Wirtschaft : Immigration: "Einwanderer sollen Eintritt bezahlen" - Thomas Straubhaar im Gespräch

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Thomas Straubhaar (43), ist Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), das zu den sechs großen Wirtschaftsforschungsinstituten Deutschlands gehört. Der gebürtige Schweizer ist auch Berater der Süssmuth-Kommission, die für die Bundesregierung ein neues Konzept in der Einwanderungspolitik erstellen soll. Anfang Juli will die Arbeitsgruppe ihre Vorschläge vorstellen. Straubhaar ist Experte für internationale Wanderungen und lehrt außerdem als Professor an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Herr Straubhaar, haben Sie schon ausgerechnet, wie viel Geld Sie als Schweizer vom kommenden Jahr an zahlen müssen, damit Sie weiterhin in Deutschland arbeiten dürfen?

Wieso?

Sie haben vorgeschlagen, dass Einwanderer oder ihre Arbeitgeber für eine Arbeitserlaubnis zahlen sollen.

Ich bin in der glücklichen Lage, dass mein Arbeitgeber wohl für mich zahlen würde. Denn hochqualifizierte Arbeitskräfte wie Wirtschaftsprofessoren sind nicht einfach zu finden. Grundsätzlich finde ich, dass Einwanderer eine Art Eintrittsgebühr zahlen sollten. Wie hoch sie ist, hängt von der jeweiligen Qualifikation ab: Ingenieure oder Programmierer bekommen einen Abschlag, Bauarbeiter müssen den vollen Preis zahlen. Auch Rabatte für junge oder deutsch sprechende Menschen sind denkbar. Das hätte zwei Folgen: Unternehmer hier zu Lande würden ihre Beschäftigten vermehrt aus- und weiterbilden, um nicht die Arbeitserlaubnis eines ausländischen Spezialisten zahlen zu müssen. Außerdem könnte der Staat das Geld, das er durch diesen Green-Card-Verkauf einnimmt, in das Weiterbildungssystem investieren. Bei nur 10 000 Einwanderern pro Jahr, die jeweils 10 000 Mark bezahlen, wären das schon 100 Millionen Mark - wahrscheinlich kommen aber eher 100 000 Menschen.

Erklären Sie uns bitte, warum wir so viele Einwanderer brauchen.

Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird ab-, die Zahl der Rentner zunehmen. Ohne Zuwanderung verstärken sich deshalb die Probleme in der Sozialversicherung, auf dem Arbeitsmarkt und letztlich beim Wachstum. Es ist gut, dass nach Jahren des Abwiegelns nun offen über dieses Thema gesprochen wird.

Über den Bedarf an Einwanderern sind aber selbst die Fachleute noch uneins.

Die Zahlen, die existieren, sind mit Vorsicht zu genießen. Prognosen in diesem Bereich sind schwierig zu erstellen. Wir können zwar einigermaßen verlässlich vorhersagen, wie sich die deutsche Bevölkerung entwickeln wird; Geburten- und Sterberate ändern sich ja nur sehr langsam. Wir wissen aber nicht, wie viele Frauen in Zukunft arbeiten werden und ob das Renteneintrittsalter konstant bleiben wird. Und noch schwieriger ist es, die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften in den kommenden 20 oder 30 Jahren vorherzusagen. Niemand weiß, welche Branchen boomen werden und wie stark die Produktivität zunehmen wird. Mit neuen Techniken etwa ließe sich menschliche Arbeit weiter ersetzen - wenngleich uns die Arbeit nicht ausgehen wird.

Wir können also nur abwarten und Tee trinken?

Nein. Mehr Qualifizierung, längere Lebensarbeitszeit, eine bessere Familienpolitik - all das würde möglichen Engpässen in Zukunft entgegenwirken. Aber wir leben ja nicht auf einer Insel. Durch die Osterweiterung der Europäischen Union kommen bald 70 oder 80 Millionen Menschen hinzu, die sich in der EU frei bewegen dürfen. Wir reden deshalb nicht mehr über einen deutschen Arbeitsmarkt, sondern über einen europäischen. Und für diesen Markt gilt es Regelungen zu treffen, nicht für den deutschen.

