Wirtschaft : IM INTERVIEW

Die Hauptversammlungssaison ist In vollem Gange.Anleger nehmen die Ausschüttungspolitik der Unternehmen ins Visir.Rolf Obertreis sprach mit Thomas Schiessle, Chefanalyst bei Bankhaus Delbrück & Co, über die Dividende aus Anlegersicht.

Herr Schiessle, hat sich das vergangene Jahr für Aktiensparer mit Blick auf die Dividende gelohnt?



Im Blick auf die gesunkene Dividendenrendite von etwa drei Prozent sicherlich nicht.Aber das hat mit zwei Dingen zu tun: Die Dividendensumme ist erneut absolut gesehen knapp zweistellig gestiegen.Andererseits sind die Aktienkurse geklettert und zwar überproportional.Deshalb ist die Dividendenrendite leicht gesunken.



Welche Unternehmen waren besonders großzügig?



Das sind die Unternehmen, deren Aktien als "Witwen- und Waisenpapiere" bekannt sind.Die Versorger etwa zahlen überdurchschnittlich.Auf der anderen Seite stehen die Werte des Neuen Marktes.Sie schütten nichts aus, weil sie noch keine ausschüttungsfähigen Gewinne machen.



Sind deutsche Aktiengesellschaften bei Ausschüttungen knauserig im Vergleich zu anderen europäischen Ländern oder den USA?



Sie sind knauserig.In Deutschland ist die Dividendenrendite unterdurchschnittlich.Die angelsächsischen Unternehmen schütten etwa 20 Prozent mehr aus.Sie betreiben zudem eine andere, eine ertragsorientierte Politik.Abhängig von der Gewinnentwicklung, steigt oder sinkt auch die Dividende.In Deutschland hat man bis vor wenigen Jahren eine stabile, leicht steigende Entwicklung der Dividende zum Teil in Pfennigschritten bevorzugt, egal ob es besser oder schlechter lief.Das ist jetzt im Wandel.



Sind deutsche Unternehmen bei ihrer Ausschüttung anlegerfreundlicher geworden?



Ja.Die Dividendenpolitik ist auch deshalb anlegerfreundlicher geworden, weil sie steuerliche Konsequenzen vorweg nimmt, auch wenn das sonderbar klingt.Aber die Freibeträge für Kapitalerträge sinken.Dadurch wird der Spielraum für steuerfreie Ausschüttungen geringer.Deshalb muß die Dividende für den Sparer einen geringeren Stellenwert bekommen und die Kursentwicklung immer wichtiger werden.



Von welchen Unternehmen sind in Zukunft ansehnliche Dividenden zu erwarten?



Das ist generell schwer zu sagen.Bei Hoechst könnte es attraktiv werden, wenn die Fusion mit Rhône-Poulenc zustande kommt.Das Unternehmen will drei Euro ausschütten.Das wäre eine ansehnliche Dividentenrendite von acht Prozent.



Lohnt die Aktienanlage überhaupt unter dem Gesichtspunkt der Dividendenrendite? Oder ist die Kursentwicklung wichtiger?



Die Kursentwicklung der Aktien ist das entscheidende Kriterium.In den 60er Jahren war das anders: Da lag die Dividendenrendite bei drei bis vier Prozent, und die Rendite bei Anleihen war ähnlich niedrig wie heute.Aber die Kursdynamik ist heute der interessante Faktor.Allerdings: Das Risiko ist beträchtlich.Aktienkurse können steigen, sie können aber auch schnell und steil fallen.

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