Wirtschaft : Immer weniger Arbeitnehmer melden sich krank

BERLIN (ADN/Tsp).Die deutschen Arbeitnehmer waren im vergangenen Jahr so selten krank wie nie zuvor.Das geht aus einer aktuellen Statistik des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK-Bundesverband) hervor, die am Montag in Bonn veröffentlicht wurde.Demnach sank die Zahl der Krankentage im Westen auf 18 und im Osten auf 17.

Der Rückgang der Krankheitstage deckt sich mit den regelmäßig von den Allgemeinen Ortskrankenkassen veröffentlichten Zahlenreihen, die auch für die Regionen verfügbar sind.So waren 1997 nach Angaben der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB) in Berlin 5,6 Prozent der Beschäftigten krank, gegenüber einem Durchschnitt von 4,3 Prozent in den alten Bundesländern.Ein Jahr zuvor lag das Verhältnis noch bei 6,9 Prozent bzw.5,2 Prozent und 1995 bei 7,7 Prozent bzw.5,7 Prozent.UVB-Sprecher Klaus-Hubert Fugger führt diese Entwicklung auch auf die politischen Maßnahmen im Herbst 1996 zurück.Die Regierung Kohl hatte zum 1.Oktober 1996 die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall von 100 Prozent auf 80 Prozent gekürzt.Fugger erinnerte außerdem an die umfangreichen Gesundheitsprogramme, die die Unternehmen verstärkt in Angriff genommen hätte.Das Gefälle zu Westdeutschland entspreche im übrigen den Relationen, wie sie auch die Stadtstaaten Hamburg und Bremen gegenüber dem übrigen Bundesgebiet zu erkennen geben, sagte Fugger.

Aus der sogenannten "Krankheitsartenstatistik 1997" der Betriebskrankenkassen geht hervor, daß die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage zuletzt auf das Rekordtief von durchschnittlich 18 Kalendertagen je BKK-Pflichtmitglied in den westlichen Bundesländern gesunken ist.Bereits 1996 sei die Arbeitsunfähigkeit mit 20 Kalendertagen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken.1991 seien die Beschäftigten im Durchschnitt noch 26 Tage krank gewesen.In Ostdeutschland war ein BKK-Pflichtmitglied den Angaben zufolge 1997 im Durchschnitt mit 17 Tagen einen Tag weniger krank als im Vorjahr.1996 waren es noch 18 Tage und ein Jahr davor noch 19 Tage.

Die Entwicklung im ersten Halbjahr 1998 lasse vermuten, daß sich "auch im laufenden Jahr nochmals ein leichter Abwärtstrend" bei den Krankheitstagen durchsetze, betonte der BKK-Bundesverband.Ein spürbarer Rückgang des Krankenstandes habe bereits im März 1996 eingesetzt.Nachdem der Rückgang der krankheitsbedingten Fehlzeiten im Herbst 1997 zunächst zum Stillstand gekommen sei, habe sich der Abwärtstrend im ersten Halbjahr 1998 fortgesetzt.Als Gründe für den Rückgang der Krankenstände nannte der BKK-Bundesverband die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt sowie die "vielfältigen betrieblichen Vereinbarungen zur Senkung der Fehlzeiten".Dagegen spiele die seit Oktober 1996 geltende Regelung zur Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall "nur eine untergeordnete Rolle".Dies ergebe sich aus der Tatsache, daß in den Tarifverträgen der meisten Branchen die 100prozentige Lohnfortzahlung festgeschrieben worden sei.

Nach Einschätzung des WSI, des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes des DGB, ist der Rückgang der Krankheitstage vornehmlich auf die schwierige konjunkturelle Lage zurückzuführen.Konjunkturexperte Bisping: "Das entspricht dem ganz normalen Trend.In guten Zeiten gibt es meist etwas mehr Kranke, in schlechten Zeiten etwas weniger." Die Rücknahme der Kürzung der Lohnfortzahlung befürwortet das WSI eindeutig.Lediglich für drei Viertel der tarifvertraglich gesicherten Beschäftigten gelte die 100prozentige Lohnfortzahlung.Es sei an der Zeit, so Bisping, daß die Zwei-Klassenspaltung aufhöre.

In ganz Deutschland entfielen nach Angaben der BKK 1997 mehr als vier Fünftel aller Arbeitsunfähigkeitstage auf nur sechs Krankheitsgruppen.Die Krankenkassen schätzten die Kosten für Behandlung und Rehabilitation bei diesen Krankheitsgruppen auf rund 125 Mrd.DM.Hinzu kämen die indirekten Kosten durch Produktionsausfälle, die die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin allein für diese sechs Krankheitsgruppen auf etwa 72 Mrd.DM schätze.

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