Wirtschaft : Im Öl-Transport-Geschäft zählen Sicherheitsstandards nicht viel

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Die Tanker-Unfälle vor der französischen Atlantikküste und - wie am Mittwoch von den türkischen Behörden gemeldet - im Marmarameer vor Istanbul haben die Diskussion um die Sicherheit des Öl-Transports auf den Weltmeeren neu entfacht. Der Verband Deutscher Reeder, der rund 90 Prozent aller deutschen Schifffahrtsunternehmen repräsentiert, wies am Mittwoch darauf hin, dass weltweite Sicherheitsstandards immer noch von Ländern und Reedern unterlaufen würden, die an der Formulierung dieser internationalen Normen beteiligt waren. "Dass es sich dabei vor allem um so genannte Billig-Flaggen-Länder handelt, trifft aber nicht zu", sagte Hans-Jürgen Golchert, im Verband für Schiffsicherheit, Umweltschutz und internationale Angelegenheiten zuständig, dem Tagesspiegel. So sei etwa Liberia, unter dessen Flagge über elf Prozent der Welthandels-Tonnage verschifft werden, in der Unfallstatistik "unterdurchschnittlich" vertreten. Mit der Registrierung ihrer Schiffe vor allem in Schwellenländern versuchen Reeder, im scharfen Wettbewerb um weltweite Frachtaufkommen Betriebs- und Personalkosten sowie Gebühren und Steuern zu sparen. Als besonders unzuverlässig gelten die Länder Honduras und Rumänien. Deutsche Unternehmen sind nach Angaben des Reeder-Verbandes nicht im Öl-Tanker-Geschäft aktiv.

Die von der Internationalen Maritimen Organisation (IMO) formulierten Sicherheitsnormen legen unter anderem mehrstufige Kontrollen fest, mit denen Reeder, Flaggen-Staaten und Häfen den Zustand der Tanker und die Qualifikation des Schiffspersonals regelmäßig unter die Lupe nehmen. Nach Ansicht von Fachleuten ist das Kontroll-System aber lückenhaft und oberflächlich. "Die IMO-Standards sind so mild fomuliert, dass die Gewinn-Margen der Ölmultis nicht gefährdet werden und die Schwellenländer im Öl-Geschäft bleiben", so der Fachjournalist Frank Brendel. So seien die Übergangsfristen, nach denen veraltete Tanker verschrottet werden müssen, zu lang. Statistiken zufolge ist etwa ein Fünftel der weltweiten Tankerflotte, die rund 3200 Schiffe umfasst, schrottreif. Experten warnen seit Jahren vor den Gefahren, die von den schwimmenden Rostlauben ausgehen. "Die Reeder fahren immer gegen die Zeit", so Brendel. Statt den sichersten Seeweg schlügen die betagten Tanker häufig den kürzesten und gefahrenreichsten Weg ein.

Zudem hapert es bei den häufig schlecht ausgebildeten und aus mehreren Ländern stammenden Seeleuten an Fachkenntnissen und an der Verständigung an Bord. IMO-Zertifikate, so genannte "International Safety Managment Codes", die ein angemessenes Ausbildungsniveau und Management-Kenntnisse sichern sollen, sind kein Garant für Unfall-Freiheit. "Es ist wie im Straßenverkehr: Da wird zu schnell gefahren oder es ist Alkohol im Spiel", so Hans-Jürgen Golchert vom Reeder-Verband. Rund 80 Prozent aller Schiffsunglücke, deren Gesamtzahl seit einigen Jahren rückläufig sei, seien auf menschliches Versagen zurückzuführen.

Das Erdölunternehmen TotalFina, dessen gecharteter Tanker "Erika" vor der französischen Atlantikküste gesunken ist, hat sich unterdessen für die verheerende Ölverschmutzung entschuldigt. TotalFina-Chef Thierry Desmarest bekräftigte am Mittwoch die Bereitschaft, für die Kosten der Reinigung der Strände aufzukommen. Die Beseitigung der Umweltschäden sei für sein Unternehmen wichtiger als der Aktienkurs. An der Börse hatte die TotalFina-Aktie in den vergangenen Tagen kräftige Verluste hinnehmen müssen. Angaben darüber, wie viel das Unternehmen für die Beseitung der Umweltschäden aufbringen müsse, könne er noch nicht machen, sagte Desmarest.

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