Immobilien : Alsomitra und der Traum vom Fliegen

Beat Ernst Leuenberger

Nachstehend veröffentlichen wir die vom Botanischen Garten für diese Woche herausgegebene Zusammenstellung besonders sehenswerter Pflanzen, die im Freigelände oder in den Gewächshäusern mit einem roten Punkt gekennzeichnet sind. Der Garten ist täglich von 9 Uhr an geöffnet, die Gewächshäuser am Wochenende ab 10 Uhr.

Gewächshäuser. Eine Liane klimmt im tropischen Regenwald aus dem Waldesdunkel bis in die Baumkronen empor und lässt aus luftiger Höhe ihre viele Meter langen Seitenzweige als grünen Girlandenvorhang herunterhängen. So präsentiert sich im Großen Tropenhaus vom Haupteingang gesehen rechts hinten die Großfrüchtige Alsomitra. Ihren armdicken, knorrigen Stamm muss man zwischen den anderen Pflanzen auf dem Seitenbeet schon etwas suchen. Alsomitra macrocarpa ist der korrekte botanische Name dieses Kürbisgewächses, das bereits 1826 von Carl Ludwig Blume unter einem anderen Gattungsnamen (Zanonia) aus Java beschrieben wurde. Seine Heimat ist der Malaiische Archipel. Unser Exemplar, aus Samen aus dem Botanischen Garten Bogor auf Java in Indonesien herangezogen, ist schon über dreißig Jahre alt, hat aber hier noch nie geblüht. Bekannter als die Pflanze selbst sind ihre Samen.

Segelfliegern und Drachenfliegern unter den Menschen dürfte diese Pflanze besonders sympathisch sein. Ihnen ist sie aus historischen Gründen sogar eher ein Begriff als selbst dem botanisch interessierten Besucher. "Sie", das heißt ihre Samen, gehören nämlich auch zu den Segelfliegern, im Fachdeutsch zu den „Nurflüglern“ oder Nurflügel-Flugzeugen. Früchte und Samen sind im Gewächshaus nicht zu sehen, ein Modell des Flugsamens aber im Botanischen Museum (in der Vitrine „Früchte und Samen, Bedecktsamer“), dort unter dem früher zeitweise ebenfalls gebräuchlichen Namen Macrozanonia macrocarpa.

Der Name der Großfrüchtigen Alsomitra nimmt wohl Bezug auf die kürbisähnliche, kopfgroße, helmförmige, hängende Kapselfrucht, die geöffnet auch einer Glocke gleicht. Sie entlässt bei der Reife eine Vielzahl flacher, wie Gleitflieger aerodynamisch perfekt geflügelter Samen. Der hautfeine Saum mit einer Spannweite von zwölf bis 16 Zentimetern umgibt das flache Samenkorn, das zwei bis drei Zentimeter Durchmesser hat. Das Gesamtgewicht beträgt allerdings nur etwa 0,2 Gramm.

Genau genommen sind diese Flugsamen nicht wie Gleitflieger gebaut sondern genau umgekehrt. Ihre guten Flugeigenschaften ließen Flugpioniere lange vor Neid erblassen, heißt es in einem modernen Kommentar. Die Samen der Großfrüchtigen Alsomitra sollen bereits 1897 vom Hamburger Flugtechnikforscher F. Ahlborn studiert und in ihrer Bedeutung erkannt worden sein. Der böhmische Tuchfabrikant Etrich (1879-1967) wurde dadurch und durch Fluggeräte aus Otto Lilienthals Nachlass zu Gleitflugversuchen angeregt. In Trautenau (heute Trutnov) und später in Wien experimentierte er mit formgetreuen Nachbildungen der Flugsamen dieses Kürbisgewächses. Die Flugversuche waren ab 1906 erfolgreich. Der Erfolg überzeugte Etrich davon, dass in dem Gleiter das Prinzip des Motorflugzeuges der Zukunft steckte. Mit „Etrichs Zanonia-Gleiter“ und dem davon abgeleiteten Eindecker-Motorflugzeug „Etrich-Taube“ ist eine tropische Liane in die Geschichte der Luftfahrt eingegangen.

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