Wirtschaft : Im Jahre 2004 will der Bäckereimeister Heiner Kamps drei Mrd. DM Umsatz erzielen

Vanessa Liertz

Den "Mythos vom Bäcker" mag Heiner Kamps nicht. Diese Vorstellung vom Bäcker um die Ecke, der täglich Brötchen knetet, für das Wochenende ein bisschen mehr Obst- und Nusstorten backt und sich dann und wann über den Auftrag für eine große Hochzeitstorte freut. Ein Selbstständiger, der sich irgendwie durchwurstelt mit Renditen, die mal bei null und mal bei drei Prozent liegen. "Das kann so sein, muss aber nicht", sagt Kamps. Er weiß, wovon er spricht: Sein Vater, ein kleiner Bäcker im Westfälischen, hat so gelebt.

Heiner Kamps wollte das nie. Er wollte "ein richtiger Unternehmer" sein: Ein Geschäftsmann mit Millionenumsätzen und mit "ordentlichen" Renditen.

Inzwischen sorgt der 44jährige Kamps dafür, dass dieser "Mythos vom Bäcker" verpufft wie Mehlstaub in der Luft. Vor 17 Jahren hat er seine ersten eigenen drei Filialen in Düsseldorf eröffnet, heute sind es 1003. Seit einem halben Jahr ist sein Unternehmen an der Börse notiert. Im September schafft Kamps sogar den Sprung in den M-Dax der 70 wichtigsten Nebenwerte am deutschen Aktienmarkt. Der Aufstieg ist Schwindel erregend. Allein im vergangenen Jahr wuchsen die Umsätze um das Doppelte. Der Mann mit der großen, goldenen Uhr am Handgelenk erzielt Renditen von über fünf Prozent.

Jetzt ist er dabei, sein Back-Imperium zu ordnen. Noch gibt es "Stefansbäck" in Stuttgart, "Lecker Bäcker" in Kassel, "Nicolay" in Bonn, "Nur Hier" in Hamburg sowie "Thoben Kuchen" und "Ostrowski" in Berlin. Schon im kommenden Jahr soll das anders sein. Dann wird in großen Lettern über den Schaufenstern dieser Läden Kamps stehen und daneben die goldene Brezel als Markenzeichen prangen. Damit wird Kamps der erste deutsche Bäcker mit einer so genannten Corporate Identity sein - einer Backfirma mit eigenem Gesicht. Dieses Gesicht will der gelernte Bäckermeister und Betriebswirt via Fernsehen durch die ganze Republik flimmern lassen. Dann können seine 120 Millionen Kunden abends auf dem Sofa erfahren, was neben dem Kamps-Eck (einem dreieckigen Nussbrot) und dem Vollkornbrötchen sonst in den Regalen liegt.

"Herrn Kamps fällt auch im Back-Sortiment immer wieder was Neues ein", kommentiert Joachim Bernsdorff von der Banque Nationale de Paris in Frankfurt (Main). Deswegen erzielt ein Bäcker an der Börse Kurszuwächse, von denen selbst High-Tech-Unternehmer nur träumen können. Für Kamps ist das nicht verwunderlich: "In der Bäckereibranche steckt eben Potenzial", sagt er. Das erzählt er auch seinen "Investoren", wie er Banken und Fondsgesellschaften nennt, die Kamps-Aktien halten. Kamps selbst gehören heute zehn Prozent aller Papiere, die einem Wert von 70 Mill. DM entsprechen. Sein Konzept ist einfach: Kamps kauft Bäckereistandorte, die er an Bäckermeister vermietet. Wie in einer Franchisekette bestimmt im Wesentlichen Kamps, welches Brot, welche Kuchen und welche Brötchen die Bäcker verkaufen können. Neben dem Kamps-typischen Backwerk bieten sie Produkte an, die in der Region besonders beliebt sind: in Hamburg Butterkuchen und in Berlin Schrippe. Ziel des ehrgeizigen Bäckers ist, binnen drei Jahren einen Marktanteil von mindestens 20 Prozent zu erobern und Renditen in Höhe von acht Prozent zu erzielen. Ob ihm das gelingt, wird sich noch zeigen - mit der Akquise im großen Stil, dem Einkauf ganzer Bäckereiketten einer Region, hat der Unternehmer erst im vorigen Jahr begonnen. Immerhin vertrauen selbst übervorsichtige Banker auf seine Strategie. Was nicht immer so war: Die ersten Kredite musste sich Kamps von einem Lieferanten erbetteln. Diese bitteren Zeiten sind vorbei. Jetzt vermag er seine Geschichte gut zu erzählen in wenigen einprägsamen Worte und mit wenigen prägnanten Zahlen. Selbst das Bilanzierungskürzel Ebit klingt in seinem Mund so handfest wie der Brötchenname Schusterjunge.

So breitet sich das Kamps-Imperium aus. Letzte Akquisition: die holländische Bäckereikette Bakka Bart Food. "Wenn ich das nicht gemacht hätte, wären es vielleicht die Amerikaner gewesen", sagt Kamps. So oder so werde es immer weniger Filialisten und Bäckereien geben - im Jahre 2010, schätzt er, blieben von den Bäckern 10 000 übrig. Wird der kleine Bäcker bald ganz aussterben? Kamps sagt nein. Er müsse gut in einer Nische wirtschaften, um zu überleben. Gerade jene Feinbäcker, die über ein breites Angebot an Spezialität verfügten - 300 Backsorten und mehr -, könnten in Zukunft hohe Renditen erzielen, glaubt Kamps.

In seinen Läden soll es etwa 80 verschiedene Backwaren geben. Der billige Einheitsbäcker will Kamps aber nicht sein. Er nutze lediglich die Chance, durch Großeinkäufe niedrigere Lieferpreise zu erzielen und manches Gebäck in großen Mengen herzustellen, um die Produktionskosten zu senken. Das sei die Chance für Bäcker im großen Stil. So wie es ihm die Amerikaner gezeigt hätten, als er seine Bäckereien Anfang der 90er Jahre an den US-Lebensmittelkonzern Borden verkaufte. Kamps blieb als Manager im Unternehmen und sah, dass Automatisierung, Mechanisierung und Synergien in einer Bäckerei möglich sind. Seit drei Jahren gehört Kamps wieder Kamps selbst, nachdem Kamps das Unternehmen zusammen mit sechs anderen Managern zurückgekauft hat. Nun führen er und seine Kollegen das Unternehmen, das in diesem Jahr einen Umsatz von 700 Mill. DM anpeilt. Im kommenden Jahr sollen es eine Mrd. DM werden, für 2004 plant Kamps drei Mrd. DM - ehrgeizige Ziele.

Dafür muss Kamps weiter kaufen. Jetzt blickt er auf die Bäckereiketten "Müller" in München und "Heberer" in Frankfurt. Noch sind sie nicht zu haben. Nur: Wenn nicht die, dann andere.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben