Wirtschaft : Im Dschungel der Tarife

Mit neuen Angeboten wetteifern die Krankenkassen um die Versicherten. Denen dürfte es schwer fallen, ab 2004 den Durchblick zu behalten

Carsten Brönstrup,Maurice Shahd

Von Carsten Brönstrup

und Maurice Shahd

Die Verlockungen sind groß. „Ein wichtiger Schritt für ein besseres Leben", „Der Fünf-Sterne-Service, der sich dreifach lohnt", dazu „On-Top-Leistungen“, und, übrigens: „Ihre Prämie wartet auf Sie.“ Dabei ist man nicht kleinlich: Eine Fahrt mit dem Heißluftballon über die Ostalb, ein Heim-Trainer, ein Verwöhn-Wochenende für zwei, gar eine Kreuzfahrt oder ein Kleinwagen sind zu haben. Eben „für jeden ein doppelter Gewinn“.

Die übliche Werbeschlacht von Autoherstellern, Direktbanken oder Pauschalreise-Veranstaltern? Nicht ganz. Ausgerechnet die gesetzlichen Krankenkassen versuchen mit einer nie gekannten Reklameflut, Kunden für ihre neuen Tarife zu gewinnen, die ab dem 1. Januar auf den Markt kommen. Möglich macht dies die Gesundheitsreform, die die Bundesregierung und die CDU/CSU ausgehandelt haben. Mit ihr bricht 2004 ein neues Zeitalter im bis dato verkrusteten und überregulierten deutschen Medizin-System an: Die mehr als 330 gesetzlichen Krankenkassen dürfen neue Angebots-Varianten ins Programm nehmen und können den rund 71 Millionen gesetzlich Versicherten mehr bieten als nur den grauen Einheitstarif – fast so wie in der privaten Krankenversicherung. „Das ist Wettbewerb nicht mehr allein über den Beitragssatz, sondern auch über Ideen und Angebote“, schwärmt Norbert Klusen, Vorstandschef der Techniker-Krankenkasse.

Neben höheren Zuzahlungen und Leistungskürzungen ist dies eine der wenigen Annehmlichkeiten, die die Gesundheitsreform den Versicherten bringt. Die neuen Tarife ähneln einander in den Grundzügen. So bieten die Kassen erstmals komfortable Zusatzleistungen an – die Behandlung durch den Chefarzt oder beim Heilpraktiker oder Zuschüsse zum Zahnersatz. Gegen Aufpreis, versteht sich. Chronisch Kranke, die an Diabetes oder Bluthochdruck leiden, können an speziellen Behandlungsprogrammen teilnehmen, die ihnen auch Geld sparen helfen. Versicherte, immer zuerst ihren Hausarzt aufzusuchen, bekommen einen Rabatt oder müssen keine Praxisgebühr bezahlen. Wer dagegen eine robuste Konstitution hat und selten zum Arzt oder Apotheker geht, kann sich für einen Tarif mit Selbstbehalt entscheiden und dabei mehrere Hundert Euro sparen – aber nur, wenn er gut verdient. Und wer Wert auf ein gesundheitsbewusstes Leben legt, kann sich für ein Bonusprogramm einschreiben, das einem Kuhhandel gleicht: Der Patient geht joggen und bekommt dafür bei seiner Kasse Punkte gutgeschrieben. Ab einer bestimmten Höhe kann er sie gegen Prämien eintauschen – vom Turnschuh bis hin zum Wellness-Wochenende.

Die Kassen setzen vor allem auf diese Belohnungen, um Versicherte zu werben. Die meisten großen Institute, ob AOK, Barmer, Techniker oder DAK, wollen pünktlich zum Jahreswechsel starten. Andere, meist kleinere Kassen, planen den Start erst im Frühjahr. Doch ganz problemlos wird der Übergang in die schöne neue Wettbewerbswelt nicht. „Viele Bürger werden angesichts der Flut neuer Angebote überfordert sein“, klagt Ekkehard Bahlo, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten.

Auf Hilfe von Verbraucherschützern müssen die Menschen noch bis zum Sommer kommenden Jahres warten. Erst dann wollen die Verbraucherzentralen einen umfassenden Vergleich der Tarife vorlegen. Bis dahin muss jeder selbst vergleichen. „Allein auf den Beitragssatz zu schauen, reicht nicht mehr“, sagt Thomas Isenberg, Gesundheitsexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Er rät, auch die Boni und die Zusatzleistungen bei der Wahl der Kasse zu berücksichtigen. „Auf keinen Fall sollte man vorschnell wechseln, denn in den ersten Monaten des Jahres werden noch viele neue Angebote auf den Markt kommen – aber auch eine Menge unnötiger Firlefanz.“

Genau das ist das Problem. „Viele der Bonusprogramme sind eher Marketing-Hilfen und dürften kaum der Verbesserung der Volksgesundheit dienen“, sagt Patientenschützer Bahlo. Auf Marketing sind die Kassen jedoch dringend angewiesen. Denn sie müssen die Abwanderung der Versicherten in die privaten Kassen stoppen, um auf nicht noch mehr Beitragseinnahmen verzichten zu müssen. Im vergangenen Jahr sind immerhin 363000 Versicherte zu den Privaten gewechselt – und mit ihnen ein Beitragsvolumen von rund 1,8 Milliarden Euro.

Das aber stellt den Sinn der neuen Tarife generell in Frage. „Womöglich ist der Aufwand, den die Kassen für die Angebote betreiben, höher als der Betrag, den sie durch die Bindung der Gutverdiener sichern“, fürchtet Verbraucherschützer Isenberg. Diese Sorge teilt der Ökonom Rolf Rosenbrock, Professor am Wissenschaftszentrum Berlin und Mitglied des Gesundheits-Sachverständigenrats. „Die Beitragssätze werden durch den zunehmenden Wettbewerb jedenfalls nicht sinken“, prognostiziert er. „Wenn wir die Marke von durchschnittlich 14 Prozent unterschreiten, können wir froh sein." Derzeit liegt der Satz bei 14,3 Prozent. Einsparungen dürfte es auch auf lange Frist nicht geben, warnt er. Obwohl dies ja ein wichtiges Ziel der Gesundheitsreform war – die Menschen zu gesundheitsbewussterem Verhalten zu erziehen und so langfristig die Kosten zu senken. „Dazu gehen die jetzt geplanten Bonusprogramme nicht weit genug“, sagt Rosenbrock. „Erst mit viel stärkeren finanziellen Anreizen und einer massiven Aufklärungskampagne, die alle Bevölkerungsschichten erreicht, kann das gelingen."

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