Immobilien : Alles unter Kontrolle

PAUL MUNZINGER

Da war das Mädchen wohl doch etwas zu übermütig: Hart schlug sie auf dem Boden auf, beim Sturz vom Fahrrad.Das Geschrei war groß, doch die Mutter stand ihr bald zur Seite.Eine alltägliche Szene? Gewiß; doch das Besondere dieses Falles: Die Mutter hatte das Malheur der Kleinen nicht auf dem Spielplatz verfolgt, sondern auf dem Fernsehschirm ihrer Wohnung.

Seit Sommer 1998 läßt die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft mbH (GSW) Berlin den Spielplatz im Neubauquartier Pulvermühle in Spandau mit einer Videokamera überwachen.Die Bilder überträgt sie mittels Kabelnetz auf die Bildschirme der Fernsehgeräte von 360 umliegenden Haushalten.So gehen die Eltern unbesorgt ihrer Beschäftigung nach, behalten aber ihre Kinder trotzdem im Auge - kein Wunder, daß sie sich über den Versuch "sehr positiv" äußern, wie GSW-Pressesprecherin Beatrice Kindler sagt.

Doch der GSW geht es nicht bloß darum, die Eltern zu beruhigen.Sie testet außerdem, wie sich multimediale Technologien in der Wohnungswirtschaft einsetzen lassen.Zusammen mit der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH, der Deutschen Telekom AG und weiteren Unternehmen der Immobilien- und Kommunikationsbranche gründete die GSW 1996 die Arbeitsgemeinschaft Multimedia-Wohnen.Deren Ziel sei es, so formulierten es die Mitgliedsfirmen damals, sich durch Wettbewerbe und Feldversuche "besser und schneller auf die wachsenden Kommunikationsansprüche ihrer Mieter einzustellen."

Daß diese Ansprüche tatsächlich existieren, das brachte eine nicht repräsentative Umfrage unter Mietern zutage: 59 Prozent der 600 Teilnehmer erklärten, daß sie durchaus daran interessiert seien, über ihr Fernsehgerät auch elektronische Briefe zu senden und zu empfangen - und zwar auch dann, wenn sie dafür bezahlen müssen."Je besser ausgebildet und je jünger die Mieter sind, desto größeren Zuspruch finden Multimedia-Angebote", faßt Karin Petzold, Sprecherin von Stadt und Land, die Ergebnisse zusammen.Aber auch ältere Mieter verschließen sich den neuen technischen Möglichkeiten nicht: So seien 56 Prozent der über Sechzigjährigen bereit, für ein Bildtelefon extra zu bezahlen.

Der Wunsch nach Multimedia-Angeboten ist also vorhanden - doch mit seiner Erfüllung hapert es.Konkrete Projekte sind noch Mangelware.Eines führt die Stadt und Land in Altglienicke durch: Dort sind 44 Wohnungen so vernetzt, daß die Gesellschaft die Verbrauchsdaten von Heizung und Warmwasser direkt ablesen kann; auch die Mieter können sich ständig über ihren Verbrauch auf dem laufenden halten."Darüber hinaus können die Mieter dereinst ihre Hauseingänge über das Fernsehgerät kontrollieren", sagt Sprecherin Petzold.Technisch sei es auch möglich, daß Sicherheitsleute in der Zentrale der Wohnungsbaugesellschaft ein Auge auf diese Bilder werfen."Schwierige Rechtsfragen" seien damit aber verbunden - schon das Spielplatz-Projekt der GSW weckte den Argwohn des Berliner Datenschutzbeauftragten.Dennoch hat die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) konkrete Pläne.

Sie will ein von der Telekom unabhängiges Kabelnetz aufbauen und den Mietern ihrer 40 000 Wohnungen in Zukunft zusätzliche Dienstleistungen anbieten.In einem Pilotprojekt an der Karl-Liebknecht-Straße stattete sie in Zusammenarbeit mit einem privaten Kabelnetzbetreiber 1200 Wohnungen mit einem rückkanalfähigen Breitbandkabel aus.Die WBM rechnet damit, daß bis zum Sommer etwa 250 Haushalte über dieses Netz günstig telefonieren können.Auf längere Sicht können die Mieter dann über dieses Kabelnetz auch einkaufen, Bankgeschäfte erledigen oder ihre Wohnung während des Urlaubs überwachen lassen.

Noch ist das aber Zukunftsmusik.In der Provinz dagegen ist Multimedia bereits Realität - zumindest in Cuxhaven: Die gleichnamige Siedlungsgesellschaft baut zur Zeit in eigener Regie ein City-Netz auf.Dabei verbindet sie die vorhandenen Breitbandkabelinseln in den siedlungseigenen Wohnvierteln durch ein übergreifendes Glasfasernetz.Nach Abschluß dieser Investition wird die Gesellschaft über die sogenannte letzte Meile zu den Wohnungen verfügen - und damit über vielversprechende Vermarktungsmöglichkeiten.5000 Wohnungen schließt die Gesellschaft gegenwärtig an dieses Netz an.Von den sich daraus ergebenden Möglichkeiten profitieren manche Mieter schon jetzt.

So sind zum Beispiel 1260 Wohnungen im Rahmen eines Modellprojekts an einen Infokanal angeschlossen.Dieser versorgt die Bewohner auf eigens gestalteten Videotextseiten mit Mieterinformationen, lokalen Nachrichten und Bildern.Zudem steuert eine Gebäudeleitzentrale Heizanlagen, Aufzüge und andere technische Einrichtungen in rund 1800 Wohnungen.Da das Breitbandkabelnetz Informationen in beide Richtungen transportiert, kann die Verwaltung darüber hinaus vom Büro aus den Warmwasser- und Heizölverbrauch ablesen.Diesen Service genießen vorerst aber nur die Mieter von 120 Wohnungen - sie müssen am Ablesetag nicht mehr zuhause ausharren oder gar extra frei nehmen.

Mit diesen Angeboten hat sich die Siedlungsgesellschaft Cuxhaven bundesweit eine Vorreiterrolle erarbeitet."Die Multimediakonzeption ist heute zu einem wichtigen Bestandteil der unternehmerischen Strategie geworden", sagt Prokurist Enno Eden.Trotzdem nutzt selbst die experimentierfreudige Siedlungsgesellschaft noch nicht alle Möglichkeiten, die ihr Citynetz eigentlich bieten würde.So können die Mieter ihre Mängelmeldungen oder Reparaturwünsche ihrem Hauswart noch nicht direkt über das Kabelnetz zukommen lassen.Ebensowenig ist in allen Wohnungen standardmäßig ein Internetzugang installiert.Und die Möglichkeit, das Netz zum unentgeltlichen Telefonieren zu nutzen, testet die Gesellschaft vorläufig nur zwischen den Standorten ihrer verschiedenen Büros.

Die Bedeutung dieser Angebote dürfte in Zukunft weiter zunehmen."Schon jetzt registrieren wir vermehrt Anfragen von potentiellen Mietern, für die die Multimedia-Ausstattung wichtig ist", sagt Manfred Goerke von der Siedlungsgesellschaft Cuxhaven.Auch für die Berliner Wohnungsbaugesellschaften stellt sich die Frage immer dringender, wie sie sich im harten Wettbewerb um den wählerisch gewordenen Mieter behaupten können."Man muß sich", sagt Karin Petzold von der Stadt und Land, "natürlich überlegen, wie man auf der Höhe der Zeit bleiben kann."

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