Immobilien : Bäume sind lebendige Geschichte

Besonders als Solitäre regen die oftmals Jahrhunderte alten Gehölze zu nachdenklicher Betrachtung an

Inge Ahrens

„Im Wald selber nehmen wir hauptsächlich seine Totalität zur Kenntnis, weniger den einzelnen Baum, der in der Masse seinesgleichen selten seine Individualität erkennen lässt, er sei denn, er stünde solitär an einem bevorzugten Platz, wo er seine Persönlichkeit darbieten könnte.“, schreibt der Poet Günter Kunert als Auftakt zum Buch über den „Mythos alter Bäume“, das gerade im Verlag Ellert & Richter erschienen ist.

„Den Baum als Individuum, das sehen wirklich nur die anderen“, meint auch Ludwig Trauzettel. Er ist als Gartendirektor zuständig für die anhaltinischen fürstlichen Anlagen in Dessau-Wörlitz.

Der 1951 in Weimar geborene und studierte Landschaftsarchitekt steht in der Folge so berühmter Gärtner wie Ludwig Schoch im 18. Jahrhundert. Mitten im prachtvollen Grün wohnt er – wie einst Gärtner Schoch – im Gotischen Haus. Wenn Trauzettel sein Fenster öffnet, schaut er über den Wolfskanal direkt in den Garten seines berühmten Vorgängers. Für 8000 einzelne Gehölze ist er mit seinen Mitarbeitern auf dem 112 Hektar großen Areal verantwortlich. Es sind vor allem Eichen, Eschen, Linden, Pyramidenpappeln, Sumpf- und Schwarzkiefern oder auch Platanen, die mit ihrer herbstlichen Farbenpracht das Gartenreich verzaubern. 450 Baumarten gab es bereits bei der Entstehung des Wörlitzer Gartenreiches im 18. Jahrhundert. Fürst Franz hatte mit dem vorhandenen Bestand in den Elbauen angefangen. Er war ein begeisterter Gehölzliebhaber.

Privat gehört die Eiche zu Trauzettels liebsten Bäumen. Die Stileiche, sagt er voller Begeisterung, ist „so schön und statisch“. Allein 40 Eichenarten wachsen in „seinem Garten“, einige haben 300 Jahre Geschichte überlebt. „Die alten Eichen am Deichfuß zum Beispiel, die hat schon der Alte Dessauer, Leopold I. und Großvater des Fürsten Franz, gepflanzt“, erzählt Ludwig Trauzettel. Sie sollten im Winter den Deich vor Eis schützen. „Wie schön sie sind“, schwärmt der Gartendirektor und fügt hinzu: „An der Scheibe eines aufgeschnittenen Stammes könnte man ihr Alter ablesen.“

Der Baum als lebendiges Wesen ist und bleibt mit Mythen behaftet, er gilt als Symbol für die Urkraft des Lebens. Bäume zu pflanzen bedeutet auch heute noch in die Zukunft schauen, Verheißung und Neubeginn. Das gilt gleichermaßen für den Hausbaum wie für den Maibaum oder den Christbaum. Und die Eiche war schon immer ein starkes Symbol für Kraft und Stolz, Männlichkeit, Sieg, Ruhm und Dauerhaftigkeit. Aber Bäume können auch inspirierend sein: In den Wörlitzer Anlagen, genauer gesagt im Schlangenturm des Luisiums sind Wilhelm Müller beispielsweise die Verse für das deutsche Volkslied vom Lindenbaum: „Am Brunnen vor dem Tore“ aus der Feder geflossen.

Literatur: Günter Kunert: Vom Mythos alter Bäume. Fotos: Mark Döser, Verlag Ellert & Richter, Hamburg, 2006. 80 Seiten. 9,95 Euro; Unendlich schön. Das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Hrsg. Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, 2. Auflage, Nicolai’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 2006, 300 Seiten, 39,90 Euro.

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