Wirtschaft : Ilse Spreen

Geb. 1921

Anne Jelena Schulte

Wie macht man aus Häschen Kämpferinnen? Mit Disziplin und Reiterei. Ilse Spreen wollte niemals einen Führerschein besitzen. Sich von Blechschildern am Straßenrand Vorschriften machen lassen – soweit kommt’s noch. Wenn hier jemand Vorschriften machte, dann sie. Sie setzte sich auf’s Rad, sauste mit wehendem Haar an Stoppschildern vorbei und ließ die Autofahrer fluchen.

Auch wenn sie stillstand, erregte sie Aufsehen. Auf einer amerikanischen Hochzeit betrachtete der Trauzeuge, ein GI, die Trauzeugin Ilse an seiner Seite, und prompt fielen ihm die Ringe des Brautpaares aus der Hand. Während die Hochzeitsgemeinde unter den Kirchenbänken herumrutschte, tauschten die Trauzeugen innige Blicke.

Bald darauf bekamen sie ein Kind und zogen nach Süddeutschland. Hinter ihrem Rücken tuschelte man über die schöne, aber nicht mehr ganz junge Mutter aus Berlin, die sich weigerte, ihrem Lebensgefährten die Hemden zu bügeln, die sich viel zu elegant kleidete und ihr uneheliches Baby im Dorf spazieren fuhr. Zwei Jahre später musste er wieder nach Amerika und bat seine Ilse, ihn zu begleiten. Die aber hatte keine gute Meinung von Amerika, und da an ihrer Meinung nie zu rütteln war, verlegte sie ihren Wohnsitz lediglich zurück nach West-Berlin. 1968 erfuhr sie, dass er in Vietnam gefallen war.

Ilse Spreen wurde Sachbearbeiterin beim Bezirksamt Steglitz. Das Töchterlein wuchs heran, brachte Kröten, Igel und Eichhörnchenbabys nach Hause, und irgendwann sagte es: „Ich will ein Pferd.“ Ilse Spreen dachte nach. Für die Jungs gab es überall Fußballplätze. Das Bilderbuch „Die Häschenschule“ kam ihr in den Sinn: „Und die Mädchen knabbern stumm an dem Frühstückskraut herum, und sie wandern tipp-tipp-tapp mit der Freundin auf und ab.“ Das konnte es doch nicht sein! Sie pachtete ein Grundstück der Reichsbahn und kaufte ihrer Tochter ein Pony. Und die Mädchen aus der Nachbarschaft kamen und wollten auch so was.

So entstand in Düppel der Reiterhof, wuchs und wuchs, und Ilse Spreen führte ihn mit starker Hand.

Die Mitgliedsbeiträge hielt sie niedrig; sie wollte kein Geld verdienen, sondern aus Häschen Kämpferinnen machen. Eine Kämpferin braucht zunächst einmal Disziplin. Also: Ohrringe raus, Haare zusammen, Kaugummi in den Müll. Für Sentimentalität gab es keinen Anlass. Stand ein Kind bibbernd an der Koppel, sagte sie: „Wer friert, ist entweder arm oder dämlich.“

Eifrige Mütter, die ihren Töchtern den Reithelm hinterhertrugen oder sich in jeden Streit einmischten, bekamen eine Rüge – und Stricknadeln in die Hand. Statt die Mädchen vom Erwachsenwerden abzuhalten, sollten sie bei der Fertigung warmer Islandpullover helfen.

Jungs waren theoretisch willkommen – in der Praxis empfand Ilse Spreen sie als Störenfriede. Es ärgerte sie, dass Mädchen, für die Düppel bislang der Mittelpunkt des Lebens gewesen war, plötzlich verschwanden, nur weil am Horizont ein paar struppige Kerle erschienen.

Dass ihre Tochter jeden Mann vergraulte, der sich in Ilses Nähe wagte, nahm sie ihr nicht übel. Der würde ihr am Ende doch nur Vorschriften machen.

Wenn über dem Bahngelände von Düppel die Sonne unterging, stellte sich Ilse Spreen in den Holzverschlag und briet der ganzen Truppe Eierkuchen. Wildwestromantik kam aber niemals auf: „Sitz’ gerade, und kennst du eigentlich den Unterschied zwischen Gabel und Forke?“

Wachsam verfolgte sie die Lebenswege der Mädchen. War eine in Not, bot sie auch privat einen Unterschlupf. Und wenn sie sah, dass ihre Mädchen sich nicht aus dem Sattel werfen ließen, war sie stolz, als seien es ihre Töchter.

Sie selbst blieb bis zum Schluss Herrin über ihr Leben. Noch mit 82 Jahren kletterte sie über die Zäune. Einem abschätzig blickenden Turnschuh-Verkäufer erklärte sie: „Vielleicht sehe ich senil aus, aber in bin ich immer noch.“ Sprach’s, kaufte ein Paar Nikes und verließ erhobenen Hauptes den Laden.

„Haben Sie Angst?“, fragte eine Krankenschwester sie kurz vor ihrem Tod. Ilse Spreen schüttelte den Kopf und freute sich über den letzten warmen Tag des Jahres.

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