Immobilien : Aufbruch - in den Ruin

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Von Ralf Schönball

Am Ende unseres Gesprächs legt sie dann doch die Hände vors Gesicht. Dann schnellt sie auf und verschwindet im Nachbarzimmer. Kurze Zeit später hat sie sich wieder gefasst. Sie setzt sich neben ihren Lebensgefährten. Der sagt: „Viele Leute halten uns jetzt für Versager.“ Sie nickt. „Die sagen das nicht direkt, aber man hört es zwischen den Zeilen heraus, wenn man aufmerksam zuhört“, fügt er hinzu. Und als sei dies ihr Stichwort, richten sich ihre großen starren Augen auf uns, und sie sagt: „Ich ziehe mich immer öfters zurück.“ Dabei ging sie doch früher so gern weg, „sehr gern, nicht?“. Er nickt. „Man kann sagen“, bemerkt sie, als spreche sie über irgendein fremdes Ereignis, „man kann sagen, ich bin depressiv, nicht?“ Und wieder wenden sich ihre dunklen Augen fragend dem Lebensgefährten zu - der nickt und brummt: „Hm-h!“

Gabriele Niemeyer hat alles verloren. Ihr Haus. Das Haus ihrer Eltern. Die Gesundheit. Noch klammert sie sich an eine kleine Hoffnung. Dass die Immobilie, in die sie und ihr Lebensgefährte zehn Jahre lang jeden Pfennig steckte, doch nicht unter den Hammer kommt. Dass die Bank ihr doch noch einen Teil der viel zu hohen Zinsen gutschreibt. Dass „die Öffentlichkeit“ hilft – „obwohl wir unsere Geschichte wohl zu spät erzählen.“

Diese Geschichte spielt in der Kleinstadt Röbel an der Müritz und beginnt 1993. Gabriele Niemeyer und ihr Lebensgefährte Hans-Georg Konski wollen die Gunst der Stunde nutzen: Erst zwei Jahre sind seit der Wiedervereinigung vergangen. Von den Fassaden der Häuser im Dorf blättert noch der Putz. Nur vereinzelt haben private Unternehmer Geschäfte eröffnet. Schiffszubehör bietet niemand an. Als eine Bäckerei, zweihundert Meter von dem kleinen Sporthafen entfernt, in die Insolvenz geht, ergreifen die beiden ihre Chance. Aus der Konkursmasse erwerben sie einen Block aus vier Häusern. Sie sanieren, öffnen einen Laden, und vermieten die übrigen Flächen an ein Chinesisches Restaurant und einen Makler. Auch die Wohnungen in den Obergeschossen sind vergeben.

Die Bank ist großzügig - zunächst

Bei den Schiffsleuten vom Röbeler Hafen hat sich das breite Sortiment der jungen Unternehmer herumgesprochen. Gabriele Niemeyer macht gute Umsätze. Sie stellt erst eine, dann zwei, dann drei Verkäuferinnen ein. Die Mieteinnahmen reichen, um die Kosten zu decken. Das Paar wähnt, seine Rechnung geht auf. Ein Trugschluss. Von einem Berater in die Irre geführt, hatten sie einen dubiosen Vertrag unterzeichnet. Die Konsequenzen erkannten sie viel zu spät: Der Schuldenberg wuchs immer weiter. Denn der Vertrag mit der Berliner Bank sah keine Tilgung vor. Nachdem die erste halbe Million Euro bereits ausgezahlt war, genehmigte die Kreditabteilung der Filiale Hamburg noch einmal 150000 Euro extra für die Renovierung des Fachwerkhauses. Das Risiko war für die Banker gering. Sie hatten sich gut abgesichert. Eine Grundschuld lag auf der Immobilie des Paares. Eine zweite auf dem Eigenheim von Gabriele Niemeyers Eltern. „Reine Vorsichtsmaßnahme haben die uns gesagt“, berichtet Frau Niemeyer „die Hypothek werde bald wieder gelöscht.“

Dazu kam es nie. Die Finanzierung ließ keinen Spielraum für eine Entschuldung. Die Zinsen waren zu hoch: 13,26 Prozent effektiv im Jahr 1993, danach knapp 11 Prozent. Etwa das Doppelte von dem, was der Markt für Hypothekendarlehen verlangte. Die Bank hatte die Finanzierung der Immobilie über das Geschäftskonto abgewickelt: als Kontokorrentkredit. Das bedeutet: monatlich fällige Zinsen. Und sobald die Unternehmer ins Obligo rutschten, wurden Überziehungszinsen fällig: 15000 Euro monatlich waren es im Dezember 1995. Das Paar zahlte – so lange es eben ging.

Der unüberwindbare Schuldenberg

Es konnte nicht gut gehen. „Weil wir nichts für schlechte Zeiten zurück legen konnten“, sagt Gabriele Niemeyer. Und weil eine Regelung zur Rückzahlung des Kredits fehlte. Deshalb ist der heute noch fast so hoch wie vor knapp zehn Jahren: 800 000 Euro. Die Unternehmer kamen einfach nicht von ihrem Schuldenberg herunter.

