Wirtschaft : IG Metall verteidigt VW-Tarifpolitik

Gewerkschaft: Sichere Jobs und Wettbewerbsfähigkeit sind kein Widerspruch

Bernd Hops/Alfons Frese

Berlin/Frankfurt am Main - Die IG Metall hat davor gewarnt, bei der Sanierung des Volkswagen-Konzerns vor allem über einen Personalabbau zu reden. Zuletzt hatte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) gewisses Verständnis geäußert. Jörg Köther, Sprecher der IG Metall Niedersachsen, sagte dem Tagesspiegel am Dienstag, Wulff dürfe „sich nicht der Gefahr aussetzen, dem Arbeitsplatzabbau bei VW leichtfertig das Wort zu reden“. Der Ministerpräsident habe aber als Vertreter des größten Aktionärs – dem Land Niedersachsen – natürlich das Recht, sich zu äußern. IG-Metall-Sprecher Köther betonte, auch die Gewerkschaft unterstütze den Sanierungskurs bei VW. „Allerdings sehen wir zwischen dem Ziel der Beschäftigungssicherung und der Wettbewerbsfähigkeit keinen Widerspruch.“

Kanzler Gerhard Schröder (SPD) hielt sich am Dienstag bei seiner IAA in Frankfurt am Main-Rede aus der Diskussion heraus. Eine Passage aus seinem Redemanuskript, in der er die Tarifpolitik behandeln wollte, ließ er aus.

VW steht derzeit stark unter Druck zu sparen. Im Vergleich zu den großen Wettbewerbern produziert der Konzern zu teuer. Zwar gibt es von Seiten des Unternehmens noch keine konkreten Zahlen, wie viele Stellen wo gestrichen werden sollen. In Konzernkreisen hieß es aber, in Europa könnten bis zu 14000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Insgesamt beschäftigt VW hier 123000 Menschen, allein in Deutschland rund 100000.

Ministerpräsident Wulff hatte laut „Financial Times Deutschland“ am Montag gesagt: „Es wäre grundfalsch, von VW etwas zu verlangen, was betriebswirtschaftlich unvernünftig wäre. Mittel- und langfristig wären sehr viel mehr Arbeitsplätze bedroht, wenn man die nötigen Strukturanpassungen vermeidet.“ Am Dienstag relativierte er seine Äußerungen. Es sei aber eine Anpassung der Arbeitskosten notwendig. IG-Metall-Sprecher Köther sagte dazu, die Gewerkschaft sehe „keinen Gegensatz“ zwischen Profitabilität und Haustarifvertrag. Durch die Vier-Tage-Woche habe man VW einen großen Vorteil auch im Vergleich zu europäischen Konkurrenten verschafft. „Außerdem wird mittlerweile vergessen, dass der Zukunftstarifvertrag eine massive Kostensenkung für das Unternehmen gebracht hat“, sagte Köther. Es sei schwierig, von profitablen und unprofitablen Arbeitsplätzen zu sprechen. Die Rechnung müsse für den Konzern insgesamt aufgestellt werden.

Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte von der Fachhochschule Gelsenkirchen, warf der Gewerkschaft vor, ein Hauptverantwortlicher für die aktuelle VW-Misere zu sein. „Dass VW heute in dieser Situation ist, ist zu 50 Prozent Schuld der IG Metall“, sagte der Autoexperte dem Tagesspiegel. Ohne den Gewerkschaftsdruck wäre VW profitabler. Das Unternehmen habe in Deutschland die höchsten Löhne – höher als bei Mercedes oder Audi. Auch der jüngste Tarifvertrag habe das nicht grundlegend geändert. „Die Kostensenkungen durch diesen Vertrag können wir nicht nachvollziehen“, sagte Dudenhöffer. Der über die VW-Affäre gestürzte Personalvorstand Peter Hartz habe die Zahlen „rosarot gerechnet“.

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