Immobilien : Barockes Heckentheater

Am Ortsrand von Altjeßnitz nahe dem Wörlitzer Gartenreich lädt ein 2500 Quadratmeter großer Irrgarten Besucher ein, den Weg zum Ziel zu finden

Inge Ahrens

Gemalte Pfeile und Striche im Sand, Pfade geheimnisvoll mit Kreuzen markiert. Auf engen Wegen zwischen duftenden übermannshohen Hainbuchenhecken hat mich der Drehwurm längst gepackt: Es ist kein Herauskommen mehr aus diesem Irrgarten. Ich sehe keine Möglichkeit, einen Weg zur Mitte auf die Empore zu finden, von wo aus man nach Hilfe Ausschau halten kann. Eine resolute Kennerin der Anlage kommt und holt mich lachend aus dem barocken Kleinod heraus. Es befindet sich versteckt am Ortsrand von Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt, mitten in einem vier Hektar großen Park bei Bitterfeld in der Nähe des Wörlitzer Gartenreichs.

Ein wenig zerrupft sieht der Irrgarten schon aus: Wildwuchs hat sich breit gemacht und Eichenschösslinge haben sich angesiedelt. Manch ein Verlorener hat sich den Weg gewaltsam durch die Büsche verschafft. Das zeigt Spuren: Löcher in der Hecke tun sich auf. Das zur Verfügung stehende Geld der 520 Einwohner zählenden Gemeinde reicht gerade für die nötigsten Reparaturen und den Lohn für die zwei Frauen aus, die den 2500 Quadratmeter großen Irrgarten harken und putzen.

Was heute mehr dem Spaß und der Unterhaltung dient, hatte in früheren Zeiten einen tieferen Sinn. Denn sowohl Labyrinthe als auch Irrgärten sind uralte Symbole. Sie sollten einst die unterschiedlichen Erfahrungen auf dem Lebensweg versinnbildlichen. Wie das Leben, so besteht auch ein Irrgarten aus vielen Pfaden und Wegkreuzungen. Die senkrechten, trennenden Wände aus Buschwerk oder Holz erschweren die Entscheidung, welche Richtung man einschlagen soll. Wenn diese falsch ist, erreicht man nur schwer – oder gar nicht – sein Ziel. Bei Labyrinthen dagegen führt ein verschlungener Pfad auf (manchmal vielen) Umwegen zum Ziel. Der Suchende hat dies stets vor Augen, denn Labyrinthe sind auf ebener Erde angelegt.

In Deutschland gibt es etwa sieben Labyrinthe und fünf Irrgärten. Wer die Altjeßnitzer Anlage schuf, weiß man nicht. Vermutlich war es ein kunstsinniger französischer Gartenfachmann, der sie Anfang des 18. Jahrhunderts für Leopold Nicolas Freiherr von Ende gestaltet hat. Park und Irrgarten stehen unter Denkmalschutz.

400 Meter lang ist der Weg bis zum Ziel - und schmal. Wer ihn einmal beschritten hat, der bleibt vorerst verschwunden. Nur leise Flüche, spitzes Kreischen, Gelächter sind zu hören. Und ab und zu an einer Kehre gibt es einen kleinen Zusammenstoß - und manchmal noch einen. Geübte schaffen es leicht, in fünf, sechs Minuten auf dem Podest in der Mitte zu stehen und den gänzlich Verirrten eine lange Nase zu machen. Lange nicht gelacht? Dann nichts wie rein ins vergnügliche Heckentheater.

Im Park von Altjeßnitz, das nach Auskunft der Bürgermeisterin nichts mit dem nahen Jeßnitz zu tun hat, steht noch steinern Ceres, die Göttin der Feldfrüchte, passend zur einstigen Ackerbaulandschaft, die dann später der Industrie weichen musste. Das ehemalige Fließwasser im barocken Grün ist nur noch ein Teich mit dicker „Entengrütze“, in dem Karpfen und Goldorfen schwimmen. Über den Rasen stolziert, den Hals aufgereckt, ein Fasan. Ein über 200 Jahre alter prachtvoller mehr als 30 Meter hoher Tulpenbaum trägt im Frühjahr seerosenartige Blüten mit dicken gelben Stempeln. Blutbuchen, Platanen und Eichen leisten ihm Gesellschaft.

Was die Zukunft von Altjeßnitz betrifft, so hofft Gudrun Dietsch, seit zwei Jahren ehrenamtliche Bürgermeisterin der kleinen Gemeinde, gelernte Diplomchemikerin und dreifache Mutter, auf die Verwirklichung der „Gartenträume“, ein Projekt der sachsen-anhaltinischen Landesregierung. Die vierzig wichtigsten Gärten des Landes sollen bis zum Jahre 2006 in voller Schönheit dastehen. Der Irrgarten von Altjeßnitz gehört dazu. Bis dahin ist hier mit sehr wenig Geld noch viel zu tun: Der Park soll gelichtet und die alten Sichtachsen wieder hergestellt werden. Und viele Hainbuchen müssen im Irrgarten nachwachsen.

Park und Irrgarten Altjeßnitz. Ganzjährig täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet. Weitere Informatioen: Gemeinde Altjeßnitz / Sachsen-Anhalt, Hauptstr.9, Telefon: 034 94 / 771 87, www.bitterfeld-online.de ; Anfahrt: Autobahn A 9, Abfahrt Wolfen. Veranstaltungen: Parkfest Altjeßnitz vom 1. bis 3. August mit den Jagdhornbläsern aus Dessau, Livemusik, Tanz im Park und einer kleinen Tiershow.

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