Berlin : Nüscht wie raus nach Gatow

In der Single-Stadt Berlin leben Familien an den Rändern – wie sich die Bevölkerung in der Stadt verteilt.

Tong-Jin Smith
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Bei der Wohnungssuche kann man sich schnell vertun. Nur weil das neue Zuhause in der Nähe des neuen Arbeitsplatzes oder der Wunschhochschule ist, heißt das noch lange nicht, dass man sich dort auch wohl fühlt. Die Unterschiede in den Bezirken und zwischen den Kiezen sind in Berlin immens: Neben Oasen der Ruhe für Familien liegen Trendviertel für Partygänger und Multi-Kulti-Fans.

Der Frage „Wo passe ich hin?“ ist die Comdirect Bank jetzt in einer umfassenden Studie unter dem etwas sperrigen Titel „Soziodemografische Analyse zu Wachstum und Verteilung der Bevölkerungsgruppen in den Stadtvierteln“ nachgegangen. Die Ergebnisse, die dieser Zeitung exklusiv vorliegen, sollen künftigen Mietern und Käufern helfen, eine Wohnung in der passenden Ecke Berlins zu finden. Dabei geht es nicht nur um soziodemografische Aspekte, sondern auch um Miet- und Kaufpreise für Wohnimmobilien in der Hauptstadt. Die Studie stützt sich auf Daten renommierter Quellen, darunter auch auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des von der Zeitschrift Capital herausgegebenen Immobilienkompasses.

Umso erstaunlicher, dass die Ergebnisse zum Teil mit der gefühlten Realität in der Hauptstadt wenig übereinstimmen. So gilt Berlin als Magnet für Menschen aus aller Welt, die sich scharenweise hier niederlassen. Laut Statistik steigt aber die Zahl der Berliner nicht merklich an. Im Gegensatz zu München oder Dresden mit Bevölkerungszuwächsen von 7,7 Prozent und 5,8 Prozent zwischen den Jahren 2000 und 2007 ist Berlin im gleichen Zeitraum „nur“ um 0,7 Prozent gewachsen. Dennoch ist sie die Stadt mit der höchsten Bevölkerungsdichte in Deutschland: 3.831 Einwohner pro Quadratmeter.

Erstaunlich auch die Erkenntnis, dass in Berlin die Kinderquote, also die Anzahl der Einwohner unter 18, mit 14,5 Prozent niedriger ist als in anderen Großstädten – wie etwa Köln oder Hamburg. Entsprechend klafft die Statistik auch bei den kinderreichen Stadtteilen mit der gefühlten Realität auseinander. Während fast jeder Berliner sagen würde, dass der Prenzlauer Berg der Familienbezirk der Stadt ist und hier auch die höchste Geburtenrate verzeichnet wird, belegt die Statistik etwas anderes. Demnach ist Prenzlauer Berg nicht mal unter den zehn kinderreichsten Bezirken und steht mit einer Quote von 12,3 Prozent im unteren Drittel der Gesamtliste aller Bezirke. Ursache für die Sinnestäuschung mag der Kollwitzplatz sein. „Gefühlt sieht man dort viele Kinder, was daran liegen kann, dass sich mehr Geschehen auf der Straße oder im Café abspielt“, sagt Tobias Lücke, Leiter der Baufinanzierung bei der Comdirect Bank. „Der Anteil der Familien, der im Trendviertel wohnt, ist jedoch vermutlich eine eher kleine Szenegruppe, die klassische Familie zieht es auch in der Hauptstadt eher ins Grüne.“ Insofern stimmen Wahrnehmung und Realität dann wieder überein: Der Norden und der Westrand Berlins sind bei Familien besonders beliebt. Gerade der grüne Gürtel von Gatow über Staaken, Heiligensee bis Frohnau und Blankenburg, aber auch Wilhelmsruh und Rosenthal haben sehr hohe Kinderquoten. „Am liebsten leben Familien in Gatow, einem klassischen Einfamilienhausviertel“, so Lücke. „Hier lebt es sich ruhig und gepflegt bei Mietpreisen zwischen 4,50 und 7 Euro pro Quadratmeter und Kaufpreisen von 1500 bis 1800 Euro pro Quadratmeter. Auch im grünen Umland, in Staaken, Rosenthal, Altglienicke und Waidmannslust, fühlen sich Familien wohl. Die Mietpreise bewegen sich hier zwischen 4 und 7,50 Euro pro Quadratmeter und die Kaufpreise zwischen 1400 und 2400 Euro pro Quadratmeter.“ In Stadtteilen mit günstigen Mietpreisen wie Gesundbrunnen und Hellersdorf ist fast jeder Zweite ein Single. Senioren zieht es an den Stadtrand. Grüne Stadtviertel wie Grunewald und moderne Siedlungen wie die Gropiusstadt seien bei ihnen besonders gefragt, so der Comdirect-Report. Wobei ältere Akademiker sich häufiger einen Wohnsitz rund um Wannsee oder Müggelsee leisten, jüngere zieht es dagegen in den Norden (Karow oder Buch).

Nicht ganz unerwartet findet man die junge Szene eher im Zentrum zwischen Steglitz im Süden und Prenzlauer Berg im Norden, Charlottenburg im Westen und Alt-Treptow im Osten. Interessant ist hierbei nur, dass es Mitte und Kreuzberg gar nicht auf die Top-Ten-Liste schaffen. Stattdessen steht Wilmersdorf mit 89,5 Prozent Szenegängern ganz oben, gefolgt von Schöneberg. Platz zehn nimmt Neukölln ein, was die Aussage von Baustadtrat Thomas Blesing unterstreicht, Neukölln sei einer der neuen Trendbezirke.

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