpolster für einen vorzeitigen Ruhestand in Anspruch zu nehmen.

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