Abwärts ging es dagegen mit ihrem Geschäft. Drei andere Unternehmer öffneten eigene Läden für Seglerzubehör in Röbel. Niemeyer und Konski konnten auf die Wettbewerber nicht mit der Erweiterung ihres Angebots reagieren. „Stattdessen mussten wir Geld aus dem Laden nehmen, um die Zinsen bezahlen zu können“, sagt Gabriele Niemeyer. Auch die Erträge aus den vermieteten Teilen des Gebäudes flossen nun nicht mehr so reichlich wie in den ersten Jahren: Die Pächter des chinesischen Restaurants weigerten sich, die vereinbarte Miete zu zahlen. Die Wohnungen brachten ein Drittel weniger ein als zuvor. Die Unternehmer erfuhren die bitterböse Seite der Marktwirtschaft.

„Wir hätten es trotzdem geschafft, wenn die Bank eine Umschuldung zugelassen hätte“, sagt Hans-Georg Konski. Er sitzt hinter dem großen Bildschirm seines Personalcomputers und blättert in den säuberlich abgehefteten Kontoauszügen: „Hier, noch einmal 1500 Euro Überziehungszinsen!“ Dann fällt noch eine Zahl und noch eine. Konski sagt, die Bank hätten ihnen keinen marktüblichen Immobilienkredit gewähren wollen - sie hätte auf etwa die Hälfte ihrer Zinsen verzichten müssen. In der Bank dagegen heißt es, die Kunden hätten immer nur eine Zwischenfinanzierung haben wollen, um die Immobilie nach der Renovierung rasch verkaufen zu können. Den Hypothekenkredit hätten sie von anderen Instituten haben wollen.

In ihrer Not schalteten die Schuldner einen Finanzierungsberater ein. „Ihr müsst zahlen, ihr müsst zahlen, hat der immer nur gesagt“, erinnert sich Konski. Und zu einem Termin bei der Berliner Bank in Hamburg sei er so beflissen und höflich dem zuständigen Abteilungsleiter entgegengetreten, dass es erst gar nicht zu einer Verhandlung über Details einer Umschuldung gekommen sei. „Der ist vor den Bankern gekrochen“, sagt Konski. Es half nichts.

Dann der Zusammenbruch. Der finanzielle. Und persönliche. Im Januar 1999, sechs Jahre nach Beginn des unternehmerischen Abenteuers, diagnostizieren Ärzte Krebs bei Gabriele Niemeyer. „Die haben gefragt, ob ich rauche oder trinke.“ Doch das tat sie nicht. Wann sie denn den letzten Urlaub gemacht habe? Über sechs Jahre sei es her. „Das war unser großer Fehler“, sagt Hans-Georg Konski leise und löst seinen Blick kurz von den Kontoauszügen. Sie widerspricht: „Ich mochte nicht fahren, ich will nicht fahren.“ Was hätte sie denn woanders tun sollen, wo sie doch zu Hause gebraucht wird, „es fehlt doch immer Geld“.

Statt Urlaub, Krankenhaus. Chemotherapie gegen die wuchernden Zellen im Lymphknoten. Fünf Operationen. Auch die Brust ist betroffen. Als der Kampf gegen die Krankheit gewonnen ist, folgen weitere Operationen, um das zerstörte Gewebe zu ersetzen. Sie misslingen. Im September 2001 entlassen die Ärzte Gabriele Niemeyer. Sie ist geheilt - vorerst. Der Karzinom hatte sich bereits so stark ausgebreitet, dass die 47-jährige vorzeitig in Rente gehen soll. Sie lehnt ab. „Was soll ich alleine rumsitzen“, sagt sie, „da falle ich doch noch tiefer in das Loch“.

Als Gabriele Niemeyer wieder zu Hause ist, gehört das Gebäude bereits der Bank. Am 29. August 2001, hatte ihr das Amtsgericht Waren an der Müritz den folgenden Beschluss zustellen lassen: „In der Sache Bankgesellschaft Berlin gegen Gabriele Niemeyer, wird die Zwangsverwaltung angeordnet und das Objekt beschlagnahmt“. Die Bank hatte 475000 Euro fällig gestellt - „nebst 15 Prozent Zinsen seit dem 1. Januar 1998“.

Zwei Jahre bevor sie die Notbremse zog, hatte die Bank den Kontokorrent- in einen Tilgungskredit verwandelt mit günstigen Zinsen. Doch es war zu spät. „Auf dem Zähler standen 14333,33 Euro“ sagt Konski, als habe diese Schnapszahl die Banker bewogen, „uns den Todesstoß zu versetzen.“

Ihr Anwalt habe versichert, sagt Konski, die hohen Zinsen seien sittenwidrig. Er könne einen Prozess gegen die Bankgesellschaft gewinnen. Doch sie wüssten nicht, wie sie die Gebühren aufbringen sollen: Weil der Streitwert 475000 Euro beträgt, müssten sie rund 30000 Euro an den Rechtsanwalt zahlen. Dieses Geld hätten sie nicht.

Sie haben überhaupt nichts mehr. Auch das Haus, wo Gabriele Niemeyer ihre Kindheit verbrachte, wird unter den Hammer kommen. Ob ihr Vater dann dort weiter wohnen darf, ist ungewiss. „Das Schlimmste ist“, sagt Gabriele Niemeyer, „dass ich ihm nicht mehr in die Augen schauen kann vor schlechtem Gewissen.“ Vor gut drei Jahren ist der Vater schwer am Herzen erkrankt.

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