Wirtschaft : Im Dienste des Herrn

Papst Johannes Paul II. wird gebrechlicher – und die Sorge wächst, dass seine Vertrauten inzwischen die Entscheidungen treffen

Daniel Williams

Sie gehören zu einer kleinen Gruppe päpstlicher Berater, die mit Johannes Paul II eng vertraut sind und seine Gedanken und Gewohnheiten seit Jahrzehnten kennen. Sie werden auch einfach „das Appartement“ genannt, eine Anspielung auf die Wohnung des katholischen Oberhauptes im großen Vatikanpalast. Jetzt, gegen Ende des langen Pontifikats Johannes Paul II., agiere das Appartement zunehmend als Auge, Ohr und Dolmetscher des Papstes, sagen Beobachter des Vatikan. Wenn ein Anruf aus dem Vatikan komme, sagt ein italienischer Beamter, der gelegentlich mit dem Kirchenstaat zu tun hat, heiße es nur: Das Appartement möchte dies, das Appartement möchte das.

In Gesprächen mit Kennern des Vatikan werden im Zusammenhang mit dem Appartement meist folgende Namen genannt: Kardinal Joseph Ratzinger, Vorsitzender der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Angelo Sodano, Staatssekretär des Vatikans und de facto Premierminister des Papstes, Erzbischof Leonardo Sandri, der Personalchef, der buchstäblich zum Sprachrohr des Papstes geworden ist, und Erzbischof Stanislaw Dziwisz, Privatsekretär und langjähriger Vertrauter des Pontifex. Kardinal Camillo Ruini, Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz, wird ebenfalls erwähnt.

Wer für was verantwortlich ist, ist ein sensibles Thema, was zum Teil historisch bedingt ist. Der Vatikan ist voller Geschichten über Intrigen um Rücktritt, Tod und Ersetzung von Päpsten. Weil das Wort des Pontifex für die Kirche Gesetz ist, werden Vermutungen in der Öffentlichkeit, ein anderer könne anstelle des Papstes Entscheidungen treffen, als Untergrabung päpstlicher Autorität gewertet. Innerhalb des Vatikans ist eine Diskussion des Themas völlig undenkbar – außerhalb wachsen jedoch die Zweifel daran, dass der Papst noch selbst entscheidet.

Kenner behaupten zwar felsenfest, dass sich die Rolle der engen Vertrauten trotz des immer schlechteren Gesundheitszustandes des Papstes nicht wesentlich von den Tagen unterscheide, in denen sich der Papst besserer Gesundheit erfreute. „Es ist wie in einer Familie, in der der Patriarch müde ist“, sagt Giorgio Rumi, ein katholischer Historiker. „Der Rest der Familie hilft aus, respektiert aber die Tatsache, dass der Patriarch das Familienoberhaupt ist. Es wäre seltsam, wenn es anders wäre.“

Viele Vatikanbeobachter widersprechen außerdem der Vorstellung, dass die Kirchenführung es erfordert, dass der Papst für jede Kleinigkeit verantwortlich ist. „Es gibt hier nicht eine Person, die am Computer sitzt und alles verwaltet“, sagt John L. Allen Jr., Autor von „Konklave“, einem Buch über die Papstnachfolge. „Das ist wie in jeder Bürokratie. Manchmal weiß Peter buchstäblich nicht, was Paul tut“, sagt er. George Weigel, päpstlicher Biograf, sagt, er habe am vergangenen Montag mit dem Papst gespeist und habe ihn „deutlich gestärkt gegenüber Oktober“ vorgefunden, als der Papst sein 25-jähriges Pontifikat feierte. Dennoch: Johannes Paul II. kann nicht mehr gehen, seine Stimme und Hände zittern. Joaquin Navarro-Valis, Sprecher des Vatikans, sagt, der Papst diktiere nurmehr, als dass er selbst schreibe. Das sei eine „fundamentale Veränderung“ in der päpstlichen Arbeitsweise. Inoffiziell ist zu hören, dass der Papst jetzt nicht mehr 18 bis 20 Stunden am Tag arbeite, wie er es früher getan habe. Dennoch ist sein Terminkalender voll: Er besucht die Morgenmesse, manchmal mit geladenen Gästen, arbeitet dann ein paar Stunden am Schreibtisch, gibt zwischen 10 und 11 Uhr 30 Audienzen – außer mittwochs, wenn er die Öffentlichkeit vom seinem Fenster aus grüßt. Dann betet, isst und ruht er bis zum späten Nachmittag, arbeitet wieder ein paar Stunden am Schreibtisch, wo er schreibt, liest oder diktiert. Am Abend isst er mit Vertrauten und geladenen Gästen.

Beobachter räumen ein, dass der Kreis um Johannes Paul II. sich bemüht, ihm das Tagesgeschäft abzunehmen, so dass er sich auf seine wesentlichen Aufgaben konzentrieren kann: die Ernennung von Bischöfen, die Errichtung neuer Diözesen, die Unterzeichnung von Dokumenten und die Treffen mit Staatsoberhäuptern. Die Einschränkung der päpstlichen Termine wirkt sich nicht nur auf das Kirchengeschäft aus, sondern auch darauf, wie viele Menschen Gehör beim Papst finden, heißt es im Vatikan.

Zum Beispiel finden Treffen der verschiedenen Abteilungen des Vatikans nicht mehr monatlich, sondern nur noch alle zwei bis drei Monate statt. Die Treffen wurden eingerichtet, um sicherzustellen, dass Hand in Hand gearbeitet wird. Im Jahr 2002, kurz vor einer Russlandreise von Kardinal Walter Kasper, Vorsitzender des Vatikanischen Konzils für die Einheit des Christentums, gab der Staatssekretär Pläne bekannt, die Verwaltung der katholischen Kirche in Russland zu stärken – ein Schritt, der die orthodoxe Kirche Russlands aufbrachte. „Kasper wusste nichts davon. Die mangelnde päpstliche Koordination kann zu einer uneinheitlichen Kirchenpolitik führen", heißt es im Vatikan.

Einige Beobachter meinen, dass der Papst Schwierigkeiten gehabt habe, die Sexskandale seiner Kirche in den Griff zu bekommen, weil es fast unmöglich gewesen sei, das Problem außerhalb seines engen Beraterkreises zu besprechen. „Es ist ganz natürlich, dass der Papst von der Welt isoliert wird, wenn er mit weniger Menschen sprechen kann“, heißt es im Vatikan.

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (US-Firmen), Svenja Weidenfeld (Papst), Christian Frobenius (Bam), Matthias Petermann (Zuwanderung), Tina Specht (Serbien).

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