Immobilien : Das grüne Gewissen der Männer in Schwarz

SELMA NEUBER

Wie der RWE ein Ökokonzept für ein Industriegebiet abgerungen wurdeVON SELMA NEUBERGrau ist der Himmel an diesem Freitag über dem Industriegebiet im Essener Stadtteil Bergeborbeck.Von Betriebssamkeit ist nichts zu sehen.Nur noch Ruinen stehen hier, Überreste alter Backstein-Bauten.Über ihnen liegt ein Nebelschleier.Gedämpft ist das Licht auch im Inneren einer der Produktionshallen.Geschäftig beugen sich einige Herren in dunklen Anzügen über ein Modell.Die Männer sind leitende Angestellte der RWE Energie AG und stellen ihr Entwicklungsprojekt "Econova" Journalisten und politischen Mandatsträgern vor.Zumindest das Modell bringt etwas Farbe in diesen grauen Tag: Es erstrahlt in fotogenem Azurblau und frischem Grün.Die RWE will dem ehemaligen Industriestandort von Krupp neues Leben einhauchen.Ein ehrgeiziges Projekt: Mit 150 Hektar ist das Areal viermal so groß wie die Essener Innenstadt. Im Dezember 1993 erwarb die RWE das Gelände einschließlich Produktionshallen für 25 Mill.DM von der Alu Suisse.Zu dieser Zeit stand die dort ansässige Leichtmetall-Gesellschaft (LMG) vor der Stillegung.Der schweizer Konzern wollte seinen Essener Standort aus "ökonomischen wie strategischen Erwägungen" schließen, sagt Jürgen Fischer.Er war damals Manager bei der Alu-Suisse und ist heute Aufsichtsrat der Aluminium Essen GmbH, Nachfolger der LMG.Mit der drohenden Stillegung der Aluminium-Hütte hätte die RWE einen ihrer wichtigsten Stromkunden verloren: Bei der Schmelze von Tonerde und Aluminiumdioxid zu Aluminiummetall verbraucht der Betrieb 260 Megawatt.Das ist so viel, wie die ganze Stadt Essen verbraucht.Um die LMG zu retten, erwarb RWE das Gelände und vermietete die Produktionshallen an die Alu-Hütte weiter.Dadurch sichert sie nach eigenen Angaben die wirtschaftliche Existenz des Betriebes: Heute zählt die Aluminium Essen GmbH 575 Mitarbeiter. "Hervorragende Standortvorteile", warb RWE-Vorstandsmitglied Jürgen Kroneberg bei der Vorstellung der Econova.Das gilt zumindest für die Lage: Direkt am Rhein-Herne-Kanal, hat das Areal Anschluß an die Autobahn A 42 und verfügt über einen eigenen Gleisanschluß.Dadurch genüge Econova den Ansprüchen größerer Logistik- und Produktionsunternehmen ebenso wie kleinerer Gewerbebetriebe.Das muß es auch, denn der Verkauf von Grundstücken muß die Investition des Konzerns refinanzieren.Die Erschließung von Econova wird mehr als ursprünglich vorgesehen kosten: Hinter vorgehaltener Hand wird von 100 Mill.DM gemunkelt - der RWE-Vorstand vermeldet "nur" 30 Mill.DM. Dessen ungeachtet präsentierten die Herren von RWE, ihrer Beteiligungsgesellschaft "Hochtief" und der Projektentwickler agiplan die Zukunft des Areals in leuchtenden Farben: Keine industrielle Monokultur entstehe hier, sondern ein "Branchenmix".Der Baumarkt Hornbach habe sich bereits mit einer Filiale niedergelassen und der Versand Hermes.Weitere Unternehmen wie Speditionen, High-Tech- und Dienstleistungsbetriebe werben die Eigentümer.Auf der Grundlage dieses "bunten Blumenstrausses an Flächen" sei "eine lokale Konjunktur losgetreten worden", sagt Georg Arens, Geschäftsführer der Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft.Tatsächlich schufen die ersten Mieter hier 250 Stellen.Wenn alle Flächen vergeben sind, sollen es bis zu 4000 Arbeitsplätze sein. Bei der Vermarktung vertrauen die Investoren auf die Kraft der Natur: Ein Landschaftsschutzgebiet soll entstehen.Die Reste des "Emscher Bruchwaldes" bleiben erhalten, und das Gelände wird aufgeforstet.Aus den Straßen werden Alleen, und damit die Natur eine Chance gegen die Kultur hat, bauen die Entwickler sogar für die Kröten Tunnel: Unter den Straßen verlegen sie Röhren.Die benutzen die Tiere auch, denn sie suchen auf den immer gleichen Strecken ihren Weg zum Teich.Das "Ökokonzept" rundet eine vernünftige Erschließung durch den Öffentlichen Nahverkehr ab: Mehrere Buslinien führen zum Gelände.Das ist so in 20 Minuten von der Essener Innenstadt zu erreichen.Für die "Ökologie" ernteten die Entwickler ein besonderes Lob von Essens Oberbürgermeisterin.Annette Jäger: "Rund 25 Prozent von Econova bleiben Grün".Passend zum Anlaß war die Mandatsträgerin der SPD symbolträchtig in frisches Grün gehüllt.Ob ihre Kleidung Programm war? In ihrer Ansprache hob sie jedenfalls die Integration der bewaldeten Hafenhalbinsel in den "Kanaluferpark Essen" hervor.Er wird Teil der Internationalen Bauausstellung Essen 1999. Ganz freiwillig hefteten sich die Herren im dunklen Tuch die grüne Grundfarbe nicht ans Revers: "In der ersten Planung sah die Hafenhalbinsel noch ganz schön grau aus", sagt Thomas Rommelsbacher von Bündnis 90 / Die Grünen.Von Biotopen sei damals keine Spur gewesen.Nicht verwunderlich, macht die RWE mit 14,9 Mrd.DM doch den größten Teil ihres Umsatzes von 16,3 Mrd.DM mit der wenig ökologischen Produktion von Strom aus Atom und Kohle.Dennoch schluckte sie so manche Kröte: Die Stadt habe "ganz schön Zähne zeigen müssen", sagt jedenfalls Rommelsbacher.Er sitzt im Bau- und Planungsausschuß des Essener Stadtrates und kennt daher die Vorgeschichte des Bauvorhabens.Auch die Einrichtung von Radwegen habe die Stadt der RWE abringen müssen.Der Konzern mußte auch von Bauplänen für die Halbinsel im Hafen des Rhein-Herne-Kanals Abschied nehmen. So wie die Pläne nun aber aussehen, setzen sich Blau und Grün gegen das Grau durch: Viel Wasser, reichlich Pflanzen - und weniger Beton.

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