Wirtschaft : Im nächsten Jahrtausend könnte es Krieg um Wasser geben

KAREN WIENTGEN

Konflikte um die knappe Ressource verschärfen sich vor allem im Nahen OstenVON KAREN WIENTGEN BERLIN.Die Lehrbücher der Volkswirtschaftslehre müssen umgeschrieben werden.Wasser ist kein freies Gut - im Gegenteil.Es wird immer mehr zu einer knappen Ressource, die Konflikte entfacht.80 Entwicklungsländer mit 40 Prozent der Weltbevölkerung haben ernsthafte Wasserprobleme.Die Folgen sind dramatisch: Krankheit, Tod und Kriegsgefahr.Aus diesem Grund haben die Vereinten Nationen den 22.März zum "Internationalen Tag des Wassers" erklärt. 80 Prozent aller Krankheiten in der Dritten Welt sind nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation durch unzureichende Wasserversorgung verursacht.Experten befürchten, daß es im nächsten Jahrtausend Kriege um Wasser geben wird."Fast 40 Prozent der Menschheit leben in Flußgebieten, die sich über mehr als zwei Länder erstrecken", so Sandra Postel, die Autorin des Sachbuches "Die letzte Oase.Der Kampf um das Wasser"."Höchst explosive Konflikte" seien insbesondere im Nahen Osten, in den drei großen Flußbecken Jordan, Nil sowie Euphrat/Tigris zu erwarten. Warum nimmt die Wasserknappheit immer stärkere Ausmaße an? Ein simples ökonomisches Phänomen: Die Nachfrage steigt, während das Angebot sinkt.Die Weltbevölkerung wächst rasant.Damit erhöht sich nicht nur der Wasserverbrauch der Haushalte, sondern aufgrund des steigenden Nahrungsmittelbedarfs auch der Verbrauch in der Landwirtschaft, beschreibt ein kürzlich erschienener Wasserbericht des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ).Verschärft wird dies zusätzlich durch die zunehmende Industrialisierung und Verstädterung.Verschmutzung und Entwaldung senken auf der Angebotsseite die Wasservorräte. Verbraucher Nummer Eins ist weltweit die Landwirtschaft mit einem Anteil von zwei Dritteln, so der BMZ-Bericht.Schuld daran ist die wasserintensive Bewässerung, in einzelnen Regionen aber auch das Trinkwasser für wachsende Viehherden.Ein Viertel des Wasserverbrauchs geht auf das Konto der Industrie.Die Haushalte machen mit acht Prozent den kleinsten Anteil aus. Eine wundersame Mehrung des Angebotes durch die Technik ist zwar theoretisch möglich, praktisch aber kaum machbar.Die Entsalzung des Meerwassers, wie es schon im Nahen Osten praktiziert wird, ist kostspielig, nur etwas für reiche Ölstaaten.Das Kostenargument gilt auch für Wassertransporte aus weitentlegenen Gebieten.Was bleibt, ist neben der ohnehin erforderlichen Bevölkerungspolitik eine effizientere Nutzung des vorhandenen Wassers."Eine geringe Effizienz der Nutzung von Wasserressourcen" ist dem BMZ-Bericht zufolge "in allen Bereichen festzustellen".Zu niedrige, nicht kostendeckende Wasserpreise provozieren Verschwendung.Eine Änderung der Preispolitik sei häufig politisch "schwer durchsetzbar".Desweiteren geht sowohl im Trinkwasserbereich als auch im Agrarsektor viel Wasser "verschütt", bis es den Konsumenten oder die Pflanzen erreicht.Durch technische Mängel verlieren etwa Entwicklungsländer die Hälfte des geförderten Trinkwassers.Noch drastischer sieht es bei den Bewässerungssystemen aus."Oft wird das Wasser in offenen Kanälen auf die Felder geleitet, so daß vielfach nur 40 Prozent des Wassers tatsächlich die Pflanze erreicht", sagt Jean-Gerard Pankert, Wasserbauingenieur bei Misereor.Eine Lösung wäre in vielen Fällen das sogenannte Tröpfchensystem, bei dem das Wasser durch Rohrleitungen direkt an die Pflanzenwurzeln geleitet wird. Auch die Wahl der Kultur spielt nach Angaben Pankerts eine Rolle: "Vielfach werden in Gegenden mit geringem Wasservorkommen sehr bewässerungsintensive Kulturen wie Reis und Baumwolle angebaut".Hinzu kommen grobe Betriebsmängel.Für Michael Schlenker von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) ist mangelnde Wartung das Hauptproblem und daher "der Schwerpunkt" der Arbeit der GTZ "das Personaltraining und der Wissenstransfer"."Wir schicken zwei bis drei Leute in die Wasserversorgungsunternehmen von Entwicklungsländern, die dort in den Bereichen Technik, Betriebswirtschaft und Fortbildung Kenntnisse vermitteln." Die Beseitigung der Ineffizienzen kostet Geld.Auf 600 Mrd.Dollar schätzt die Weltbank den weltweiten Investitionsbedarf bis zum Jahre 2005.Da die meisten Staaten dieses Geld nicht haben, setzen manche Entwicklungsexperten auf Privatisierung oder Public Private Partnership.Vor allem große französische und britische Firmen wie Generale des Eaux oder Themsewater sind schon im Geschäft.Für Misereor ist der Einsatz privater Firmen nur dann akzeptabel, so Pankert, "wenn es Sozialtarife für Ärmere gibt, die durch Besserverdienende aufgebracht werden".

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