Wirtschaft : Immer mehr Unternehmen nutzen Beteiligungs-Modelle

Egon Wachtendorf (Dm)

Für exakt 30 Mitarbeiter der Münchener EM.TV & Merchandising AG hat sich das Problem mit der Altersvorsorge erledigt. Wenn sie wollten, könnten sie in einigen Wochen ihren Schreibtisch räumen und mit einer lebenslangen Rente von 10 000 Mark oder mehr segeln gehen. Der jüngste ist 29, der älteste 52 Jahre alt.

Den plötzlichen Reichtum verdanken die auf Anonymität bedachten Neu-Millionäre nicht etwa einem Jackpot im Samstagslotto, sondern ihrem Firmengründer Thomas Haffa. Der 47-jährige Filmlizenzen-Händler bot beim Börsengang 1997 jedem Mitarbeiter, je nach Position im Unternehmen, zwischen 500 und 5000 Wandelschuldverschreibungen zum Kauf an, von denen die erste Hälfte im Oktober 1999 zu einem vorab festgelegten Kurs in EM.TV-Aktien umgewandelt wird. Da sich der Wert der am Neuen Markt gehandelten Aktie in den vergangenen zwei Jahren mehr als verachtzigfachte, sind die Wandelpapiere derzeit zwischen 1,6 und 16 Millionen Mark wert.

Motivation durch Beteiligung

EM.TV ist das spektakulärste Beispiel, aber kein Einzelfall. Zahlreiche börsennotierte Firmen beteiligen ihre Mitarbeiter auf ähnlichem Weg am Erfolg. Dazu gehören im DAX vertretene Unternehmen wie DaimlerChrysler, Lufthansa und SAP, aber vor allem relativ junge Firmen wie Mobilcom, 1&1, Aixtron oder Intershop. "Rund 70 Prozent der Unternehmen, die in diesem Jahr an den Neuen Markt gegangen sind, nutzen das Instrument der Aktien-Option", beobachtet Michael Lezius, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft (APG). "Davon profitieren beide Seiten. Der Unternehmer stärkt seine Eigenkapitalbasis und bindet gute Leute langfristig an sich. Die Mitarbeiter identifizieren sich mit ihrer Firma und sind entsprechend motiviert. Zudem können sie die erwirtschafteten Gewinne unter anderem dazu verwenden, ihre spätere Rente aufzubessern."

Obwohl Beteiligungs-Modelle bisher in erster Linie von Aktiengesellschaften genutzt werden, sind sie prinzipiell an keine spezielle Unternehmensform gebunden. "Neben Aktien-Optionen und Belegschaftsaktien gibt es GmbH-Anteile, Genussrechte, Genossenschaftsanteile und stille Beteiligungen", zählt Lezius auf. Bei kleineren Firmen bestehe zudem die Möglichkeit, dem Chef mit einem bankgesicherten Darlehen unter die Arme zu greifen. Diese Variante nutzen in Deutschland immerhin rund 100 000 Mitarbeiter in 500 Firmen.

Den Statistiken der AGP zufolge halten derzeit insgesamt 2,3 Millionen Arbeitnehmer in 2700 Betrieben eine Beteiligung an der eigenen Firma. Nicht immer erzielen sie dabei so traumhafte Renditen wie bei EM.TV. "Aber", so Lezius, "zwischen zehn und zwölf Prozent Rendite vor Steuern sind im langfristigen Durchschnitt eher die Regel als die Ausnahme. Und zumindest ein Teil dieser Erträge bleibt steuerfrei."

Die Beteiligungsoffensive kommt gerade zur rechten Zeit, denn die klassische Betriebsrente - über Jahrzehnte hinweg zweites Standbein der Altersvorsorge in Deutschland - verliert immer mehr an Bedeutung. Für mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer existiert die zweite Säule gar nicht: Sie erhalten später im Ruhestand von ihrem Betrieb keinen Pfennig.

Freilich: Die neuen Modelle bieten den Mitarbeitern nicht nur Chancen, sie beteiligen sie auch an den Risiken. "Wenn das Unternehmen, an dem die Mitarbeiter beteiligt sind, in Konkurs geht, verlieren diese nicht nur ihren Job, sondern auch ihr Vermögen", mahnt Carl Zimmerer. Der Geschäftsführende Gesellschafter der Düsseldorfer Finanzberatung Interfinanz rät Arbeitnehmern mit unternehmerischen Ambitionen, sich selbstständig zu machen oder die Aktien einer anderen Firma zu kaufen.

Vielfalt vermindert das Risiko

Die Gefahr eines Konkurses besteht bei einem Weltunternehmen wie DaimlerChrysler kaum. Trotzdem setzt der Stuttgarter Auto-Gigant bei der Absicherung seiner rund 239 000 inländischen Arbeitnehmer auf Vielfalt. Neben der herkömmlichen Betriebsrente, Belegschaftsaktien, Direktversicherungen und der Möglichkeit, Versorgungskapital im Unternehmen zu bilden und sich zu einem späteren Zeitpunkt auszahlen zu lassen, gehören seit diesem Frühjahr auch spezielle Mitarbeiterfonds dazu. Dabei handelt es sich um den Gottlieb Daimler Aktienfonds der DWS sowie vier von der Dresdner-Bank-Tochter DIT verwaltete AS-Fonds.

Das Angebot kommt an: Obwohl die DaimlerChrysler-Mitarbeiter die monatlichen Raten bisher ausschließlich aus ihrem versteuerten Nettoeinkommen bestreiten und gegenüber einem herkömmlichen Fonds-Engagement lediglich den sonst üblichen Ausgabeaufschlag und ein wenig Verwaltungsaufwand sparen, schlossen sie bisher mehr als 6000 Verträge ab.

Wegen der relativ hohen Flexibilität bietet seit kurzem auch der Düsseldorfer Henkel-Konzern Mitarbeiterfonds an. Schering will im Oktober folgen, mehrere andere große deutsche Gesellschaften verhandeln derzeit noch mit potenziellen Investment-Partnern.

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