Trotzdem wird jedes Land darüber entscheiden wollen, wie viele Menschen es aus Ländern außerhalb Europas aufnehmen will.

Sicher. Deshalb sollte es ein Gremium aus Politikern, Vertretern gesellschaftlicher Gruppen und Wissenschaftlern geben, das eine Zahl von Zuwanderern festlegt, die es für politisch vertretbar hält. Weitere Quotenregelungen - also 100 000 Informatiker, 40 000 Ingenieure und 20 000 Biologen - sollte es nicht geben. Die Auswahl kann der Markt übernehmen.

Aber warum sollte ein gut ausgebildeter Mensch einen Eintrittspreis bezahlen, um in Deutschland arbeiten zu dürfen? Die USA nehmen jeden umsonst, und das Wetter ist dort auch besser.

Viele Arbeitgeber suchen händeringend nach guten Arbeitskräften und verteilen sogar Handgelder, um etwa IT-Fachleute anzulocken. In meinem Modell würde einfach der Staat dieses Handgeld abgreifen, und die Unternehmen werden in aller Regel bereit sein, es zu bezahlen. Dass Inder nicht den dringenden Wunsch verspüren, nach Deutschland zu kommen, lässt sich vielleicht nicht ändern. Osteuropäer aber sind stark auf Deutschland fixiert.

Geld für Arbeitskräfte - das klingt nach Menschenhandel.

Stimmt, Gebühren oder gar Versteigerungen von Arbeitserlaubnissen wären etwas skurril. Deshalb ja auch meine Kombination von Quoten und Punkten für Qualifikationen und Alter. Mit den Regelungen für Asylsuchende hat das übrigens nichts zu tun. Diesen Bereich sollte man nicht mit den Themen Arbeitsmarkt und Zuwanderung vermengen.

Fürchten Sie nicht einen Wust von Bürokratie, wenn ein Amt jedem Interessenten Kopfnoten geben muss? Außerdem gäbe es ein Gerangel unter den Interessengruppen - die Gewerkschaften etwa könnten versuchen, mit hohen Gebühren konkurrierende Arbeitskräfte abzuwehren.

Bürokratie wird sich nicht vermeiden lassen, heute ist es ja auch nicht anders. Den Einfluss von Interessengruppen finde ich nicht so schlimm - sie spielen nun einmal eine wichtige Rolle. Und wenn man jedes Jahr von Neuem die Höhe der Quote festlegt, lassen sich Fehlentscheidungen relativ schnell korrigieren.

Umfragen zufolge haben viele Deutsche Angst vor Zuwanderung im großen Stil. Wo ist Ihrer Meinung nach die Grenze?

Die Frage bei Migration ist nicht die Aufnahmefähigkeit, sondern die Aufnahmewilligkeit eines Landes. Alle Grenzen abzubauen würde sicher nicht akzeptiert. Aber 100 000 bis 300 000 Menschen wären sicher politisch vertretbar - schon heute sind es ja etwa netto 200 000 Einwanderer pro Jahr.

Ökonomen plädieren stets für den freien Handel von Gütern und Dienstleistungen. Ist das bei menschlicher Arbeitskraft anders?

Nein. Aus ökonomischen Gründen kann es eigentlich kaum zu viel Migration geben, gerade im Zeitalter der Globalisierung. Jeder sollte dort arbeiten können, wo seine speziellen Fähigkeiten am besten entlohnt werden. Dem stehen in der Praxis aber die Interessen der Wähler entgegen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder will Polen, Ungarn und Tschechen nach der EU-Osterweiterung vorerst aussperren. Welche Folgen hat das?

