Wirtschaft : Im Schatten des Dollar (Leitartikel)

Martina Ohm

Europas neue Währung hat ein Problem: Sie kommt bei den Anlegern schlecht an. Tag für Tag, auch gestern war es wieder so, sinkt der Außenwert des Euro. Ganz offenkundig herrscht bei Anlegern weltweit Misstrauen gegenüber dem neuen Produkt aus Europa. Seit dem Start der Europäischen Währungsunion Anfang 1999 verlor der Euro gegenüber dem amerikanischen Dollar mehr als 20 Prozent. Haben die Euro-Staaten auf die falsche Währung gesetzt?

Mitnichten, sagen die hiesigen Währungshüter und Finanzpolitiker und preisen Europas Stabilitätskultur. Stabil und doch schwach? Der Euro sollte den EU-Raum geld- und wirtschaftspolitisch stabilisieren und auch dem amerikanischen Dollar Paroli bieten. Und nun? "Ein Euro ist ein Euro", sagt Wim Duisenberg, der erste Präsident der Europäischen Zentralbank. Inzwischen ist die demonstrative Sicherheit geschwunden. Im Frankfurter Euro-Tower wird nicht mehr über irrationale Gründe für die Euro-Talfahrt philosophiert. Die Geldpolitiker fragen sich vielmehr, was geschieht, wenn sich die akute Schwäche zu einer chronischen Vertrauenskrise auswächst.

Die Währungshüter müssen sich etwas einfallen lassen, damit der Euro nicht schon - bevor ihn die Bürger im Jahre 2002 in die Hände bekommen - zum Versager abgestempelt ist. Eine Währung, der das Kapital, beziehungsweise die Kapitalgeber misstrauen, kann nicht zur wichtigsten Reservewährung neben dem US-Dollar aufrücken. Zwar betreibt die Europäische Zentralbank keine aktive Wechselkurspolitik. Doch mit wachsendem politischen Druck wird auch die Bereitschaft der Notenbanker steigen, durch Zinserhöhungen Europas Einheitswährung einen Schub zu geben. Wir werden es heute sehen.

Volkswirtschaftlich gesehen könnte man auf eine derartige Abwehrstrategie verzichten. Der innere Wert des Euro ist tatsächlich stabil. Das zeigt die ziemlich vernachlässigbare Preissteigerung in Europa. Und die Schwäche des Außenwerts hat zurzeit durchaus mehr Vor- als Nachteile. Zwar steigen die Preise für Importgüter. Doch Euroland ist weitaus weniger anfällig für die Gefahren importierter Inflation als die nationalen Märkte in früheren Zeiten. Und die hiesige Konjunktur profitiert von einem schwachen Euro. Denn die Ausfuhren in Länder außerhalb der Eurozone sind günstiger und damit begehrter - wie man am kräftigen Exportwachstum ablesen kann. Nur so konnten die Deutschen, noch im vergangenen Jahr neben den Italienern auf der Wachstumsskala der Euro-Mitglieder Schlusslicht, ihr Wachstum inzwischen fast verdoppeln. Auch für den Euro-Raum insgesamt sind die Perspektiven glänzend. Nach Einschätzung der Volkswirte des Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission könnten die Europäer 2001 mit einem erwarteten Wachstum von 3,1 Prozent die Amerikaner überrunden.

Die Zukunft ist also gut, die Gegenwart hingegen eher trübe. Dabei spiegelt die Schwäche des Euro vor allem die Stärke des Dollar wider. Zwar ist auch in den Vereinigten Staaten nicht alles Gold, was glänzt. Risikopotenzial liegt besonders im Handelsbilanzdefizit, in der Verschuldung der privaten Haushalte und im nervösen Geschehen an der Wall Street. Doch bislang konnte die Dynamik durch nichts gebremst werden. Auch nicht durch die zahlreichen Zinserhöhungen der US-Notenbank. Insofern werden auch neue Zinsrunden - ob in Europa oder in den USA - nichts am aktuellen Trend an den Devisenmärkten ändern. Erst wenn sich der Boom der US-Wirtschaft abschwächt, wird der Euro die Wende schaffen.

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