Berlin und der Brexit : Des einen Leid ist des anderen Freud

Der geplante EU-Austritt der Briten könnte den Run auf Immobilien in der deutschen Hauptstadt verstärken. Aber: "Langfristig wird der Brexit Europa schwächen und dies wird auch in Deutschland zu spüren sein."

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Dichter Nebel über London. Auch auf dem Immobilienmarkt zieht es sich zu.
Dichter Nebel über London. Auch auf dem Immobilienmarkt zieht es sich zu.Foto: Bikeworldtravel/Fotolia

Die Unsicherheit nach dem Brexit-Votum hat auf den Londoner Immobilienmarkt durchgeschlagen. Häuserpreise im exklusiven Zentrum der britischen Hauptstadt sanken im Juli so stark wie seit fast sieben Jahren nicht mehr. Dies jedenfalls ging aus dem am Mittwoch veröffentlichten Index der Beratungsfirma Knight Frank hervor. Demnach gab es auf Jahressicht einen Rückgang um 1,5 Prozent.

Die Briten hatten am 23. Juni in einem Referendum entschieden, die Europäische Union (EU) zu verlassen. „Seit der Abstimmung haben viele Käufer einen Abschlag wegen der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit gefordert“, sagte Knight-Frank-Experte Tom Bill. Ist des einen Leid des anderen Freud? Berlin nach dem Brexit – wie sehen ausländische Investoren den Berliner Immobilienmarkt? Verzeichnet der Markt eine steigende Nachfrage aus dem Ausland? Wie beurteilen Immobilienberater und Investren die aktuelle Lage?

London werde ein wichtiger Einstiegsmarkt für internationale Investoren bleiben, deren Kapital es nach Europa oder in Länder des Commonwealth zieht, sagt auf Anfrage Corvin Tolle, geschäftsführender Gesellschafter von Rohrer Immobilien. Der Chef des inhabergeführten Berliner Beratungsunternehmens glaubt, dass die deutsche Hauptstadt vor allem nach einem vollzogenen Austritt der Briten aus der EU und „im Falle einer EU-Ausgrenzung, sprich der Reisefreiheit in der EU ein magischer Anziehungspunkt für die werden könnte, die einen Wohnsitz in der EU benötigen“.

Berlin liegt jetzt in Deutschland auf Platz 1

Die Berliner Rechts- und Steuerberatungskanzlei Bottermann Khorrami LLP verzeichnet nach eigenen Angaben „Anfragen von Investoren, die sich bislang nicht für Berlin interessiert haben, beispielsweise von asiatischen institutionellen Investoren. Diese waren in der Vergangenheit auf London und die USA fokussiert“, sagt Esfandiar Khorrami, Rechtsanwalt und Partner der Kanzlei. „Jetzt wird dezidiert auch nach Berlin-Investments gefragt.“

Dies hat auch Ferdinand von Fumetti beobachtet. Er ist Geschäftsführer des Berliner Unternehmens Medici Living, das das Geschäft mit Studentenwohngemeinschaften professionalisieren und digitalisieren will. „In Zusammenarbeit mit Londoner Immobilieninvestoren haben wir die Entwicklungen am Rande mitbekommen, dass verstärkt in Berlin investiert werden soll, wobei diese Investoren bereits vorher in Deutschland tätig waren“, sagt von Fumetti. Damit könnte sich ein Trend verstärken, den Investoren und Berater ohnehin beobachten. Bei ihnen ist Berlin „on Top of the List“, um einen branchentypischen Anglizismus zu bemühen.

Die Sorge geht um vor sinkenden Immobilienpreisen in Großbritannien.
Die Sorge geht um vor sinkenden Immobilienpreisen in Großbritannien.Foto: Facundo Arrizabalaga/dpa

„Berlin steht bereits seit gut vier Jahren im Fokus internationaler Investoren“, sagt Marcus Lemli auf Anfrage. Er ist beim weltweit tätigen Immobilien-Dienstleistungsunternehmen Savills Vorsitzender der Geschäftsführung in Deutschland: „In den letzten zwölf Monaten bis zum ersten Halbjahr 2016 betrug ihr Anteil am Gewerbetransaktionsvolumen in Berlin über sechzig Prozent.“ Berlin sei damit in Deutschland auf Platz eins der Topstädte gelandet.

Vergleichsweise günstige Preise

Als Gründe werden Standortvorteile angeführt, die atmosphärischer und wirtschaftlicher Art sind. Günstige Lebenshaltungskosten (besonders im Vergleich zu London), eine etablierte Startup-Szene und das beliebte urbane wie internationale Flair machen die Hauptstadt zu einem spannenden Hotspot, der für ausländische Investoren weiterhin von Interesse sein dürfte.

Hinzu kommt eine vergleichsweise robuste Wirtschaft, wie Kai Wolfram, geschäftsführender Gesellschafter der Engel & Völkers Investment Consulting GmbH, hervorhebt. Im Vergleich zu europäischen Metropolen wie Paris oder London seien die Kaufpreise in Berlin weiterhin sehr günstig, der Einstieg noch immer zu empfehlen.

Generell sind die internationalen Investoren aus London ohnehin höhere Preise und größere Objektvolumina gewöhnt, als dies in Berlin üblich ist. „Berlin ist immer noch günstig für eine Metropole!“, sagt Robert-Christian Gierth, Geschäftsführender Gesellschafter der Colliers International Berlin GmbH, auf Anfrage. Die Prognose des Immobilienberaters: „Aufgrund der Knappheit an Büroflächen werden die Preise steigen, aber es wird mehr Projektentwicklungen geben. Langfristig wird der Brexit Europa schwächen und dies wird auch in Deutschland zu spüren sein. Die ,Sonderkonjunktur’ in Berlin könnte eingebremst werden.“

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Sinkende Renditen wegen hohen Preisniveaus

2015 jedoch stand Berlin ganz oben auf der Beliebtheitsskala der meist ausländischen Investoren. Hier wurden zirka acht Milliarden Euro Euro umgesetzt. „Damit lag die Hauptstadt deutlich vor München und Frankfurt“, bilanziert Andreas Görler, Senior Wealth Manager, bei der Pruschke & Kalm GmbH, einer inhabergeführten, unabhängigen Vermögensverwaltung in Berlin und Hamburg. Doch durch die starke Nachfrage bei gleichzeitig begrenztem Angebot gingen die Renditen weiter zurück - die Kaufpreise sind so hoch, dass beim Verkauf keine allzu großen Gewinne mehr erzielt werden können.

Dennoch wird Berlin auf dem aufsteigenden Ast gesehen. Verwiesen wird auf die niedrige Eigentumsquote und auf das – im internationalen Vergleich – immer noch niedrige Mietniveau. Die Grundfaktoren für Grundentscheidungen werden von Investoren ohne Einschränkung positiv bewertet. „Von Euphorie zu sprechen, ist vielleicht übertrieben“, sagt Konstantin Lüttger, Head of Residential Investment bei CBRE in Deutschland, „aber Berlin ist der einzige Standort, dem man zutraut auf ein Niveau wie Paris oder London zu kommen.“ Das wäre doch auch schon was.

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