Wirtschaft : Ikea-Mitarbeiter von Baufirma geschmiert

Bundesweite Razzia, drei Verdächtige in Haft

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Beim Bau von Ikea-Möbelhäusern in Deutschland ist nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Frankfurt am Main Schmiergeld geflossen. Zwei Ikea-Mitarbeiter und ein Bauunternehmer aus Düsseldorf wurden verhaftet und legten Teilgeständnisse ab. Insgesamt sind nach Angaben vom Donnerstag 15 bis 20 Verdächtige im Visier der Ermittler. Ein 56-jähriger Bauleiter bei Ikea soll über Jahre insgesamt 600 000 Euro Schmiergeld kassiert haben, sein Kollege etwa ein Zehntel dieser Summe. Der Schaden für das Unternehmen wurde noch nicht beziffert. Zwei der drei Festgenommenen legten allerdings schon Teilgeständnisse ab.

Ikea-Sprecherin Sabine Nold bestätigte die Ermittlungen gegen die beiden Mitarbeiter wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. „Die Unternehmensleitung von Ikea ist erschüttert“, sagte sie. Ikea überprüfe die Vorgänge nun auch selbst und wolle „auch im Blick auf interne Vorsorge Konsequenzen ziehen“.

Bereits am Dienstag hatten Staatsanwaltschaft und Bundeskriminalamt die Ikea-Zentrale in Wallau sowie 21 Büros und Privathäuser in Bremen, Hamburg, Düsseldorf und in der Oberpfalz durchsucht. Rund 120 Beamte waren im Einsatz. Dem in Düsseldorf verhafteten 44 Jahre alten Bauunternehmer wird vorgeworfen, Mitarbeiter der Möbelhauskette bestochen zu haben, um an Bauaufträge zu kommen.

Ikea unterhält eine eigene Bauabteilung, die sich mit der Errichtung neuer und der Instandhaltung bestehender Märkte befasst. In dieser Ikea Verwaltungs GmbH waren die beiden verhafteten Mitarbeiter beschäftigt. Insgesamt arbeiten in der Tochtergesellschaft, die bei der Deutschland-Zentrale in Wallau bei Wiesbaden angesiedelt ist, 25 Mitarbeiter. Nach Angaben der Frankfurter Staatsanwältin Doris Möller-Scheu untersuchen die Ermittler mögliche Korruptionsfälle in den Jahren 2000 bis 2005. In dieser Zeit hat Ikea in Deutschland 14 neue Möbelmärkte eröffnet und mehrere bestehende Häuser komplett umgebaut.

Pro Neubau veranschlagt das Unternehmen ein Investitionsvolumen von etwa 60 Millionen Euro. Möglicherweise ist damit Berlin ebenfalls von den Vorgängen betroffen, auch wenn dort keine Büros durchsucht wurden. Das dritte Hauptstadt-Haus in Tempelhof wurde Ende 2003 eröffnet, ein viertes ist in Planung.

Möller-Scheu betonte, dass es offenbar nicht um interne Vorgänge bei Ikea gehe. Die Korruption habe in Verbindung mit der Vergabe von Bauaufträgen nach außen stattgefunden. Die Ermittlungen würden sich noch Wochen, möglicherweise auch Monate hinziehen.

Erst am Dienstag hatte Ikea-Deutschland-Chef Werner Weber die vorläufigen Zahlen für das zum 31. August endende Geschäftsjahr bekannt gegeben. Der Umsatz kletterte um gut elf Prozent auf 2,77 Milliarden Euro, auch das Ergebnis sei „sehr erfreulich“. Während Weber die Zahlen präsentierte, durchsuchten die Ermittler die Zentrale in Wallau.

Die jüngsten Korruptionsfälle in der deutschen Wirtschaft – von Infineon über Volkswagen bis zu Ikea – sind nach Einschätzung von Experten nur die Spitze des Eisberges. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter schätzt, dass allenfalls zwei Prozent aller Korruptionsfälle aufgedeckt werden, andere Experten sprechen von fünf bis sechs Prozent. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden hat sich die Zahl der aufgedeckten Korruptionsfälle seit 1994 mehr als vervierfacht – auf 1100 pro Jahr. Allein die erfassten Schmiergeldfälle sollen in Deutschland jährlich Schäden von fast sechs Milliarden Euro verursachen.

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