Wirtschaft : Im Jobwunderland wird der Nachschub knapp

ROBERT RIMSCHA[WASHINGTON]

Wie Amerika Arbeitsplätze schafft / Das magische Dreieck aus Bildung, Steueranreizen und InfrastrukturVON ROBERT VON RIMSCHA, WASHINGTON

"Heute braucht man ja einen Doktortitel in den Naturwissenschaften, um die Welt zu verstehen", beginnt die Fernsehwerbung."Wir haben 20 000 davon", geht es weiter."Fairfax County, Virginia.Ihr Tor in die Zukunft." Der Landkreis nahe Washington ist nicht der einzige, der per Fernsehwerbung auf sich und seine Standortvorteile aufmerksam macht.Er ist aber einer der ganz wenigen, der ein eigenes Büro zum internationalen Marketing seiner selbst unterhält.Der seit sechs Jahren anhaltende Aufschwung in den USA geht mit einer scharfen Konkurrenz der Regionen einher.Es sind jedoch nicht ganze Bundesstaaten, sondern meist kleinere Einheiten, die sich gegenseitig die Investoren abzuwerben versuchen. Der Ahnherr heißt Silicon Valley.Die Gegend in Mittelkalifornien südlich der Universitäten von Stanford und Berkeley wurde Ende der 70er Jahre zum Mekka der Computerindustrie.Daran hat sich bis heute wenig geändert.Der jüngste Mega-Erfolg war zwei Studenten beschieden, die den Internet-Suchdienst "Yahoo" gründeten und innerhalb von zweieinhalb Jahren zu hundertfachen Millionären wurden.Von ihrem Reichtum kauften sie ihrer Universität ein neues Computerzentrum.Dort übt der Nachwuchs, der bald "Yahoo" Konkurrenz machen wird.Im Idealfall verstetigt sich so der Kreislauf aus Innovation und Geschäft. Amerikas Nordosten schien gegenüber dem sonnigen Kalifornien ein gutes Jahrzehnt lang verloren.Dann setzte Massachusetts in den späten 80er Jahren staatliche Industriepolitik gegen den Abschwung.Gouverneur Michael Dukakis betrieb Ansiedlungspolitik als Pendeldiplomatie.Heute hat Massachusetts eigene Auslandsvertretungen zur Investorenwerbung ­ eine befindet sich in Berlin.Es hat sich gelohnt.In den Bereichen Biotechnik und Gentechnologie ist Neu-England führend.56 Hochschulen im Großraum Boston sorgen dafür, daß Forschung und Anwendung an der Küste eng verzahnt sind. "Regionenstaat" heißt das Konzept.Man nehme: gute Universitäten, einen internationalen Flughafen, attraktive steuerliche Rahmenbedingungen.Das jüngste Beispiel ist der kometenhafte Aufstieg einzelner Gegenden im Süden der USA.Atlanta eröffnete vor 20 Jahren die erste internationale Flugverbindung.Heute ist Atlanta die Metropole einer Wirtschaftsregion, die größer als Frankreich und Spanien zusammen ist. Und schon gibt es neue Konkurrenz.Charlotte in North Carolina wurde innerhalb eines Jahrzehnts zum ­ an den Einlagen der dortigen Institute gemessen ­ zweitbedeutendsten Bankenplatz der USA, gleich hinter New York.Die NationsBank oder der Energiekonzern Southern Company, der sich nun an der Bewag beteiligte, sind längst globale Mitspieler.Gut ausgebildete Arbeitskräfte, niedrige Steuern, dazu, im Süden, angenehmes Wetter, ein hoher Freizeitwert, niedrige Löhne ­ es funktioniert wieder und wieder. Und so versucht nun auch jene Region aufzuschließen, die vom Verlust der klassischen Industrieproduktion Amerikas am härtesten getroffen wurde: Der "Rostgürtel", die Bundesstaaten südlich der Großen Seen.Im Bundesstaat Michigan, der in den 70er Jahren die Strukturprobleme des Ruhrgebietes hatte, entsteht nun jeder fünfte neugeschaffene Industrie-Arbeitsplatz der USA.85 000 Sozialhilfeempfänger fanden