Wirtschaft : Im Land der Pleitegeier

Immer mehr Deutsche sind überschuldet

Dagny Lüdemann

Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland pleite wie heute. Nach dem Schuldenreport 2006 von Wohlfahrtsverbänden und Verbraucherzentralen sind inzwischen mehr als 3,13 Millionen private Haushalte überschuldet.

Die „Pleitegeier“ (aus dem Jiddischen „Pleitegeher“) leben permanent auf Pump, können Kredite nicht abzahlen und Rechnungen nicht mehr begleichen. Allein in Berlin sind rund 165 000 Haushalte zahlungsunfähig.

Hauptursachen sind Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung oder Trennung. „Viele können auch einfach nicht mit Geld umgehen“, sagt Frank Wiedenhaupt von der Schuldnerberatung Berlin-Neukölln. Wer einen Urlaub buchen oder ein Auto kaufen will, sollte „sparen und erst dann zuschlagen, wenn er das Geld zusammenhat“, rät Wiedenhaupt. Das gelte auch für kleinere Anschaffungen. „Und auch wenn es altbacken klingt: Man sollte nach Möglichkeit bar bezahlen.“ Wer alles über die EC-Karte laufen lässt, Ratenzahlungen wählt und Kredite für Konsumgüter aufnimmt „haushaltet mit Geld, das er noch gar nicht hat – und das ist gefährlich“.

Verschuldung trifft aber nicht nur Arbeitslosengeld-II-Empfänger oder Geringverdiener. Auch viele Selbstständige, zum Beispiel Anwälte, und „sogar ehemals gut situierte Akademiker, die sich in den Neunzigern beim Kauf von Ost-Immobilien verzockt haben, sind jetzt ruiniert und müssen Insolvenz beantragen“, sagt Wiedenhaupt. Das können seit 1999 auch Privatpersonen tun – allerdings nur über eine kostenlose Schuldnerberatung oder einen Anwalt. Jährlich erfahren mehr Menschen von dieser Möglichkeit – und nutzen sie. Früher betrug die Verjährungsfrist bis zu 30 Jahre. Wer heute Verbraucherinsolvenz anmeldet, handelt mit den Gläubigern aus, wie viel er binnen sechs Jahren zurückzahlen kann. Was nach dem Verfahren an Schulden übrig bleibt, wird erlassen.

Damit es nicht gar nicht so weit kommt, setzt Bettina Heine von der Schuldnerberatung Charlottenburg-Wilmersdorf auf Vorbeugung. Sie unterrichtet an Berliner Schulen, wie man tückische Werbung entlarvt und das Kleingedruckte in Verträgen richtig liest. Ihr Kollege Wiedenhaupt erzählt von einer 20-Jährigen mit sieben Handyverträgen: „Jetzt steht sie in der Kreide, weil sie unüberlegt Verträge für Freunde und Verwandte abgeschlossen hat.“ Sie muss nun mit dem Schuldnerberater einen Kassensturz machen und ein Haushaltsbuch angelegen. „Häufig merken die Leute erst dann, wo ihr Geld jeden Monat bleibt“, sagt Wiedenhaupt. Die Rechnung ist ganz einfach: „Wer auf einen Milchkaffee oder zwei Cola am Tag verzichtet, spart im Jahr knapp 1000 Euro. Und das reicht für einen Sommerurlaub – ganz ohne Kredit.“

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