Solche Übergangsfristen sind unnötig. Die Migrationsgeschichte zeigt, dass nicht ältere, wenig qualifizierte Menschen wandern, sondern stets junge, gut Ausgebildete. Die Arbeitsmärkte müssen deshalb so schnell wie möglich geöffnet werden. Die EU-Süderweiterung hat gezeigt, dass den Spaniern allein die Möglichkeit reichte, nach Mitteleuropa gehen zu könnne. Gekommen sind letzten Endes nur sehr wenige, trotz hoher Arbeitslosigkeit dort. Außerdem wird nach der Erweiterung viel Kapital nach Osteuropa fließen. Allein deshalb wird es keine Flut von Einwanderern geben. Wenn man trotzdem keine Freizügigkeit will, sollte es eine jährlich ansteigende Quote geben für Einwanderer aus dem Osten. Dann könnten sich die Arbeitsmärkte schon einmal daran gewöhnen. Eine Barriere würde dagegen das Problem nur um ein paar Jahre aufschieben.

Die Menschen an der Grenze zu Polen und Tschechien haben Angst vor dem Beitritt der Ostländer, besonders das Handwerk und die Bauwirtschaft. Was sagen Sie denen?

Es gibt eine freundliche und eine weniger freundliche Antwort. Die freundliche: Der Strukturwandel kommt ohnehin. Altes zu zementieren gefährdet höchstens Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen. Die unfreundliche Antwort lautet: Warum sollen ausgerechnet Handwerker oder Bauarbeiter vor preiswerter Konkurrenz geschützt werden? Werften oder Textilfirmen haben die Folgen der Globalisierung schon viel früher zu spüren bekommen - ihnen hat niemand die Konkurrenz erspart.

Aber auch jenseits der Grenze hat man Angst. Wenn die Elite aus Polen abwandert, um in Deutschland zu arbeiten, bekommt Polen ein Wachstumsproblem.

Diese Ängste halte ich für weitaus berechtigter als die der Deutschen. Ohne Fachleute droht Osteuropa dauerhaft zurückzubleiben, so wie Süditalien und Ostdeutschland.

Wie lange wird es dauern, bis die Verhältnisse in Osteuropa den deutschen vergleichbar sind?

Mindestens eine Generation, also 20 oder 30 Jahre. Generell ist aber die Differenz beim Pro-Kopf-Einkommen kein so starker Wanderungsanreiz, wie viele glauben. Sonst müssten alle Deutschen in den Niederlanden arbeiten, weil dort das Pro-Kopf-Einkommen höher und die Arbeitslosigkeit viel geringer ist. In Europa gibt es aber kaum Migration - nur 1,6 Prozent der Europäer leben in einem anderen Land der Union. Wichtig für die Polen zum Beispiel ist, dass sich die Unterschiede im Lebensstandard beständig verringern. Dann wandern sie auch nicht.

Die üppigen Sozialleistungen in Deutschland lassen die Osteuropäer also völlig kalt?

Nein, natürlich nicht. Migration ist deshalb auch kein Problem des Arbeitsmarktes, sondern des Sozialstaats. Die Osterweiterung wird verdeutlichen, dass einige Dinge hier zu Lande korrekturbedürftig sind. Beispielsweise muss der Abstand zwischen Sozialhilfe und dem Mindestlohn größer werden, und die Arbeitslosenversicherung darf nicht mehr den Lebensstandard garantieren, sondern nur noch die Existenz sichern.

Durch die Osterweiterung wird also letzten Endes der deutsche Staat ausgeplündert?

Nein, unterm Strich wird die Bilanz für den Staat positiv sein, weil die Wirtschaft besser funktioniert. Gegen Wanderung allein aus sozialen Gründen muss aber eine Sperre eingebaut werden, selbst wenn es sie nur in geringem Umfang gibt. Eine Idee wäre es, die Zuwanderer in den Sozialsystemen ihrer Herkunftsländer zu belassen.

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