Wirtschaft : Im Schleudergang

Weiße Ware war ein Verkaufsschlager aus Deutschland – heute haben Firmen wie AEG und Miele es schwer, sich zu behaupten

Carsten Brönstrup

Es bricht sich Bahn nur das, was gut.

Beim Einkauf sollst Du daran denken:

Vor Billigkeit sei auf der Hut,

es kann Dir niemand etwas schenken!

* * *

„Das galt damals und gilt auch heute noch.“ Markus Miele findet nichts dabei, wenn er die Werbesprüche seines Urgroßvaters zitiert, die vor dem Zweiten Weltkrieg auf Briefe geklebt wurden, bevor sie das ostwestfälische Unternehmen verließen. Der 36-jährige Wirtschaftsingenieur führt den Hausgeräte-Hersteller aus Gütersloh in vierter Generation, fast alle Waren werden in deutschen Werken produziert. Das soll auch so bleiben. „Es ist Unsinn, die Wertschöpfung in Deutschland völlig herunterzufahren“, sagt Miele. Nötig sei nur ein besonderes Markenimage, das auf Qualität, Langlebigkeit und Innovation fußt – dann könne man auch „die notwendigen höheren Preise durchsetzen. Man muss nicht die Billigschiene fahren.“

Markus Miele hat gut reden. Vielen anderen Unternehmen der Branche geht es schlecht. Wie in kaum einem anderen tobt im Markt für die „Weiße Ware“, also Waschmaschinen, Geschirrspüler, Herde und Trockner, ein heftiger Preiskrieg. Denn gerade bei großen Anschaffungen knausern die Deutschen. No-NameWaschmaschinen sind bei Discountern schon für 199 Euro zu haben. Folge: Eine weitere Firma der Konsumgüterbranche, in der die Deutschen einst Marktführer waren, steckt in der Krise.

Die geplante Schließung des AEG-Werkes in Nürnberg, der erbitterte Widerstand von Belegschaft und Gewerkschaft, zeigen den Druck der Globalisierung auf den Hochlohnstandort Deutschland. „AEG ist nicht der erste Fall eines bedrohten Werkes“, sagt ein Manager, der seit Jahrzehnten in der Branche arbeitet, „und es wird nicht der letzte sein.“

Für die 1700 AEG-Arbeiter geht es im Prinzip nur noch darum, vom Mutterkonzern Electrolux eine anständige Abfindung zu bekommen. Dafür streiken sie, und in der siebten Verhandlungsrunde am kommenden Donnerstag soll endlich eine Lösung mit dem schwedischen Management gefunden werden, das die Produktion ins preisgünstigere Polen verlagern will. Bei Bosch-Siemens, dem Marktführer hier zu Lande, steht den Beschäftigten des Werks in Berlin-Spandau ein solcher Schritt womöglich noch bevor. Bislang sah es so aus, als sei der Betrieb gerettet, nachdem das Management im vergangenen Sommer die Produktion ins Werk Nauen verlagern wollte. Dort sind die Arbeitskosten niedriger. Doch die Berliner Belegschaft setzte sich erfolgreich zur Wehr: Sie stellte für den Sozialplan so hohe Forderungen, dass er den BSH-Managern zu teuer wurde – und sie deswegen die Fortführung des Werkes erwägen.

Seither wird verhandelt. Bei dem sich abzeichnenden Kompromiss für den Erhalt – Erhöhung der Produktion pro Mitarbeiter, Straffung der Arbeitsprozesse, Abbau von bis zu 150 der 700 Stellen in der Fertigung – zögert das Management aber, heißt es in IG-Metall-Kreisen. „Offenbar gibt es dort Kräfte, die doch noch eine Schließung des Werkes wollen“, heißt es. Dazu passt, dass die Arbeitgeber von einer endgültigen Rettung der Fabrik noch nichts wissen wollen. „Wir haben nie gesagt, dass die Schließung bereits vom Tisch ist“, sagt eine BSH-Sprecherin. Die IG Metall drängt nun auf eine Entscheidung. „Bis Mitte März wollen wir Klarheit – sonst gibt es einen Großkonflikt wie in Nürnberg“, droht ein Funktionär.

Beim Elektroindustrieverband ZVEI kennt man die Probleme. „Das untere Segment ist inzwischen fast komplett von Billiganbietern aus Asien oder Südost-Europa belegt“, klagt Reinhard Zinkann, Vorstand im Elektroindustrie-Verband ZVEI. Die Standorte seien im Schnitt nur zu gut 75 Prozent ausgelastet, schätzungsweise 1000 Stellen wurden allein im vergangenen Jahr abgebaut.

Fachleute halten die Misere für hausgemacht. „Deutsche Hersteller waren jahrzehntelang technisch führend“, sagt ein Ingenieur, der die Branche seit langem kennt. „Seit den 90er Jahren haben sich viele zu sehr auf Kostensenkungen konzentriert und Innovationen aus dem Blick verloren.“ Damit hätten die Deutschen ihren Vorsprung preisgegeben – und müssten heute mit der billigeren Konkurrenz kämpfen.

Es sei denn, die Hersteller haben sich Nischen geschaffen. So wie es Miele getan hat – und Samsung es nun plant. In Stuttgart hat der Elektronik-Konzern jetzt ein Forschungszentrum für Weiße Ware eröffnet, in dem bald 50 Experten Hightech-Geräte für europäische Haushalte kreieren sollen. „Beim Preiskampf wollen wir nicht mitmachen“, sagt Michael Laue, Forschungschef des neuen Zentrums. „Wir wollen hochwertige Produkte entwickeln, die nur wenig Strom und Wasser verbrauchen.“ Diese Nische im oberen Preissegment hält Samsung für so verlockend, dass sogar Deutschland als Produktionsstandort im Bereich des Möglichen ist. „Wenn wir genügend Geräte auf dem europäischen Markt verkaufen, sind alle Optionen offen“, sagt Laue. Mindestens 500 000 Geräte müssten es dann jährlich sein – in diesem Jahr will Samsung schon auf 100 000 kommen. „Wenn wir das derzeitige Wachstumstempo beibehalten, könnte die Entscheidung für eine Produktion schon in wenigen Jahren fallen.“

Dass Geräte made in Germany auf dem Weltmarkt trotz der hohen Kosten eine Chance haben, zeigt das Beispiel Bauknecht. Zwar kämpft die schwäbische Marke, die seit 1991 zum US-Konzern Whirlpool gehört, auch mit dem Preisdruck – nur nicht bei den Waschmaschinen des Typs „Access“. Das Werk in Schorndorf bei Stuttgart produziert sie ausschließlich für den US-Markt – große, acht Kilo Wäsche fassende Geräte, viel größer als der europäische Standard. Das Konzept ist erfolgreich, weil die überlegene, Wasser und Strom sparende Technik die US-Konkurrenz aussticht. Rund 4000 Maschinen verlassen das Werk pro Tag, im Mai wollen die Schwaben die Marke von vier Millionen erreichen. Freilich funktioniert die Strategie nur, weil die Arbeitskosten mit zehn Prozent nur noch eine Nebenrolle spielen.

Aber auch Bauknecht kann sich dem Druck der Globalisierung nicht entziehen: Im Werk für Geschirrspüler in Neunkirchen (Saar) werden bis zum Frühling rund 100 Stellen gestrichen.

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