Arbeit.Innerhalb der letzten fünf Jahre stiegen die Direktinvestitionen um 60 Prozent.Der republikanische Gouverneur John Engler senkte 21mal die Steuern.Von fünf Unternehmenssteuern blieb eine übrig.Innerstädtischen Problemgebieten wird mit dem Konzept der "Renaissance-Zonen" zu Leibe gerückt: Wer neue Arbeitsplätze schafft, braucht bis zu 15 Jahre lang überhaupt keine Steuern zu bezahlen.Dough Rothwell, der Vorstandsvorsitzende der Michigan Job Commission, benennt den Grundsatz seiner Ansiedelungspolitik: "Wir schaffen keine künstlichen Märkte, indem es Prämien aus Steuergeldern für Investoren gibt, sondern wir schaffen Rahmenbedingungen, die Investoren zeigen, daß es vorwärts geht, daß es sich lohnt." Die Steuereinnahmen des Bundesstaates Michigan sanken um 4 Mrd.Dollar jährlich.Trotzdem wurde aus dem Haushaltsdefizit ein Überschuß.Der Staat zog sich aus zahlreichen Aufgaben zurück.Hier setzen die Kritiker von Gouverneur Engler an.Zu den abgeschafften Steuern zählte die auf Wohneigentum.Aus ihr wurden die Schulen finanziert.Die erhalten jetzt erstens weniger und zweitens das, was an Tabaksteuern eingenommen wird. Der Wettkampf der Regionen geht einher mit einer Neubewertung der Maßstäbe, die zu Erfolg führen.In den 80er Jahren, als die Spekulanten der Wall Street feindliche Übernahmen in Milliardengrößen über die Bühne brachten und etliche Wirtschaftszweige konsolidiert wurden, regierte der "shareholder value", die Attraktivität eines Unternehmens für den Aktionär, und die wurde kurzfristig, meist in Quartalen, gemessen.Mittlerweile sind langfristigere Überlegungen wichtiger.Das Prinzip der regionalen Wirtschaftsentwicklung basiert auf der Verzahnung von staatlichen Rahmenbedingungen, die investorenfreundlich sind, Infrastruktur und Bildung.Nicht zuletzt Präsident Bill Clinton mahnt die Amerikaner fast täglich, allein das Erziehungswesen garantiere langfristig Produktivität und Wohlstand.So sind Investitionen in Humankapital heute wesentlich wichtiger und, gegenüber den Aktionären, vertretbarer.Die betriebliche Fortbildung boomt. Die Planungsräume werden länger.Amerikanische Unternehmen sind heute eher als noch vor einem Jahrzehnt bemüht, Arbeitnehmer langfristig an sich zu binden.Es sind diese Investitionen in Bildung, die mit dafür verantwortlich sind, daß zwei Drittel jener zwölf Millionen Amerikaner, die innerhalb der letzten fünf Jahre einen neu geschaffenen Arbeitsplatz bekamen, beim Einkommen über dem Durchschnitt liegen.Mit "McJobs" läßt sich die Zukunft einer Dienstleistungsgesellschaft nicht garantieren, das weiß niemand besser als Amerika. Mittlerweile ist der Arbeitsmarkt in einigen Bereichen nicht mehr in der Lage, freie Stellen zu besetzen.Die Computer-Industrie beispielsweise braucht nach Branchenangaben jährlich knapp 200 000 Programmierer.Aber nur 35 000 Absolventen verlassen jährlich die US-Hochschulen.So wird eben ins Ausland verlagert ­ oder: Rentner werden zurück an den Bildschirm geholt.Innerhalb des letzten Jahrzehnts stieg in den USA die Gesamtzahl der über 65jährigen, die erwerbstätig sind, um 37 Prozent.Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind indes nicht der einzige Grund.Angesichts der seit fast zwei Jahrzehnten stagnierenden Realeinkommen ist es für viele Senioren schlicht eine Frage des Haltens ihres Lebensstandards, die magere Rente hinauszuschieben.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben