Wirtschaft : Im Sog des Ostens

In Ländern wie Polen oder China können deutsche Unternehmen viel billiger produzieren als hier zu Lande. Welche Folgen das für die Jobs hat – und für den Aufschwung

D.Fockenbrock[R.Obertreis],C.Brönstrup[R.Obertreis],M

Die kleine Industriestadt Kamp-Lintfort am Niederrhein ist Kummer gewöhnt. Hier hat der Bergbau Tradition – aber keine Zukunft mehr. Die Schließung der Kohle-Zechen ist nur noch eine Frage der Zeit. Und jetzt will auch noch Siemens sein Werk in Kamp-Lintfort dicht machen. Der Elektrokonzern droht, die Fertigung von Handys und schnurlosen Festnetz-Telefonen nach Ungarn zu verlagern, weil die Produktionskosten dort um 25 bis 30 Prozent niedriger sind. In diesen Zeiten, sagt ein Konzernsprecher, könne sich niemand einen solchen Wettbewerbsnachteil leisten.

Setzt sich das Siemens-Management durch, ist die Hälfte der 4000 Arbeitsplätze in Gefahr – im Kamp-Lintfort wie auch im nahen Bocholt. Der Betriebsrat hält verzweifelt dagegen: Die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit am Rande des Ruhrgebietes könnte durch die Siemens-Pläne auf ein katastrophales Niveau von rund 20 Prozent klettern, fürchten sie. Konzernchef Heinrich von Pierer versichert zwar, die Fabriken im Land halten zu wollen, fordert aber gleichzeitig auf der Computermesse Cebit „kostengünstigere Produktionen". Dazu gehöre auch die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche – ohne Lohnausgleich.

Im vierten Jahr der Wirtschaftsflaute fallen die Arbeitsplätze in Deutschland nicht nur der Pleitewelle zum Opfer. Beinahe täglich beschließt ein Manager irgendwo in der Republik, Jobs ins billigere Ausland zu verlagern. Trotz Steuerreform, Agenda 2010 und zuletzt maßvollen Tarifabschlüssen sind vielen Unternehmen die Arbeitskosten zu hoch. Sie suchen nach billigeren Alternativen, vorzugsweise in Asien und Osteuropa. Der Verlust der Arbeitsplätze verschärft die Probleme in Deutschland – die Last der Steuer- und Sozialabgaben muss von immer weniger Beschäftigten geschultert werden. Allein seit 2001 sank die Zahl der Erwerbstätigen hier zu Lande um 665 000 Menschen, das entspricht der Einwohnerzahl Essens. Und in den kommenden drei Jahren plant einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages zufolge jedes vierte Industrieunternehmen, zumindest Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern.

Das betrifft nicht nur Siemens, wo nach Angaben von Gesamtbetriebsrat Ralf Heckmann derzeit alle Geschäftsbereiche auf ihre Kosten hin überprüft werden. Ende März steht hier die Entscheidung an. Dagegen haben die Beschäftigten des Nähmaschinenherstellers Pfaff bereits Gewissheit. In Kaiserslautern war Firmenchef Massimo Maré die Fertigung zu teuer. Von 850 Arbeitsplätzen werden ab Ende März nun 250 nach China verlagert. Epcos, der Hersteller von Elektronik-Bauteilen, will in Heidenheim 250 Stellen abbauen und die Arbeit in Portugal und Ungarn erledigen lassen. „Die Verlagerung von Arbeitsplätzen geht umso schneller, je weniger die Gewerkschafter merken, dass sie von ihren Ritualen runtermüssen“, urteilt ein Metall-Manager lakonisch.

Das gilt selbst für den Autobau, eine der letzten Vorzeigebranchen des Landes. MAN etwa sah in der Verlagerung nach Polen die letzte Chance für seine Bussparte. Seit Jahren schreibt MAN tiefrote Zahlen. Konzernchef Rupprecht musste sich von seinen Aktionären fragen lassen, warum er sich „dieses teure Hobby leiste“. Vor kurzem zog Rupprecht die Notbremse. Ein Teil des Fahrzeugrohbaus wurde ins MAN-Werk nach Posen verlagert, in Salzgitter fielen 700 Arbeitsplätze weg. Die Kosten in Posen lägen um 70 Prozent niedriger, heißt es zur Begründung. MAN ist damit dem Vorbild des Konkurrenten Mercedes gefolgt, der Busse in Deutschland nur noch mit Elektronik ausstattet. Das Fahrzeug selbst wird in der Türkei montiert.

So verliert die Industrie, einst Wachstumsbasis im Wirtschaftswunderland, immer mehr an Bedeutung. Von 100 Euro, die durch die deutschen Unternehmen an Mehrwert geschaffen wurden, kamen 1991 noch gut 30 aus der Industrie. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 24 Euro. Daran ist auch der Job-Exodus schuld. Doch mittlerweile werden nicht nur simple Tätigkeiten in der Fertigung exportiert. „Es geht jetzt auch um Hightech-Jobs“, sagt Siemens-Betriebsrat Heckmann. „Länder wie China holen technologisch stark auf und können inzwischen Hightech-Produkte entwickeln und produzieren", stellt Siemens-Konzernbetriebsrat Georg Nassauer fest. Auch der Dienstleistungssektor folgt diesem Trend. Call-Center-Aufgaben werden bereits seit Jahren in Irland oder Indien erledigt. Nun kommen auch Top-Jobs hinzu: Infineon lässt die Buchhaltung in Portugal erledigen, die Deutsche Bank Software in Indien programmieren. Das Kreditinstitut will nach Angaben der Gewerkschaft Verdi zudem 250 Stellen der Einheit für den globalen Einkauf von Frankfurt (Main) nach Prag verlagern. Ein Sprecher der Deutschen Bank bestätigt zwar das Projekt, nicht aber die Zahl der betroffenen Mitarbeiter. Entscheidungen werde es im Laufe des Jahres geben, sagte er.

Ökonomen finden diese Entwicklung schlimm. „Das ist angesichts der hohen Arbeitslosigkeit das Letzte, was wir jetzt brauchen können“, sagt Wolfgang Franz, einer der fünf Wirtschaftsweisen. Der Trend hin zu den Billiglohnländern zeige, dass weitere Reformen in Deutschland nötig seien. „Steuern, Lohnstückkosten und die Sozialabgaben sind zu hoch“, befindet er. Um wettbewerbsfähig bleiben zu können, müsse die Regierung dafür sorgen, dass die Unternehmen billiger produzieren können. Hinzu kommen müsse ein besseres Bildungssystem. „Eine gute Ausbildung ist der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit.“

Doch die Verlagerung der Produktion hat Grenzen. MAN würde zwar Billig-Standorte gern noch intensiver nutzen. Doch aus politischen Gründen würde keine deutsche Stadt Busse made in Poland kaufen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Kommunen sind aber nun mal die wichtigsten Auftraggeber für MAN. Eine Komplett-Verlagerung komme daher nicht in Frage. „Das würde einen Riesenstaub aufwirbeln.“

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