Wirtschaft : Im Sog der Kreativität

Die Musikbranche in Berlin boomt. Im Schatten der großen Plattenfirmen wie Universal oder Sony gedeihen auch kleine Label

Christian Hönicke

Arne fläzt sich in seinen Sessel und legt die Beine hoch. „Während alle über die Branchenkrise jammern, arbeite ich mit einem Grinsen weiter“, sagt er und grinst. Sieht so jemand aus, dem das Wasser bis zum Hals steht? Dabei arbeitet Arne in einer Branche, der im vergangenen Jahr die Umsätze um 30 Prozent eingebrochen sind: dem Musikbusiness. Er ist Eigentümer, Chef und einziger fester Mitarbeiter des Kreuzberger Independent-Labels „Nois-o-lution“.

Arne Gesemann ist besessen von Musik. Deshalb kam er mit 19 Jahren aus Hessen nach Berlin. In die Stadt, deren Firmen mehr 60 Prozent des deutschlandweiten Umsatzes mit Musik machen. Im Jahr 2000 betrug das Umsatzvolumen der Musikbranche hier 517 Millionen Euro – heute dürfte es durch den Zuzug der großen Musikkonzerne bei mehr als zwei Milliarden Euro liegen. Rund 160 Labels arbeiten zurzeit in Berlin, insgesamt rund 500 Unternehmen beschäftigen sich hier mit dem Thema Musik.

Arne verkaufte anfangs Vinyl-Platten und spielte in diversen Bands, bevor er schließlich beim Label „Vielklang“ landete, das einst „Die Ärzte“ groß machte. Vor acht Jahren gründete er dann „Nois-o-lution“, eine Tochterfirma von „Vielklang“. Außer dem seltsamen Namen und zwei unbekannten Bands nahm Arne nichts mit auf den Weg. Mittlerweile ist das kleine Label aus der Forster Straße eine Größe im Independent-Bereich. „Blackmail“ und „Miles“ etwa sind schon durch Arnes Hände gegangen, genauso „Firewater“ und „Mother Tongue“. Bands, die auch außerhalb der Szene einen Namen haben. „Nois-o-lution“ geht es gut, selbst jetzt in der Krise. Das Label hat in den letzten Jahren gegen den Trend an Umsatz zugelegt. 2001 waren es zehn Prozent, letztes Jahr zwölf und im ersten Halbjahr 2003 noch acht Prozent. „Mein Ziel ist es, langsam zu wachsen“, sagt Arne.

Die besten Chancen dazu sieht der 37-Jährige nach wie vor in Berlin, auch wenn er befürchtet, dass die zugezogenen Majors ihm die besten der 20 000 Musiker und mehr als 1000 Rock- und Pop-Bands wegschnappen, die zwischen Marzahn und Spandau auf den großen Plattendeal warten. „Die Stadt und die Mentalität hier sind ein Riesenvorteil für ein Musiklabel“, glaubt Arne. „Außerdem waren wir schließlich vor den anderen hier.“

Die anderen, das sind Universal, Sony und BMG, die inzwischen ebenfalls an der Spree residieren. „Wir haben die Verantwortung, für unsere Mitarbeiter die besten Arbeitsbedingungen zu schaffen, damit sie kreativ sein können“, sagt Jakob Bilabel. Er ist Pressesprecher des Konzerns Universal, der vor einem Jahr in die Hauptstadt zog. Hamburg war nicht schlecht, sagt Bilabel, aber Berlin gehört für ihn „zu den Top 3 in Europa“ nach London und Paris. Schon heute ist fast jeder zweite Einwohner Berlins unter 35, das hat laut Bilabel eine „Sogwirkung auf kreative und innovative Leute. Langfristig werden Firmen wie Universal oder der Musiksender MTV zudem neue Arbeitsplätze schaffen und eine gesunde Struktur aufbauen, die der Stadt hilft.“

Und auch die Popkomm ist im Anmarsch: Die Musikmesse kommt aus Köln nach Berlin. Für Balthasar Schramm, den Geschäftsführer von Sony Music Deutschland, ist das „ein deutliches Anzeichen dafür, wie stark die Sogwirkung der Stadt für unsere Branche ist“. Auch Arne freut sich, dass die nervigen Reisen nach Köln endlich wegfallen. „Das waren jedes Jahr die gleichen Clubs, die gleichen Leute, die gleichen Rituale.“

Berlin dagegen sei ein „Trendsetter“, sagt Schramm. „Die Atmosphäre hier ist bestimmt vom Unfertigen, vom Umbruch, von der Suche nach Neuem.“ Der Umzug der Popkomm als Zeichen des Aufbruchs für die darbende Branche passt in dieses Bild. Auch wenn Politikern und Einwohnern manchmal noch der Mut fehle, sind Popkomm und Love Parade für Bilabel Signale dafür, „dass hier doch noch etwas geht“. In zehn Jahren, wenn Berlin das Tor für den Markt im Osten ist, prophezeit er der Stadt ohnehin goldene Zeiten.

Zwar scheinen diese Zeiten noch fern, das Musikbusiness ist aber schon heute ein Aushängeschild der Stadt. Schramm geht davon aus, dass sich weitere Firmen aus der Branche hier ansiedeln werden. Zuletzt entschied sich der Musiksender MTV für Berlin. „Die Bedingungen sind optimal“, sagt er. „Wir haben die Entscheidung für Berlin zu keinem Zeitpunkt bereut.“ Der Weg aus der Krise, da sind sich fast alle einig, kann nur über Berlin führen.

Standort Berlin – Wo die Hauptstadt erfolgreich ist. Folge 3: Wirtschaftsorganisationen.

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