Immer billiger : Warum kostet die Milch nur noch 46 Cent?

Die Bauern produzieren zu viel. Sie wollen Boni, um die Menge zu drosseln. Doch Agrarminister Christian Schmidt macht da nicht mit.

von und Lara Keilbart
Die europäischen Bauern sind die größten Milchproduzenten der Welt.
Die europäischen Bauern sind die größten Milchproduzenten der Welt.Foto: Simone Neuman/dpa

Wenn Romuald Schaber einkaufen geht, sollte er einen großen Bogen um das Kühlregal machen. Denn das, was er da sieht, erfüllt den Chef der deutschen Milchviehhalter mit Entsetzen. Seitdem die Discount-Kette Norma Anfang der Woche den Preis für einen Liter Frischmilch um 13 Cent auf 46 Cent reduziert hat, haben fast alle nachgezogen. Egal ob Netto, Kaiser’s, Lidl oder Aldi, überall gibt es die Vollmilch zum Literpreis von 46 Cent und damit so billig wie noch nie.

Nur ein Händler macht nicht mit: Edeka. Hier kostet der Liter weiterhin 59 Cent. Die Südwestregion des größten deutschen Lebensmittelhändlers hat vor Kurzem eine Preisgarantie für regionale Milchprodukte ausgesprochen. In Berlin zeigt man sich solidarisch und folgt dem Beispiel aus dem Süden.
Für die Bauern sind Ladenpreise von 46 Cent ruinös. Denn beim Milchviehhalter kommt noch weit weniger an. Bayerische Bauern bekommen von den Molkereien weniger als 30 Cent pro Liter, ihre Kollegen in Norddeutschland sogar nur 20 Cent. „Die Kosten liegen aber bei dem Doppelten“, sagt Johannes Fritz vom BDM, dem Bundesverband der deutschen Milchviehhalter.


Die Misere ist jedoch selbst verschuldet, zumindest teilweise. Jahrelang hatte die Milchquote in der Europäischen Union die Produktion gedrosselt, im vergangenen Jahr ist die Mengenbegrenzung ausgelaufen. Doch statt sich zu beschränken, haben die europäischen Milchbauern ihre Produktion ausgeweitet. 2014 – im letzten Jahr der Milchquote – haben Europas Bauern die Milchproduktion um 4,5 Prozent oder sechs Millionen Tonnen erhöht, 2015 haben sie um weitere 2,8 Prozent oder vier Millionen Tonnen zugelegt. Mit einem Ausstoß von 158 Millionen Tonnen im Jahr ist die EU der größte Milchproduzent der Welt.


Der steigenden Produktion steht zu allem Unglück eine sinkende Nachfrage gegenüber. Russland ist als Absatzmarkt weggefallen, seitdem Präsident Wladimir Putin die europäischen Sanktionen mit einem Embargo für Lebensmittel aus der EU gekontert hatte. Jetzt schwächeln aber auch noch die asiatischen Länder, China etwa, das den Rückgang aus Russland auffangen sollte.


Die Bauern stehen unter Druck, der Handel nutzt das aus. Verantwortlich für den Preisverfall sieht man sich beim Handelsverband HDE aber nicht. Wer Supermärkte und Discounter angreife, rede am Thema vorbei, gibt der HDE zu bedenken. Schon vor der letzten Preissenkung schrieben die Milchbauern rote Zahlen. Und die Abwärtsspirale könnte noch weiter gehen. Noch einmal rund zehn Cent hat der Einzelhandel in der aktuellen Preisrunde laut „Lebensmittel Zeitung“ den Bauern abgerungen. Mittlerweile beschäftigt der niedrige Milchpreis auch das Bundeskartellamt. Die Behörde prüft, ob die Milchbauern durch die langfristigen Verträge mit den Molkereien in ihrer Wettbewerbsfähigkeit eingeschränkt werden und neuen Molkereien der Zugang zum Markt verbaut wird.


Die Bauern hoffen aber weniger auf das Kartellamt, sondern mehr auf die Politik. Die EU-Kommission erlaubt den Mitgliedsstaaten nämlich, Landwirten staatliche Boni zu zahlen, wenn sie ihre Produktion drosseln. Die Agrarminister der Länder unterstützen das und fordern Bundesagrarminister Christian Schmidt auf, dafür Mittel bereit zu stellen. Doch der CSU-Politiker hält das für den falschen Weg. „Eine staatliche Anschubfinanzierung von Vereinbarungen und Beschlüssen zur freiwilligen Milchmengenreduktion unterstütze ich nicht“, sagte Schmidt dem Tagesspiegel. „Das wäre extrem teuer und wenig wirkungsvoll.“ Um die Bauern zu unterstützen, setzt sich der Minister dagegen für ein zweites Liquiditätshilfeprogramm für die Landwirte ein.


Doch dieses Geld müssen die Bauern zurückzahlen und sind deshalb von dem Vorschlag wenig begeistert. Die Stimmung ist gereizt, schon in der Vergangenheit haben die Landwirte demonstriert und öffentlichkeitswirksam ihre Milch verschüttet. Nun planen sie weitere Aktionen. „Wenn die dringendsten Frühjahrsbestell-Arbeiten und erste Ernten erledigt sind, werden die Milchviehhalter ihren Forderungen mit Aktionen Nachdruck verleihen“, sagt Schaber. Gedacht ist an Aktionen in Schmidts Wahlkreis im fränkischen Neustadt. „Wir könnten mit Kühen eine kleine Tour durch den Wahlkreis machen oder vor seinem Büro im Wohnwagen campen“, kündigt Fritz an.

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