Wirtschaft : Im Interview: Weiterer Stellenabbau ist unvermeidlich

Aktuelle Diskussionen um den Vorstandsvorsitzenden Herman belasten das Image von Opel Im Opel-Vorstand ist Wolfgang Strinz (Foto: dpa) für Fertigung und Personal zuständig und damit der zweitwichtigste Mann hinter David Herman.Mit dem 59jährigen Automanager sprach Rolf Obertreis über die Perspektiven des weltweiten Autogeschäftes von Opel und über die derzeitige Personaldebatte. TAGESSPIEGEL: Die Globalisierungsstrategie von General Motors (GM) und Opel gilt für etliche Beobachter als waghalsig.Sie sehen das anders, warum? STRINZ: Daß Globalisierung notwendig ist, ist keine Frage.Mit einer solchen Strategie können auch in der Automobilindustrie Risiken verbunden sein.Daß aber unserer Konzept auf wackeligen Beinen steht, kann ich nicht sehen.Wenn Sie die weltweiten Verkaufszahlen für den Corsa betrachten, spricht das für unseren Weg.Ende 1997 hat das jährliche, weltweite Produktionsvolumen die Schwelle von einer Million Fahrzeuge überschritten.Die Globalisierung hat den Vorteil, daß ein einmal für einen Milliardenbetrag entwickeltes Auto ein viel größeres Produktionsvolumen bringt.Das ist trotz aller Risiken etwa in Asien oder in Lateinamerika positiv für die notwendigen Gewinne des gesamten Unternehmens. TAGESSPIEGEL: GM hat unter kräftiger Mithilfe von Opel ein neues Werk im argentinischen Rosario eröffnet.Welche Bedeutung hat diese 350 Mill.Dollar teure Fabrik für die Globalisierungsstrategie? STRINZ: Wir können nicht von Deutschland aus Fahrzeuge in alle Welt exportieren, dazu sind die Produktions- und Marktvoraussetzungen in den einzelnen Ländern zu unterschiedlich.Opel hat schon früher in anderen Ländern Fabriken betrieben, allerdings nur für die Montage.In solchen Werken werden aber pro Jahr nur rund 20 000 Autos gebaut.Diese Fabriken sind zudem nicht sehr wirtschaftlich, weil der Transport der Teile zu teuer ist.Sie sind allenfalls ein Eintrittsticket in neue Märkte.Auch wegen des zunehmenden Wohlstandes - etwa im südlichen Teil Südamerikas - setzt man jetzt zunehmend auf voll integrierte und stark automatisierte Produktionsstätten, wo wichtige Teile wie der Motor oder die Bleche selbst hergestellt werden, und mit Unterstützung von lokalen und regionalen Zulieferfirmen das gesamte Auto gefertigt wird. TAGESSPIEGEL: Opel baut nicht nur Autos in Europa.Aus Rüsselsheim kommt auch die gesamte Expertise für das Autogeschäft von GM außerhalb von Nordamerika.Stünde GM ohne Opel nicht schlecht da? STRINZ: GM baut in Nordamerika zu 90 Prozent Autos mit einem Sechs- oder Acht-Zylinder-Motor.Kleinere Autos spielen dort keine so große Rolle.Damit ist Opel mit seinen kompakten Fahrzeugen für GM ohne Zweifel eine wichtige Stütze für das weltweite Geschäft. TAGESSPIEGEL: Sichert das auch Arbeitsplätze an deutschen Opel-Standorten? STRINZ: Auf jeden Fall.In unserem Internationalen Entwicklungszentrum sind gut 8300 hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigt, davon die Hälfte Ingenieure, die sich nicht nur mit Autos, sondern auch mit der Produktionsvorbereitung befassen.Man könnte fast von der Blaupausen-Fabrik reden, wenn nicht die Implementierung noch eine sehr anspruchsvolle Aufgabe wäre. TAGESSPIEGEL: So richtig scheint dies in Detroit und in der GM-Europa-Zentrale in Zürich derzeit nicht honoriert zu werden.Erst der Streit um die Befugnisse des ITEZ im vergangenen Sommer, jetzt die von Europa-Chef Louis Hughes angezettelte Diskussion um Opel-Chef David Herman.Belastet dies das Geschäft? STRINZ: Intern kann ich keine Belastung feststellen.Es gibt natürlich viele Spekulationen.Aber in jeder großen Organisation wird hart um die beste Lösung gerungen.Aber diese Diskussionen sind dem Image von Opel nicht gerade zuträglich.Gute Nachrichten wären uns sehr viel lieber. TAGESSPIEGEL: Die Vorstandskollegen, Betriebsrat und Beschäftigte stehen hinter David Herman.Scheidet er trotzdem noch in diesem Jahr aus? STRINZ: Herman steht seit sechs Jahren an der Spitze von Opel.So lange hat kein anderer Opel-Chef amtiert.Ob Herman seine zweite Amtsperiode von fünf Jahren, von der jetzt ein Jahr herum ist, erfüllt, darüber möchte ich nicht spekulieren. TAGESSPIEGEL: Sie haben gerade für die Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern und damit für rund 45 000 Mitarbeiter einen neuen Standortvertrag bis 2002 ausgehandelt.Ist diese Vereinbarung gefährdet, wenn ein neuer Opel-Chef kommt? STRINZ: Auf gar keinen Fall.Der Vertrag ist bindend, auch für einen neuen Vorstandsvorsitzenden.Wir haben doch nicht umsonst zehn Monate lang hart verhandelt.Diese Vereinbarung enthält zudem Aussagen über Investitionen von einigen hundert Mill.DM und darüber, wo neue Modelle produziert werden.Der Vertrag ist natürlich mit der GM-Zentrale abgesprochen.Vertrag ist Vertrag, und wir werden damit leben. TAGESSPIEGEL: Die Produktivität in der Automobilindustrie nimmt weiter rasant zu.Damit dürften etliche Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.Zur Entlastung des Arbeitsmarktes kann die Branche kaum beitragen, oder? STRINZ: Ob die Hinweise von IG Metall-Chef Klaus Zwickel stimmen, daß mittel- und langfristig 200 000 Jobs in Deutschland gefährdet sind, kann ich nicht sagen.Sicher ist aber, daß durch den permanenten Zwang zur Erhöhung der Produktivität ein weiterer Abbau von Arbeitsplätzen kaum zu vermeiden ist.Das ist nicht unser Ziel, aber es geht nicht anders.Und wir können weder einen Autopfennig einführen, um Stellen zu sichern, noch von Subventionen leben.Die Autoindustrie muß sich selbst voranbringen.Wer in Deutschland Autos baut, muß unter den besten der Welt sein, bei Produkten, Qualität und Produktivität.

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