Immobilien : "Adreßbuch ist meine Bibel"

CHRISTOF HARDEBUSCH

Über 20 Firmen mit 700 bis 1000 Bauarbeitern auf fast 27 000 Quadratmetern - wie hält ein Bauherr bei diesen Größenordnungen noch Tuchfühlung mit dem Geschehen vor Ort? Diesen Job übernimmt auf der Baustelle des Sony-Centers am Potsdamer Platz Kumar Vasanth.Er ist als Projektkoordinator Tag für Tag vor Ort und in ständigem Kontakt mit allen Beteiligten.Er sorgt für Sicherheit, für die Einhaltung von Qualitätsstandards und hält Sony und seine Projektpartner Tishman Speyer sowie Kajima über das Baugeschehen auf dem Laufenden.Mit Kumar Vasanth sprach Christof Hardebusch.

TAGESSPIEGEL: Über welche Stationen sind Sie nach Berlin gekommen?

VASANTH: Ich wurde in Indien geboren, arbeitete dort für die AEG.Dann ging ich 1975 für meinen Arbeitgeber nach Berlin.Später wurde ich Zivilangestellter der britischen Luftwaffe und besuchte eine Abendschule, um mich auch für Managementaufgaben fit zu machen.Seit 1994 koordiniere ich für Tishman Speyer die Bauarbeiten am Potsdamer Platz und bin damit deren dienstältester Mitarbeiter in Berlin.

TAGESSPIEGEL: Die Sony-Baustelle ist eine der größten und aufwendigsten der Republik.Wie behalten Sie den Überblick?

VASANTH: Es ist nicht ganz leicht.Ich spreche ständig mit den Bauleitern der einzelnen Bereiche, bin selbst auch jederzeit erreichbar und kann, wenn nötig, meistens auch selbst jeden erreichen.In meinem Notizbuch stehen alle wichtigen Telefonnummern.Es ist meine kleine Bibel.

TAGESSPIEGEL: Was sind Ihre Aufgaben?

VASANTH: Ich achte auf die Einhaltung der Arbeitsschutzrichtlinien, auf die vertragsgerechte Umsetzung der baulichen Leistungen und alles, was sonst noch wichtig ist für die Bauherren.Einmal pro Woche führen wir hier mit einigen Kollegen eine Qualitätskontrolle durch, sehen, ob der Beton auch die vereinbarte Güte aufweist und ob der Stahl die richtige Stärke hat.Außerdem muß ich eingreifen, wenn ein Bauarbeiter keinen Helm trägt oder Schleifarbeiten ohne Schutzbrille ausführt.

TAGESSPIEGEL: Die Menschen, die Sie anweisen, kommen aus vielen verschiedenen Ländern und arbeiten für die unterschiedlichsten Firmen.Werden Ihre Anweisungen befolgt?

VASANTH: Nicht immer, aber in den meisten Fällen schon.Insgesamt läuft die Zusammenarbeit hier sehr gut, trotz der großen Zahl der beteiligten Firmen.70 Prozent der Arbeiter sind Deutsche, die Mehrzahl der übrigen kommt aus Europa.Im täglichen Umgang spricht man Deutsch oder Englisch.

TAGESSPIEGEL: Müssen Sie sich aufgrund Ihrer Hautfarbe mit rassistischen Sprüchen oder gar Übergriffen auseinandersetzen?

VASANTH: Bislang nie, und ich hoffe, daß das auch so bleibt.Wenn man freundlich ist, sind auch die anderen freundlich.

TAGESSPIEGEL: Immer nur mit dem Anstandsknigge vor Augen dürfte es auf Baustellen doch nicht zugehen...

VASANTH: Probleme gibt es natürlich immer, zumal manche Dinge umgesetzt werden, die sonst noch nie andernorts erprobt wurden.Die Verschiebung des Kaisersaals gehört dazu, aber auch das unterirdische Kino oder das Dach des Forums, das nächstes Jahr installiert wird.Außerdem stießen wir am Anfang auf zahlreiche Blindgänger und auf Munition aus dem Zweiten Weltkrieg.Arbeiter haben mir einmal eine Bombe, die sie gefunden hatten, im Büro auf den Schreibtisch geknallt.Sie wußten nicht, daß sie scharf ist.Ich habe einen guten Schutzengel, glaube ich.Letztes Jahr drangen während des Bauarbeiterstreiks einige Demonstranten von außerhalb in unsere Baustelle ein.Aber ansonsten ist bislang das meiste sehr gut gelaufen.

TAGESSPIEGEL: Die Baustelle von Debis nebenan ist noch größer.Dazu werden sich Delbrück und die Park-Kolonnaden von A & T gesellen.Stehen Sie in Konkurrenz zu diesen Projekten?

VASANTH: Nein, wir haben keine Zeit, über Konkurrenz nachzudenken.Wir reden regelmäßig mit unseren Nachbarn über unsere Projekte.Hin und wieder helfen wir uns gegenseitig, vor allem bei logistischen Problemen.Ich halte einen guten Kontakt zu den Nachbarbaustellen für sehr wichtig.

TAGESSPIEGEL: Worin liegt für die Bauherren der besondere Wert Ihrer Arbeit?

VASANTH: Ich bin jeden Tag mindestens zwölf Stunden auf der Baustelle.Oft werden daraus sogar 15.Manchmal bin ich auch am Wochenende hier.Ich bin immer nah am Geschehen, erlebe alles praktisch mit und kenne hier jeden.Das macht den Umgang reibungsloser und Problemlösungen einfacher.

TAGESSPIEGEL: Was sagt Ihre Familie zu diesem beruflichen Engagement?

VASANTH: Meine Frau und meine drei Kinder beschweren sich manchmal.Aber die Menschen hier am Potsdamer Platz zählen inzwischen auch zu meiner Familie.Außerdem macht man die Arbeit auf einer solchen Baustelle mit so vielen neuen Aufgaben und technischen Herausforderungen wohl nur einmal in seinem Leben.

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