Wirtschaft : Ilia Isser Goldin

(Geb. 1924)||Er kämpfte gegen die Deutschen. Er flüchtete nach Deutschland.

Natalia Krutjakowa

Er kämpfte gegen die Deutschen. Er flüchtete nach Deutschland. Er wird in Smolensk geboren, in einer kleinen russischen Stadt, in einer traditionellen jüdischen Familie. Das letzte Kind, das Nesthäkchen, der erste Junge nach vier Töchtern. Die Familie zieht zur Verwandtschaft nach Witebsk, in die jüdische Marc-Chagall-Welt, die aber von der Zeit und der neuen Ideologie schon verändert ist.

Der Isik, wie er in der Familie genannt wird, geht noch in den Heder, eine traditionelle jüdische Schule – und wird Mitglied des Komsomol, der sozialistischen Jugendorganisation. Er sagt der Mutter, dass er keine religiösen Feste mehr feiern will. „Magst du gutes Essen, schmeckt dir gefillter Fisch? Das ist schon dein Pessach“, antwortet die weise Hannah. Der Fisch schmeckt ihm.

1941 zieht ein Teil der Familie nach Leningrad, Hannah und Isik bleiben in Witebsk, damit der Junge seine letzten Prüfungen an der Technischen Schule ablegen kann. Der Krieg bricht aus, die beiden legen 200 Kilometer zu Fuß zurück, die Koffer lassen sie irgendwo unterwegs liegen. Bei einem Luftangriff verstecken sie sich neben einem zerbombten Haus und suchen da nach etwas Essbarem. Kein Essen findet er, nur eine 20-Liter-Flasche mit jungem Blaubeerwein. Diesen Geschmack vergisst er nie.

Es folgen viele hundert Kilometer in einem Zug bis zum Ural. Ein Jahr in einem Dorf, wo der Stadtjunge eine Feldbrigade leitet und für die Ernte verantwortlich ist: die verbliebenen Greise aus dem Dorf, die Behinderten, Jugendlichen, seine Mutter gehorchen ihm.

1944. Hinter dem jungen Sergeant Goldin liegen eine kurze Kriegsausbildung und zwei Jahre an der Front. Er wird bei Stalingrad verwundet – und von Fledderern gerettet. Sie wollen seine Stiefel und bemerken, dass er noch atmet. Im Hospital bekommt er Typhus, aber er lebt. Diejenigen aus der Familie, die nach Leningrad gingen, sind verhungert, auch die in Witebsk geblieben sind, sind tot.

Isik gehört zu den zehn Prozent der Männer seines Jahrgangs in der Sowjetunion, die den Krieg überlebt haben.

Er geht nach Moskau, zu einer seiner verwitweten Schwestern, arbeitet, macht Abitur mit Auszeichnung an einer Abendschule, studiert an der Moskauer Technischen Hochschule. Er hat viele Freunde. Er will das Leben spüren, geht tanzen, geht ins Theater. Die Operetten kennt er auswendig. Er heiratet Emma, ein schönes Moskauer Mädchen. Sie bekommen eine Tochter. Und bleiben 53 Jahre beieinander. Kein leichtes Kapitel, ein ewiger Konflikt: die starke Ehefrau, die starken Schwestern – und er, der kleine Bruder, der den Schwestern die verlorenen Ehemänner ersetzen soll.

Eine Militärfabrik, der er nach dem Studium zugewiesen wurde, gibt ihm keinen Arbeitsplatz. In seinem Pass steht unter Nationalität: Jude. Es ist das Jahr 1952, die Juden sind in der Sowjetunion sehr unbeliebt. Er sucht sich selbst eine Arbeitsstelle und wird Lehrer an einer landwirtschaftlichen Berufsschule bei Moskau. Dort soll er Melkerinnen in den technischen Fächern unterrichten. Täglich fährt er eine Stunde mit dem Zug und lernt währenddessen selbst den Stoff. Die technischen Details sind für ihn kein Problem, er ist Ingenieur. Leider hat er noch nie eine Kuh gemolken. Dafür hat er pädagogisches Talent – die folgenden dreißig Jahre unterrichtet er technische Fächer an verschiedenen Berufsschulen und bekommt die höchste Auszeichnung für Lehrer in der Sowjetunion.

Er liebt seinen Beruf, Schüler und Schülerinnen himmeln ihn an. Später promoviert er in der pädagogischen Psychologie. Mit fünfzig, sehr spät, das fällt ihm nicht leicht. Seine Unterrichtsmethoden werden hoch geschätzt, er schreibt Lehrbücher, bildet Berufslehrer aus. Mit seinem Beruf entwickelt er eine gewisse Härte, Fotos zeigen einen starken, vielleicht herrischen Mann.

Etliche seiner jüdischen Freunde und Bekannten verlassen die Sowjetunion. Soll er auch gehen? Er hat so viel in diesem Land miterlebt und mitgetragen. Auch den Krieg. Warum darf ihm ein Betrunkener im Bus jetzt ins Gesicht brüllen: „Scheißjude, geh nach Israel“?

Die Entscheidung wird ihm abgenommen: Seine Tochter geht nach Deutschland, seine geliebte elfjährige Enkelin, die sehr krank ist, wird von deutschen Ärzten gerettet. Eine Emigration ausgerechnet nach Deutschland – früher unvorstellbar! Doch inzwischen empfindet er den Antisemitismus in Russland als Bedrohung.

Jude sein: Man kommt im Alter zu seinen Wurzeln. Es ist nicht nur der gefillte Fisch, der einem schmeckt.

Acht Jahre lebt er in Berlin. Das Leben im anderen Sprachraum ist nicht leicht, Heimweh nach Russland hat er aber nicht. Er gehört zur Jüdischen Gemeinde, trifft sich mit Kriegsveteranen, die ein ähnliches Schicksal haben wie er. Hin und wieder machen sie Ausflüge, sehen schöne Orte in dem Land, aus dem einst ihre Todfeinde kamen: die Sächsische Schweiz, Dresden, Wittenberg.

Die letzten drei Monate seines Lebens ist er sehr krank, aber er trägt sein Schicksal ruhig und mit Würde. Er wird ein bisschen kindisch, der ganze Schaum ist weg, es bleibt nur das Wichtigste: alle aus der Familie, die ihm was bedeuten, hat er um sich, und er spürt, wie er von ihnen geliebt wird.

Jetzt liegt er auf dem jüdischen Friedhof an der Heerstraße in Berlin. Der Kantor sagt, dass im Monat Nissan keine langen Trauerreden bei der Beerdigung erlaubt sind: Es ist Pessach-Zeit, die Zeit, sich zu freuen.

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