Immobilien : Als erstes wurden Linden gepflanzt

Der Invalidenfriedhof ist ein liebevoll rekonstruiertes Gartendenkmal mit wechselvoller Geschichte

Waltraud Hennig-Krebs

Friedhöfe sind nicht nur die letzte Ruhestätte für Verstorbene, sondern stellen in Berlin mit 16 Prozent einen bedeutenden Anteil am öffentlichen Grün. 75 Berliner Begräbnisstätten sind als Gartendenkmale eingetragen. Doch für eine aufwändige Pflege fehlt das Geld, denn die öffentlichen Kassen sind leer. Ein positives Beispiel ist der denkmalgeschützte Invalidenfriedhof: Dank des Engagements von Gartenbaudirektor Klaus von Krosigk, dem Leiter der Berliner Gartendenkmalpflege, wird der kulturhistorische Ort gemeinsam mit dem Förderverein des Friedhofs und Sponsoren restauriert und gepflegt. Am morgigen Totensonntag ist der Friedhof von 8 bis 16 Uhr geöffnet.

Wer sich auf die Suche nach der Geschichte Berlins, Preußens und Deutschlands begeben möchte, sollte den Invalidenfriedhof in der Scharnhorststraße im Bezirk Mitte besuchen. 1748 ließ König Friedrich II. die Begräbnisstätte anlegen. Sie wurde damals nicht nur für die Bewohner des in unmittelbarer Nähe gelegenen Invalidenhauses die letzte Ruhestätte, sondern auch für viele ranghohe preußische Militärs.

Die Liste der hier Bestatteten ist lang: Zu sehen sind die Grabstätten der Familien der königlich-preußischen Generäle von Boyen, von Schlieffen und von Scharnhorst. Hier wurden die Kampfflieger Manfred von Richthofen und Ernst Udet, aber auch Zivilpersonen bestattet. Bedeutende Berliner Familien ließen auf dem Gelände ihre Grabmale errichten und von zeitgenössischen Künstlern gestalten, beispielsweise Karl Friedrich Friesen, Mitbegründer der deutschen Turnbewegung oder Carl Rabitz, Erfinder der gleichnamigen Drahtputzwand. Auch an Widerstandskämpfer gegen Hitler wie Wilhelm Staehle oder Fritz von der Lancken wird erinnert. Doch zur wechselvollen Geschichte des Friedhofs gehört aber auch, dass Personen, die wesentliche Träger des NS-Regimes waren, hier begraben wurden.

Im Mai 1951 wurde der Invalidenfriedhof für Beisetzungen geschlossen, das Gelände dem Verfall preisgegeben. Und mit der Errichtung der Mauer 1961 begann die Etappe der Zerstörung. Das Gelände, unmittelbar am Spandauer Schifffahrtskanal gelegen, wurde Grenz- und Sperrgebiet. Der vollständigen Vernichtung entging der Invalidenfriedhof wohl nur deshalb, weil auf ihm Persönlichkeiten wie von Scharnhorst und Friesen ruhen, die die DDR für sich ideologisch zu vereinnahmen suchte.

200 Jahre Begräbniskultur

Doch trotz der schweren Verwüstung bot die Stätte nach der Maueröffnung noch immer ein Abbild der Berliner Begräbniskultur der letzten mehr als 200 Jahre. Neben frühen klassizistischen Zeugnissen fanden sich sowohl Beispiele des Jugendstils als auch der Neuen Sachlichkeit. Aufgrund des wertvollen Bestandes wurde der Friedhof 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Klaus von Krosigk, Leiter des Referats Gartendenkmalpflege beim Landesdenkmalamt Berlin, übernahm die Federführung, und der Historiker Laurenz Demps von der Humboldt-Universität erstellte ein Gutachten mit einer Vielzahl vorher nicht gekannter Fotodokumente. Das Gutachten zeigt, wie die Anlage ursprünglich aufgebaut war. So lud von Krosigk 1992 eine Reihe von Fachleuten und unmittelbar Betroffener zu einem „Gesprächskreis Invalidenfriedhof“ ein. Bereits ein Jahr später, im November 1993, gründete ein Kreis aktiver und ehrenamtlicher Denkmalpfleger den „Förderverein Invalidenfriedhof e.V.“. Dieser begleitet seitdem die Arbeiten der Behörden.

