Wirtschaft : Im Frühtau zum Gelde

Wandern ist wieder Volkssport – und die Outdoor-Branche boomt. Schuhe und Kleidung für die Naturfreunde werden immer raffinierter

Maurice Shahd

Steinige Wege, beißender Wind, Temperaturen unter null Grad: Eine Wanderung über den Großglockner beginnt in Berlin Steglitz. In Deutschlands größtem Laden für Outdoor-Bekleidung „Globetrotter" können Naturfreunde jedes Kleidungsstück unter realistischen Bedingungen testen. Den Wanderschuh auf drei Teststrecken mit unterschiedlichem Untergrund und die Trekking-Jacke in der Kühlkammer. „Sogar Wind lässt sich zuschalten“, sagt Filialleiterin Margitta Krone.

Die Kunden nehmen das Angebot gerne an. Der Konsumflaute zum Trotz ist das Geschäft von „Globetrotter“ mit Outdoor-Bekleidung, Rucksäcken oder Zelten in den letzten Jahren stetig gewachsen. Den Trend zur Natur belegen auch Zahlen des Marktforschungsinstituts BBE. Danach ist der Outdoor-Markt im Jahr 2002 um fast acht Prozent auf 1,58 Milliarden Euro gewachsen. Rund zwei Drittel davon geben die Verbraucher für Bekleidung und Schuhe aus. Und während der Textilhandel im vergangenen Jahr schwere Einbußen verzeichnete, legte der Markt für Outdoor-Bekleidung um fünf Prozent auf 925 Millionen Euro zu. „Für Sport, Freizeit und Gesundheit sind die Menschen auch in der Wirtschaftskrise bereit, viel Geld auszugeben", sagt Michael Weck, Outdoor-Experte bei BBE.

Dabei seien weniger Extremsportarten wie Klettern, Mountainbiken oder Bergsteigen für das Wachstum verantwortlich, sondern das Wandern, das bei Jung und alt eine Renaissance erlebt. Nach Angaben des Allensbach-Instituts wandern rund 35 Millionen Deutsche mehr oder weniger regelmäßig. Besonders unter jüngeren Leuten wird der Gang an der frischen Luft zunehmend beliebter. Laut der „Profilstudie Wandern“ des Marburger Natursoziologen Rainer Brämer sank das Durchschnittsalter der Wanderer in den vergangenen Jahren von 51 auf 47 Jahre. Auch die Soziologie des Wanderers verändere sich. Der Anteil der Naturfreunde mit Hochschulabschluss steigt stetig. „Die Menschen wollen aus ihrer Kunstwelt vor den Computer- und Fernsehbildschirmen entfliehen und wieder die Natur genießen“, sagt Brämer. Unbestritten sei, dass Wandern gesund ist. „Schon der reine Anblick der Natur senkt den Blutdruck. Das ist wissenschaftlich bewiesen.“

Die zunehmende Freude am Wandern haben die Hersteller von Outdoor-Bekleidung erkannt. Die Produzenten von Jacken, Pullovern, Unterwäsche oder Schuhen für den Einsatz in der freien Natur werben meist mit der hohen Funktionalität der Bekleidung. Im Gegensatz zur Baumwolle, die Feuchtigkeit aufsaugt und lange speichert, leiten atmungsaktive Stoffe den Schweiß nach außen ab. „Das hat den Vorteil, dass die Sachen nicht so leicht an der Haut kleben und der Körper nicht so schnell auskühlt“, sagt Stefan Lörke, Produktmanager des Outdoor-Spezialisten Schöffel. Gleichzeitig sind die Jacken und Schuhe winddicht und weitgehend wasserfest. Vorreiter bei der Entwicklung atmungsaktiver Materialien, die aus Kunstfasern wie Polyester bestehen, ist die Firma Gore mit ihrer Gore-Tex-Faser. Das amerikanische Unternehmen stellt selbst kaum eigene Produkte her, sondern lizensiert die Nutzung der Faser und der Marke Gore-Tex an zahlreiche Bekleidungshersteller wie Jack Wolfskin, North Face oder Lowa.

Die meisten anderen Outdoor-Ausrüster verarbeiten atmungsaktive Stoffe, die sie selbst entwickelt haben. Nach Ansicht der Markenhersteller wie Vaude, Schöffel oder Mammut rechtfertigen die Innovationen der Branche das relativ hohe Preisniveau der Outdoor-Kleidung. Hosen sind kaum für weniger als 100 Euro zu bekommen, wetterfeste Jacken kosten ab 150 Euro. Dafür enthalten Spitzenprodukte einen integrierten UV-Schutz oder Silberfasern, die das Müffeln der Kleidung eindämmen – die starke Geruchsbildung ist immer noch ein Nachteil, den Funktionswäsche gegenüber Baumwolle hat. Deutlich billiger ist die Funktionsbekleidung bei Discountern wie Aldi, Lidl oder Tchibo. Selbst Schöffel-Produktmanager räumt ein: „Das Preis-Leistungssverhältnis der Discounter ist nicht schlecht.“ Trotzdem seien die Markenhersteller in Sachen Funktion, Verarbeitung und Passform voraus.

„Wer sich für eine Wandertour ausrüstet, sollte zunächst klären, welche Witterungsbedingungen ihn erwarten und in welchem Gelände man sich bewegt“, sagt Andrea Händel, Sprecherin des Deutschen Alpenvereins. Wichtig sei vor allem eine wetterfeste Jacke. Zum Standard gehören spritzwasserfeste Reißverschlüsse, eine Unterarmbelüftung und eine einrollbare Kapuze. Um die Atmungsaktivität der Kleidung voll nutzen zu können, sollten sämtliche „Schichten“ – Unterwäsche, Fleece-Pulli und Jacke – aus Funktionsfasern bestehen. Bei Schuhen reicht das Angebot von leichten, Turnschuhen ähnlichen Wanderschuhen bis zum schweren Trekking-Stiefel. Die Auswahl hängt vom Untergrund ab. „Je mehr Schotter oder Geröll im Boden sind, desto stabiler muss die Sohle und der Seitenhalt des Schuhs sein – sonst knickt man um“, sagt Jan Hänel, Schuhexperte bei Globetrotter.

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