Immobilien : "Anonyme Bauherren"

SIGYN THONIGS

Zwischenbilanz des Hamburger Architektur SommersVON SIGYN THONIGS B erlin ist nicht die einzige deutsche Metropole, die sich als Hauptstadt der Baukultur versteht.Die Hansestadt Hamburg präsentiert sich als Stadt der "Architektur und Baukultur" im Rahmen des "Hamburger Architektur Sommers".Einer ersten Zwischenbilanz zufolge besuchten rund 100 000 Menschen die Veranstaltungen, die seit Ende Mai laufen und bis November andauern.Unsere Mitarbeiterin Sigyn Thonigs sprach mit Ullrich Schwarz, Geschäftsführer der Hamburger Architektenkammer und Vorstandsmitglied der Initiative Hamburger Architektur Sommer. TAGESSPIEGEL: Kann Architektur noch von Kunst und Design sowie Ökologie und Ökonomie klar abgegrenzt werden? SCHWARZ: Nein, deshalb versuchen wir mit dem Architektur Sommer, die verschiedenen Perspektiven zusammenzuführen.Auch Wissenschaft spielt eine ganz große Rolle. TAGESSPIEGEL: Demnach ist von Architekten zunehmend auch integratives Arbeiten gefordert. SCHWARZ: Ja, die Dinge lassen sich nicht mehr getrennt behandeln.Im ökologischen Bau beispielsweise ist eine enge planerische Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren unumgänglich.Fosters "ökologisches Hochhaus" in Frankfurt ist ein Beispiel für ein solches Projekt, an dem Architekten eng mit Fachleuten anderer Bereiche zusammengearbeitet haben. TAGESSPIEGEL: Ändert sich dadurch auch das Berufsbild des Architekten? SCHWARZ: Bestimmte Tendenzen wirken heute dahin, daß der Architekt nicht mehr die gesamte Kontrolle über sein Projekt hat.Dadurch kann die Qualität des Bauvorhabens von ihm nicht mehr immer sichergestellt werden.Oft muß auch unter sehr engen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gearbeitet werden.Die Ursache dafür ist, daß sich die Struktur der Bauherrenschaft stark geändert hat.Es gibt den Trend zum anonymen Bauherren, der nicht mehr als Person greifbar ist, sondern in Gestalt von Großbanken, Versicherungen oder Anlagefonds auftritt und ein Gebäude aus rein wirtschaftlicher Absicht erstellt. TAGESSPIEGEL: Auch innerstädtisches Wohnen findet im Rahmen der diesjährigen Veranstaltungen starke Beachtung.Gibt es hier neue Tendenzen? SCHWARZ: In der Vergangenheit wurden die Bereiche Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Grünanlagen oft deutlich voreinander getrennt.Der Trend geht mittlerweile dahin, eine stärkere Vermischung der einzelnen Bereiche herzustellen. TAGESSPIEGEL: Welche Rolle spielt die Ästhetik im Bereich urbanen Wohnens? SCHWARZ: Die Zeiten großer Planvorhaben, in denen Tausende von Wohneinheiten in völlig gleichförmiger Architektur hingestellt wurden, sind vorbei.Der Trend geht zu einer Architektur, die nicht nur in der Gestaltung von Grundrissen, sondern auch von Fassaden Wert auf Vielfältigkeit legt. TAGESSPIEGEL: Auch die Entwicklung in den neuen Ländern wurde thematisiert.Mit welchem Ergebnis? SCHWARZ: Überspitzt gesagt kann man davon ausgehen, daß die städtebauliche Entwicklung in Ostdeutschland heute so gut wie beendet ist.Die Investitionsbereitschaft im Immobilienbereich nahm aufgrund der politischen und ökonomischen Entwicklungen deutlich ab und wird noch weiter abnehmen.Die neuen Länder befinden sich hier in einer sehr schwierigen Lage.Hinzu kommen Fehlentwicklungen.So wurden viele Bauprojekte in Ostdeutschland allein deshalb auf den Weg gebracht, weil steuerliche Rahmenbedingungen so günstig waren.Ein echter Bedarf bestand oft nicht.Ein Beispiel sind die vielen Einkaufszentren auf der Grünen Wiese, die sich langfristig nicht tragen können.Die Kapitalströme hätten besser gelenkt werden müssen.Das ist heute außerordentlich schwer zu korrigieren. TAGESSPIEGEL: Gibt es neben diesen Fehlplanungen auch positive Entwicklungen im Osten? SCHWARZ: Ja, die Stadt Erfurt hat bei allen wichtigen Bauvorhaben Architekturwettbewerbe durchgeführt.Es wurde darauf geachtet, daß neue Projekte in der Stadt und in der Stadterweiterung eine angemessene architektonische Qualität haben.Das hat gute Ergebnisse gezeitigt. TAGESSPIEGEL: Was leistet Architektur heute? SCHWARZ: Nach den historischen Erfahrungen des 20.Jahrhunderts, insbesondere mit den großflächigen Planungen, ist man wesentlich zurückhaltender geworden.Die Aufgabe moderner Architektur liegt heute vor allem darin, die Verstädterung zu einem lebenswerten Ergebnis zu führen.Große und komplexe Gebilde wie Städte tragen große Risiken in sich, die bewältigt werden müssen.Man denke nur an den Verkehr und die Umweltbelastung.Hier liegen Herausforderungen, denen sich die Architektur in Zukunft verstärkt stellen muß.Die Herausforderung liegt in dem, was man mit dem Stichwort nachhaltige Stadtentwicklung benennt.

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