Immobilien : Brückenschlag zwischen alt und neu

KATHARINA BECKMANN

Der Neubau der GSW-Zentrale stieß erst auf Widerstand im Senat / Nun ist das Projekt sogar Teil der Expo 2000VON KATHARINA BECKMANNIhrem Spitznamen wird die "Pillbox" gerecht.Die zylindrische Form des dreistöckigen Gebäudes, Teil des Neubaus der Hauptverwaltung der GSW, der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin, erinnert in der Tat an die kleinen Metalldöschen für Medikamente der Bürgersleute.Gelb und grün schimmernd durch die Verkleidung aus farbigem Wellblech ist der Neubau an der Kreuzberger Kochstraße schon ein Blickfang.Auffällig ist auch der Grundriß der "Pillendose": Den haben die Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton aus übereinander gelegten Kreisen abgeleitet.Den Sockel bildet ein langer, flacher Bau mit pechschwarzer Fassade.Doch schon bald wird ein weiteres Gebäude der "Pillbox" die Schau stehlen: Nebenan entsteht eine 80 Meter in den Himmel ragende Hochhausscheibe - Einweihungstermin ist 1999. Bisher haben die Bauarbeiter aber erst zwölf von einundzwanzig Stockwerken errichtet - die riesigen Kräne stehen noch lange nicht still.Kein Wunder, daß das graue Hochhaus nebenan viel Baustaub abbekommt.Das Relikt aus den fünfziger Jahren beherbergte bisher die GSW-Zentrale.Unter die Abrißbirne kommt es nicht.Vielmehr haben die Architekten den Altbau in das Projekt integriert - ganz getreu ihrer Philosophie.Denn Sauerbruch und Hutton begreifen Städte als Landschaften, die im Zuge der Jahrhunderte aus Elementen unterschiedlicher Epochen zusammenwachsen.Das GSW-Punkthochhaus an der Kochstraße gehörte zu den ersten Wiederaufbauprojekten der Friedrichstadt nach dem Krieg und ist zugleich Ergebnis des "Dialogs über die Mauer": Die konkurrierenden Gesellschaftssysteme suchten sich durch Neubauten wechselseitig zu überbieten.Das Äquivalent zum GSW-Bau im Westen waren die Hochhäuser in der Leipziger Straße im Ostteil der Stadt.Ein wesentlicher Teil des Konzepts, erläutert Heinz Jirout vom Büro Sauerbruch und Hutton, war aber auch die sorgfältige Gestaltung der Freiflächen.Ein öffentlicher Park gehört ebenso dazu wie ein Café auf der Terrasse vor der Hochhausscheibe. "Wir brauchen die Neubauten", sagt Beatrice Kindler, Pressesprecherin der GSW.Mit der Wiedervereinigung bekam die landeseigene Gesellschaft rund 18 000 Wohnungen im Ostteil der Stadt zurück.Der Verwaltungsaufwand nahm ebenso zu wie die Mieteinnahmen: 1996 waren es 580 Mill.DM.Das Projekt habe zudem die Chance geboten, den nun wieder in der Mitte Berlins liegenden Bereich um den Checkpoint Charlie neu zu definieren.Um die Gestalt der Zentrale zu ermitteln, führte die GSW einen beschränkten Wettbewerb durch.Die Entscheidung fiel 1991: "Die meisten Bewerber versteckten das Bestandsgebäude.Mit der Verbindung von Alt- und Neubau schafften Sauerbruch und Hutton den Durchbruch", erinnert sich Kindler.Den ersten Spatenstich ließ der Senat allerdings erst 1995 zu.Die deutsch-englischen Pläne genügen nicht dem Leitgedanken einer "kritischen Rekonstruktion" der Friedrichstadt.Die GSW ließ nicht locker.Inzwischen ist das Gebäudeensemble sogar Teil der Expo 2000. Bis zur Fertigstellung 1999 werden sich die Baukosten auf 160 Mill.DM summieren - etwa 5000 DM pro Quadratmeter.Die Gesellschaft selbst benötigt nur die Hälfte der 36 000 Quadratmeter Gesamtfläche."Den Rest vermieten wir", sagt Dietmar Bock, Prokurist bei der GSW.Fast fünfzig Interessenten für Büroflächen hätten sich bei ihm gemeldet.Bock prophezeit Preise weit über dem ortsüblichen Durchschnitt von 25 DM bis 30 DM pro Quadratmeter.Verträge seien jedoch noch nicht abgeschlossen.Für Restaurants und Läden ist im Flachbau auf etwa 1700 Quadratmeter Platz. Bald wird die Westfassade der Hochhausscheibe in kräftigen Rottönen schimmern.Die bunten Blechpaneele sollen sich drehen.So regulieren sie den Sonneneinfall.Architekt Jirout: "Während einer Besprechung lenken die Platten viel Licht ins Zimmer, arbeitet hingegen jemand am Computer, verschatten sie den Raum." Mal offen, mal geschlossen wirkt auch die Fassade sehr lebendig.Weil das Gebäude schmal ist, braucht sich tagsüber niemand Neonlicht auszusetzen.Das hat auch andere Vorteile: Den Architekten zufolge wird das Hochhaus 30 bis 40 Prozent weniger Energie verbrauchen als ein vergleichbares, aber konventionell errichtetes Gebäude.Dazu tragen Doppelfassaden aus Glas an der Ost- und Westseite bei.Die innere "Haut" berührt nie die Außenluft, dadurch heizt sich das Haus weder auf, noch kühlt es aus. Außerdem entsteht im Zwischenraum der Doppelwände ein sogenannter Kamineffekt: Warme Luft steigt auf und saugt kalte Luft nach.Was einfach klingt, ist ein ausgeklügeltes "Ventilationssystem".Auch von der Ostseite gelangt Frischluft ins Gebäudeinnere, und die verbrauchte Luft zieht durch die Doppelfassade auf der Westseite ab.Diesen Luftstrom regulieren Klappen zwischen den Glasschichten.In den wärmeren Jahreszeiten erübrigt sich so die mechanische und damit Strom verbrauchende Belüftung.Die zentrale Gebäudeleittechnik ist aber auch platzraubend.Sie nimmt die beiden obersten Stockwerke ein. Ob das alles funktioniert, bleibt abzuwarten.Noch ist das Hochhaus ein Rohbau, ohne Fenster und Türen.Der triste Altbau wird derweil für Mieter modernisiert.Die werden dann flexible Büroräume vorfinden, deren Aufteilung sie selbst bestimmen können.Die "Pillbox" wird inzwischen von der GSW genutzt.Auch sie soll später vermietet werden, ebenso wie der längliche Flachbau.An seiner Fassade legen Handwerker derzeit letzte Hand an, während im Erdgeschoß die Sparkasse bereits die ersten Kundenkredite vergibt.

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