Damals und heute : Post aus der Vergangenheit

Im „Postfuhramt West“ wird seit mehr als einhundert Jahren immer wieder Baugeschichte geschrieben. Über ein Gebäude-Ensemble der Deutschen Reichspost auf dem Weg in die Moderne.

Lisa Ewersbach
Deckenmalereien im alten Fernsprechamt und jetztigem Kabbalah Centre
Deckenmalereien im alten Fernsprechamt und jetztigem Kabbalah CentreFoto: Reinhart Bünger

Das alte Postamt in der Hauptstraße wurde ursprünglich um 1901/1902 für die Deutsche Reichspost erbaut und in den folgenden Jahrzehnten mehrfach erweitert – Schöneberg war damals noch eine selbstständige Stadt. Es war von Anfang an für viele Aufgaben des Postdienstes vorgesehen, und so ist es geblieben. Heute hat in dem denkmalgeschützten Bau eine Filiale der Postbank ihren Platz, es gibt zudem Postschalter und eine Telefonvermittlungszentrale.

Für die historisierende Renaissancefassade war der damalige Postbauinspektor Otto Spalding verantwortlich. Die Grundrisse steuerte Regierungsbaurat Louis Ratzeburg bei. Zur Brief- und Paketannahme kamen bald Postfachanlagen und ein Rohrpostanschluss hinzu. Um die Rohrpost in Betrieb zu nehmen, wurde um 1907 ein Kesselhaus mit zwei Dampfkesseln erbaut.

Um 1915 wurde ein Fernsprechamt eingerichtet. 200 Postangestellte arbeiteten hier; sie vermittelten die eingehenden Gespräche per Hand. Hinaus schauen konnten die Telefonistinnen nicht, da in ihrem Saal die Fensteröffnungen erst in einer Höhe von zirka drei Metern begannen: Nichts sollte die „Fräulein“ vom Fernsprechamt West von ihrer Arbeit ablenken. Während der Modernisierung des Saales traf die Baugruppe auf gut erhaltene Deckenmalereien aus der Gründerzeit.

Ein Brand führte zu einer der ersten Fernsehstuben

Ende der 20er Jahre wurde das Gebäude unter dem Architekten Fritz Nissle zur Belziger Straße hin erweitert. Anfang der 30er wurde neben dem Bau des Selbstanschlussamtes, später Ortsvermittlungsstelle OVSt 781 genannt, auch eine Tiefgarage und ein Werkstattgebäude errichtet. Das Ensemble hieß nun „Postfuhramt West“, um es vom alten Postfuhramt in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte zu unterscheiden.

Die OVSt 781 enthielt Garagen-, Verwaltungs- und verschiedene Betriebsräume. Mit dem Neubau wurde auch die Errichtung eines Bauwerkes zur Versorgung mit Fernmeldestrom notwendig. Das Netzersatzanlagengebäude entstand. Das schlichte Ziegelsteinbauwerk grenzt an den damaligen OVSt-Neubau und das Rohrpost-Maschinenhaus.

Ein Brand in der Messehalle auf der Funkausstellung Mitte der 30er bescherte dem Postfuhramt eine der ersten Fernsehstuben, denn Versuchssendungen wurden nun vom nahe gelegenen Fernamt Winterfeldtstraße aus gesendet. Die Maximalreichweite für Fernsehübertragungen lag aber nur bei zwei Kilometern. Also richtete die Reichspost drei Fernsehstuben in unmittelbarer Nähe der Hauptstraße ein. Allerdings konnten nur wenige Zuschauer gleichzeitig in den Genuss des Senders „Paul Nipkow“ kommen, weil die dortige Fernsehstube lediglich mit einem kleinen Heimempfänger ausgestattet war,

Im ehemaligen Fernsprechamt befindet sich seit 2015 das Kabbalah Centre, in dem unter anderem die Verflechtung zwischen physischer und metaphysischer Natur der Menschen gelehrt wird. Das Architektenbüro Graft gestaltete und modernisierte dafür zwei Räume. Der gesamte Komplex mit der Adresse Hauptstraße 27 bzw. Belziger Straße 33 wird unter den Denkmalnamen „Postamt Schöneberg“ und „Postfuhramt West“ geführt.



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