Wirtschaft : Ilse Köcke

(Geb. 1951)||„Ich bin da, um zu arbeiten, wozu denn sonst?“

Kirsten Wenzel

„Ich bin da, um zu arbeiten, wozu denn sonst?“ Ilse Köcke steht auf dem Grün mit dem schweren „Freischneider“ zum Rasenmähen. Die Sonne scheint, der Schweiß läuft. Die Parkanlagen um die Chemiewerke Leuna und Buna sind prächtig und weitläufig. Und wenn man das so vor sich sieht, könnte man meinen, es hätte im Leben dieser Frau genug von dem gegeben, was der Mensch so zum Leben braucht, Arbeit, Luft, ein wenig Grün.

In Merseburg war sie zu Hause, einem historisches Städtchen mit engen Gassen und hübschem Dom. Nur lag es lange Zeit im Zentrum der DDR-Chemieindustrie. Chemie brachte damals „Brot, Wohlstand und Schönheit“. Als sie noch in Lohn und Brot und Schichtdienst stand, im „Fleischereikombinat Merseburg“, da roch es vom Süden her nach faulen Eiern. Da war Buna. Die Saale dampfte, und die Häuserfassaden, und nicht nur die, zerfraß die giftige Luft von Leuna in Nordost.

Als Ilse Köcke zum Rasenmähen auf die Grünanlagen vor den Fabriken geschickt wurde, da waren die großen Produktionen längst geschlossen. Sie war jetzt eine „ABM-Kraft“, die zwischen ihren Einsätzen monatelang zu Hause saß, allein am Küchentisch. Und weil sie ihr Leben lang eine gewesen war, die von sich sagte: „Ich bin da, um zu arbeiten, wozu denn sonst?“, brauchte sie in diesen Zeiten eine ganze Flasche von ihrem „Weißen“, Korn mit Wasser verdünnt, um über den Tag zu kommen. Und sah deshalb mit Anfang 50 schon aus wie eine alte Frau.

Ihr Mann war mit 47 an Lungenkrebs gestorben, Sohn und Tochter längst nach Berlin gezogen. Ab zwei Uhr morgens im dünnen Kittel im Kühlhaus zu stehen und Schinken und Würste für den Westexport zu verpacken, das hatte ihr nichts ausgemacht. Ihre Ansprüche waren nicht groß. Zum Friseur gehen: ein Pflichttermin. Ihre Lieblingsbeschäftigung: Pilze putzen und Fische ausnehmen in den Ferienwochen auf dem Campingplatz in Mecklenburg. Dort gab es sogar Fischreiher! Anreise und Vorbereitung gehörten zum Vergnügen: Zwei bis drei Tage dauerte der Zeltaufbau, schon Wochen vorher begann sie damit, Fleisch in Gläsern einzukochen, einen großen Koffer voll.

Auf Kinderbildern, mit langen blonden Zöpfen und Teddybär im Arm, sieht sie traurig aus. Ihre Mutter lebte mit Stiefvater und den Söhnen aus zweiter Ehe in der Mietswohnung, sie und ihre Schwester, beide aus erster Ehe, auf dem Dachboden. Im Winter war morgens die Decke am Bett angefroren. Mit fünfzehn bekam sie ein Kind von einem, der ihr nicht wichtig war. Sie hoffte, so schneller dem Elternhaus entfliehen zu können. Fast ein Jahr musste sie mit dem Säugling auf dem Dachboden abwarten, und nach dem Mutterschutz ging es gleich weiter mit der Arbeit. „Ich krieg zehn Mark von dir“, sagte ihre Mutter, als sie sie einmal darum bat, auf das Kind aufzupassen.

„Sie hatte sich damit abgefunden, auf der Welt zu sein“, sagt ihre Tochter. Ihren Mann hatte sie über Annonce gefunden, eigentlich war sein Brief an ihre Freundin adressiert. Er gefiel er nicht, Ilse Köcke sagte: „Der ist doch nicht schlecht.“

So wie Merseburg, ihre Welt. Freiwillig wäre sie nie nach Berlin gekommen. Zu laut, zu hektisch, zu groß. Erst als es überhaupt nicht mehr ging, hat ihre Tochter sie nachgeholt. Zwanzig Minuten brauchten sie vom zweiten Stock aus ihrer Wohnung bis auf die Straße, so schwer waren die Beine geworden von all dem Wasser. Nierenversagen. Die Tochter schimpft auf „die unfähigen Ärzte dort unten“. „Alle Tabletten gleich in den Müll“, riet man ihr im Berliner Krankenhaus.

Als es Ilse Köcke etwas besser ging, lebte sie in Reinickendorf, in der Wohnung der Tochter, wo die Flugzeuge über den Balkon hinwegdüsen und die Straßen französische Namen haben. Der Schwiegersohn verwöhnte sie mit Schnittchen, die Enkelkinder kamen zum Kuscheln ins Zimmer. Gemeinsam schauten sie „Bianca“ und „In aller Freundschaft“. An guten Tagen fuhren sie zum Kurt-Schumacher-Platz für ein paar Schritte oder sogar mal rüber nach Polen zum Zigarettenholen. Sie las Heimatromane, sie schaute den Flugzeugen beim Starten und Landen zu.

So schlicht ihr Leben auch erscheinen mag, ganz zum Schluss verabschiedete sie sich doch mit einem Geheimnis. In den Stunden vor ihrem Tod rief sie immer wieder nach einem Herbert. Herbert, Herbert, wer das wohl war, rätselt nun die Familie. Ihr Mann hieß anders. Sie wird Herbert vermutlich gemocht haben.

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