Wirtschaft : Ilse Mock

Geb. 1944

Thomas Loy

Großstadtlinke ohne Hintertürchen ins Establishment. Wenn sie beim Pförtner des Kreuzberger Rathauses vorbeikam, wurde „Mock-Alarm“ ausgelöst. In den Amtszimmern schob man die Aktenschränke vor die Türen.

Oder so ähnlich.

Wie das genau lief mit dem Mock-Alarm, weiß Manne auch nicht. Die Geschichte muss doch gar nicht stimmen, um wahr zu sein. Für Kneipenabende taugte sie allemal. Ilse Mock ging ja gerne in Kneipen, blieb oft bis zuletzt, bestellte immer Weißweinschorle und dann noch eine. Man traf sie im „Elefanten“, im „Max und Moritz“, in der „Roten Harfe“.

Nun geht das ja nicht mehr. Ilse Mock ist dauerhaft verzogen, nicht mehr auf der Welt, aber noch immer in Kreuzberg. Ihre neue Adresse: Friedhof am Südstern. Der Krebs hatte sich unbemerkt in ihr zu schaffen gemacht. Sie ist ja nie zum Arzt gegangen.

Die Biographie von Ilse Mock ist eng verwoben mit der Geschichte des autonomen Königreichs Kreuzberg. Als das Königreich groß und mächtig war, Anfang der achtziger Jahre, war es auch Ilse. Sie war das Sprachrohr der Hausbesetzer. Sie saß morgens mit Politikern und Professoren am Konferenztisch und abends mit Öko-Freaks, Punks und maoistischen Studenten im Besetzerrat. Ilse war die Gewährsfrau, der man vertraute, weil sie tat, was sie sagte und sagte, was sie dachte. Sie wollte keine Gewalt, weder gegen Menschen noch gegen Häuser. Sie redete und schrieb und agitierte, bis jeder Gegner die weiße Fahne hisste. Sie ging für die Alternative Liste in die Kreuzberger BVV, trat in Fernsehdiskussionen auf und blieb doch immer Ilse Mock. Sie war altruistisch bis zur Selbstverleugnung, aber auch eigensinnig bis zur Sturheit.

Ein bisschen Jeanne d’Arc, sagen gute Freunde, ein bisschen Gipsy-Queen. Eine Mischung zwischen Rosa Luxemburg und Ursula Engelen-Kefer. An ihr konnte man sich wärmen wie an einem Kachelofen. Nach Berlin war sie Mitte der siebziger Jahre gekommen, um zu studieren: Heilpädagogik für behinderte Kinder. Nebenbei jobbte sie im „Max und Moritz“, weil sie Geld brauchte, für sich und ihre beiden Kinder, die sie alleine großzog. Ilse wurde ein politischer Mensch, engagierte sich gegen den Flächenabriss im Kreuzberger Nordosten. Das Studium gab sie irgendwann auf. Aus der wohlbehüteten Ilse aus Bremervörde war eine Goßstadtlinke geworden, die sich aber – anders als so viele 68er – kein Hintertürchen ins Establishment offen ließ.

Oranienstraße Anfang der Achtziger: Das besetzte Haus Nummer 198 soll geräumt werden. Einige Prominente wie Professor Hämer, Chef der Internationalen Bauausstellung, solidarisieren sich und übernachten mit den Besetzern. Ilse Mock ist auch dabei. Das Haus ist von Polizei umlagert, dahinter johlt der schwarze Block. Und Ilse Mock ruft aus einer Fensterhöhle in die Menge: „Soll ich zu euch kommen oder hier bei den Bonzen bleiben?“ Unter großem Beifall verlässt sie das Haus. Die VIP-Aktion ist ihr nicht geheuer. Ein taktischer Schachzug, der Erfolg verspricht, aber verdächtig faul riecht, nach Kollaboration und Heuchelei. Lieber mit dem Kopf durch die Wand und ein paar Beulen, als dieses flaue Gefühl im Magen, Ziele zu verraten. Wenn es Geld für neue Gasheizungen gab, wollte Ilse trotzdem die alten Kachelöfen behalten. Kohle kann man immer irgendwie heranschaffen, aber Gas?

Irgendwann schafft es Ilse nicht mehr, mit ihrem Starrkopf Wände umzurennen. Die Besetzung und Umgestaltung der alten Backsteinfabrik in der Waldemarstraße, ihr wichtigstes Projekt, scheitert nach vielen Jahren zwischen Hoffen und Bangen. Ihr Lebens-Fundament ist schwer erschüttert. Das zweitwichtigste Projekt ist der Kinderbauernhof am Mauerplatz. Als neben dem Bauernhof eine Kita errichtet wird, gegen den erbitterten Widerstand der Szene, spürt sie erneut, dass ihre Kraft nicht ausreicht. Freunde, die früher an ihrer Seite kämpften, sind Stadträte geworden, Experten fürs Tricksen und Beschwichtigen. Ilse nimmt übel und ist verbittert. Das autonome Königreich Kreuzberg steht vor dem Zerfall, die Alles-ist-möglich-Stimmung wird zur Gewissheit, dass Kreuzberg immer noch im gesetzestreuen Deutschland liegt. Ilse fühlt sich wie Eva kurz nach der Vertreibung aus dem Paradies.

Sie fährt mit Freunden nach Spanien und findet in einem kleinen Dorf in Andalusien eine Gebirgsader, aus der sich neues Glück schürfen lässt. Dann kommt ein Anruf: „Ilse, wir brauchen dich, hast du nicht Lust...“

Ilse übernimmt die Organisation eines Zelttheaters, das durch Europa tourt. Sie hat ja früher selbst im Kirchenchor gesungen, Gitarre gespielt und ist als Tanz- Komparsin im Edgar-Wallace-Film „Der Fluch der gelben Schlange“ aufgetreten. Nun bekommt sie ihren eigenen Wohnwagen. Auf dem steht: „geil und gemein“. Die Theaterleute sind ein „Kollektiv“. Essen, Trinken, Autos und Sprit sind für alle frei. Jeder bekommt das gleiche Taschengeld. Wer in den Theaterferien etwas dazuverdient, muss die Hälfte abgeben. Ilse hat einen neuen Aktionsraum gefunden, der zu ihr passt. Als nachts zwischen den Wohnwagen ein Gepolter und Gebrüll anhebt, weil sich ein paar Betrunkene streiten, tritt Ilse mit ihrem kleinen Hund aus der Tür und ruft markerschütternd: „Tranquilo hombres!“ Sofort ist es ruhig.

Nach zwei Jahren löst sich das Theater auf. Ilse braucht wieder eine Wohnung. „Kannste mir nicht eine aufbohren?“, fragt sie einen Freund. Die Logik der Hausbesetzerin. Ilse findet einen Job in einem Obdachlosenprojekt und kümmert sich um ihren Gemüseacker auf dem Kinderbauernhof. Sie macht auf „Permakultur“, eine selbsterhaltende, sich selbst genügende Symbiose zwischen Pflanzen und Menschen. Von den Indianern will sie lernen, von den Aborigines und den Ureinwohnern Afrikas. Der Kinderbauernhof ist ihr Vermächtnis – er kämpft gerade ums Überleben. Dort wollte sie begraben werden, gleich hinterm Schweinestall.

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