Eine der ersten Aktivitäten war neben archäologischen Grabungen nach kulturhistorischen Objekten, die Erneuerung der Hauptwege. Anhand der historischen Pläne wurden wieder Linden gepflanzt. Und auch die so genannte „Königslinde“ am Spandauer Schifffahrtskanal, die dem Mauerbau zum Opfer fiel, wurde ersetzt. Ein Teil der um 1850 erbauten westlichen Friedhofsmauer am Kanal hat die DDR-Zeit, wenn auch verrottet, überlebt. Jetzt strahlen die hell verputzten Flächen, eingebettet in Pfosten aus dunkelrotem Klinker und mit plastischem Zierwerk versehen, in neuem Glanz. Als Zeugnis der jüngeren Geschichte Berlins blieben der Todestreifen und Teile der Hinterlandmauer erhalten.

Von den ursprünglich 3000 Grabstellen sind noch etwa 200 vorhanden. Gräber, die total verwüstet waren, werden am ursprünglichen Begräbnisort durch schlichte Gedenksteine sichtbar gemacht. Diese so genannten Kissensteine mit persönlichen Daten sollen an die Toten erinnern, deren letzte Ruhestätte zerstört wurde. Die restaurierten und teilweise rekonstruierten Grabstellen dagegen sind Zeugnisse der Begräbniskultur vergangener Zeiten. Zu ihnen zählt ein Sandsteinmonument aus dem Jahr 1779. Es wurde für den Oberst und Kommandanten des Invalidenhauses, Lodewig von Diezelsky, errichtet und gilt als ein gelungenes Beispiel früh klassizistischer Grabmalkunst. Ein weiteres Beispiel vorbildlicher Restaurierungsarbeit ist die Grabanlage der Familie von Scharnhorst. Christian Daniel Rauch schuf sie um 1834 nach einem Entwurf von Schinkel. Im Mittelpunkt, umgeben von Grabplatten, thront auf zwei hohen Steinsockeln ein Sarkophag aus Carraramarmor. Auf der Deckplatte ruht ein Löwe aus Bronze – allerdings als Kopie. denn das Original wird in einem Depot der Staatlichen Museen zu Berlin aufbewahrt.

Sehenswert ist auch die wieder hergestellte meterhohe Grabanlage der Familie von Boyen. Lediglich die Grabmalwand war von der prächtigen Stätte erhalten. Der Rest, Gitter, Säulen und die beiden Viktorien, ist seit 1952 verschollen. Mit öffentlichen Mitteln und Geld der Stiftung Deutsche Klassenlotterie konnten die aufwändigen Arbeiten durchgeführt werden. Anhand von historischen Fotos wurden die schlanken Sandsteinsäulen, auf deren korinthischen Kapitellen jeweils eine Viktoria steht, nachgebildet.

Diese Grabstätten sind nur drei von über 100, die mit viel Engagement und Liebe zum Detail seit dem Fall der Mauer restauriert und rekonstruiert wurden. Dokumentiert wird die mühevolle Arbeit der Denkmalschützer und der einzelnen Gewerke in dem kürzlich erschienenen Buch „Der Invalidenfriedhof – Rettung eines Nationaldenkmals“, das der Förderverein aus Anlass seines 10-jährigen Bestehens in diesem Jahr herausgegeben hat. Auf über 100 Seiten beschreiben Fachleute der Denkmalpflege das Leben der Bestatteten und den Umgang mit ihren letzten Ruhestätten. Einem kurzen Beitrag über den Lebensweg des Verstorbenen folgt die akribische Beschreibung der einzelnen Restaurierungsarbeiten. Informativ und lesenswert ist auch das Kapitel Klaus von Krosigks zur Grabmalkunst von Karl Friedrich Schinkel. Viele Schwarz-Weiss-Abbildungen und der detaillierte Grabplan sind eine hilfreiche Ergänzung der einzelnen Kapitel.

Der Invalidenfriedhof – Rettung eines Nationaldenkmals. Hrsg. Förderverein Invalidenfriedhof e.V. L & H Verlag, Hamburg, 2003, 100 Seiten. 24,80 Euro; Internet: www.foerderverein-invalidenfriedhof.de .

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