Berlin-Spandau : Ein Kreativquartier mit Marina an der Havel

Ateliers, Depots, Werkstätten und Büros für die künftigen Mieter: Sogar einen eigenen Hafen und einen Badestrand soll es geben. Geplant und realisiert wird der Campus von Architekt Ingo Pott in Zusammenarbeit mit dem Kunstmäzen Thomas Olbricht.

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Im Zentrum des Geländes steht ein denkmalgeschützter Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert. Er diente der Herstellung von Schwarzpulver.
Im Zentrum des Geländes steht ein denkmalgeschützter Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert. Er diente der Herstellung von...Visualisierung: Pott Architects

Sie fordern Kreative, Designliebhaber und Macher in Berlin zu mutigen Visionen heraus: die Havelwerke in Spandau. Ein 25 000 Quadratmeter großer Gewerbepark auf dem einstigen Gelände der preußischen Pulverfabrik, das in mehreren Bauphasen um- und ausgebaut werden soll zu einem neuen Kreativquartier mit maßgeschneiderten Ateliers, Depots, Werkstätten und Büros für die künftigen Mieter. Sogar einen eigenen Hafen und einen Badestrand soll es geben. Geplant und realisiert wird der Campus von Architekt Ingo Pott in Zusammenarbeit mit dem Kunstmäzen Thomas Olbricht.

„Die Havelwerke sollen ein Ort werden, wo Ideen zu Werten, zu Produkten werden, wo sie produziert, veredelt und verwahrt werden. Außerdem bieten sie Kreativen Freiraum zu Konditionen, die es ihnen ermöglichen, sich mit ihrer Sache zu beschäftigen, ohne ständig den finanziellen Druck einer hohen Miete zu spüren“, sagt Ingo Pott. Der Dezentralisierungsfaktor gegenüber Mitte liege bei vier oder fünf. Das soll mit anderen Worten heißen: Man kann sich in Spandau für den gleichen Preis eine Fläche leisten, die vier- bis fünfmal größer ist, als es in Mitte möglich wäre. Etwas, wovon viele Designer, Künstler und Fotografen träumen, die zwischen Kreuzberg und Prenzlauer Berg den Druck steigender Mieten spüren. Aber um diesen Traum wahr zu machen, müssen sie einen großen räumlichen Sprung wagen, raus aus der Mitte an die Peripherie.

Ganz in der Nähe liegen die Altstadt Spandau, die Zitadelle und die BMW-Werke

„Man muss sich entscheiden“, sagt Pott. „Ob man sich im Prozess der Verdrängung, der zur normalen dynamischen Entwicklung der Stadt gehört, in zwanzig kleinen Schritten langsam abnabelt, oder ob man über den Tellerrand schaut und einmal einen großen Schritt macht.“ Das gilt vor allem für diejenigen, die eine langfristige Bleibe für ihr kreatives Treiben suchen und nicht nur als sozial-romantische Zwischennutzer eines Objekts wahrgenommen werden wollen, das am Ende rundum saniert und glattpoliert meistbietend verkauft wird. Ein Schicksal, das schon so manches Grundstück erlitten hat, das einst außerhalb des Mainstreamfokus lag und heute zum urbanen Hotspot geworden ist oder seinen Charme zugunsten kommerzieller Interessen von Investoren eingebüßt hat.

Mit der Straßenbahn nach Spandau: Und sie fährt doch!
Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.Weitere Bilder anzeigen
1 von 94Foto: Imago
06.10.2016 07:51Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.

Auch wenn die Havelwerke also weit außerhalb der Stadt zu liegen scheinen, verfügen sie aufgrund ihrer zentralen Lage zwischen Charlottenburg und Spandau eigentlich über eine gute Verkehrsanbindung. „Zur A 100 ist es nicht so weit, ebenso nach Tegel oder zum Hauptbahnhof“, sagt Pott. Einzig mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Anbindung etwas umständlich. Die nächste U-Bahn-Station, Haselhorst, ist fußläufig fast einen Kilometer entfernt. Aber direkt am Wasser gelegen und in unmittelbarer Nähe zur Siemensstadt, den BMW-Werken am Juliusturm und der Altstadt Spandau mit der historischen Zitadelle, sind die Havelwerke an einem Ort angesiedelt, der zwischen Tradition und Innovation nach wie vor Berlins einzige wirkliche Industrie beheimatet. Ein inspirierendes Umfeld.

Potts Vision geht über Ateliers, Büros und Werkstätten, die für jeden Mieter passgenau hergerichtet werden, hinaus. Die Havelwerke sollen auch Platz bieten für großzügige Depots, in denen Oldtimer, alte Boote und Designgegenstände ihren Platz finden, wo sie gelagert und zur Schau gestellt werden können. Bestehende Werkhallen werden durch Neubauhallen ergänzt. Das erste von drei Depots soll Ende des Jahres fertiggestellt werden und soll Oldtimern Platz bieten. Ganz ähnlich wie im Meilenwerk, wo edle Karossen in gläsernen Garagen sicher untergestellt sind und gleichzeitig von der Öffentlichkeit bewundert werden können. Ganz nebenbei sei angemerkt, dass das Meilenwerk nach den aktuellen Sanierungsarbeiten vom alten Straßenbahndepot in Moabit in die Hallen des denkmalgeschützten Königlichen Feuerwerkslaboratoriums auf der Havel-Insel Eiswerder umziehen wird – raus nach Spandau also.

„Im Prinzip machen wir hier Selfstorage erlebbar“, sagt Pott mit Blick auf teure Sammlerstücke, aber auch auf Alltagsgegenstände und Erbstücke, die in der eigenen Wohnung keinen Platz finden. Das große Designdepot soll darüber hinaus flankiert werden von Manufakturen und Werkstätten, in die man sich einmieten kann wie in ein Co-Working-Space. „Produkt- und Modedesignern fehlt in der Stadt oft die funktionale Infrastruktur, um ihre Prototypen oder ihre Kollektionen zu produzieren“, sagt Pott. „Das wollen wir hier bieten.“ Zusätzlich soll es auch eine kleine Gastronomie mit Blick auf die Havel geben und einen Badestrand, wo man sich entspannen kann.

Der Mix aus Arbeit und Freizeit soll hier den modernen Ansprüchen an eine gesunde Work-Life-Balance gerecht werden. „Fortschrittliche Unternehmen bauen auch längst keine reinen Bürogebäude mehr“, weiß Ingo Pott, der momentan nach Mietern und Partnern sucht, die seine Vision für eine kreative Enklave an der Havel teilen. Noch wirkt das Gelände schroff. Aber wenn die Havelwerke einmal fertig sind, Solaranlagen auf den Dächern inklusive – sie sollen bis zu 500 kW Strom produzieren –, dann werden hier die gut 12 000 Quadratmeter Nutzfläche ideale Arbeitsbedingungen für neue und alt eingesessene Betriebe bieten. Vielleicht sogar für eine Kita mit Streichelzoo.

Dieser Text erschien zuerst auf den "Immobilien"-Seiten des Tagesspiegel.

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