Immobilien : Das Sandwich als Vorbild

CHRISTOF HARDEBUSCH

Auf der Bautec überraschte ein Erfinder mit drehbaren, mehrschichtigen FensternVON CHRISTOF HARDEBUSCHEinfach nur durchsichtig zu sein, das genügt für den Baustoff Glas längst nicht mehr.In Zeiten erhöhten Umweltbewußtseins und inflationär steigender Nebenkosten gilt die Devise "Energie sparen" auch für Fensterflächen.Die Präsentationen der Glashersteller auf der letzten Bautec zeigten die Technik auf der Höhe ihrer Zeit - aber auch ihre Grenzen.Den Spagat zwischen dem vor allem bei Hochhäusern unentbehrlichen Sonnenschutz und dem für konventionelle Gebäudetypen vor allem im Winter wichtigen Kälteschutz bewältigen die Glasbauer mit ach und Krach.Ihre technischen Kniffe - Glasbeschichtung und Edelgasfüllungen für Glaszwischenräume - sind offensichtlich vorerst ausgereizt.Nur eine pfiffige Erfindung aus dem Rheinland sorgte für eine überraschende Wendung: Das Kölner Solar-Diodenfenster hat eine Sommer- und eine Winterseite. Die Leistungsfähigkeit von Wärmeschutzglas ist weitgehend ausgereizt: "Unser Dreifachfenster läßt pro Quadratmeter ein halbes Watt nach außen dringen", sagt Helge Loß, Mitarbeiter von Interpane.Der Hersteller besteht den Wettbewerb gut: Die aktuelle Wärmeschutzverordnung verlangt von Fenstern einen Wert von höchstens 1,8 Watt pro Quadratmeter.Doppelisolierglasfenster älterer Bauart lassen 2,5 bis drei Watt in die Außenluft entweichen.Bessere Leistungen haben ihren Preis: Die Dreifachfenster mit Krypton-Füllung kosten fast das Zweifache, mit Xenon-Füllung sogar das acht- bis zehnfache von üblichen Isoliergläsern.Das Edelgas Xenon ist eine Rarität auf dem Erdball und taugt daher nur für Speziallösungen.Auch das beschriebene Dreifachglas dürfte eine Rarität bleiben - und vor allem dort eingesetzt werden, wo Geld keine entscheidende Rolle spielt.So ist das Interpane-Produkt zum Beispiel im experimentellen "Nullheizernergiehaus" der GSW in Spandau eingebaut. Größere Verbreitung dürfte dagegen das "K-Glas" von Pilkington finden.Das taugt zur Sanierung von Kastenfenstern, wie sie typischerweise im Altbau und damit in einem Großteil des deutschen Wohnungsbestandes zu finden sind."Damit läßt sich der Wärmedurchgang nach außen auf 1,8 Watt reduzieren", verspricht Pilkington-Mann Olaf Focke.Praktisch ist bei dem Produkt: Geht eine Scheibe kaputt, müssen nicht beide Lagen des Kastenfensters ausgetauscht werden, sondern nur eine.Wesentlich mehr Arbeit dürfte die begleitende und gebotene Aufarbeitung des Rahmens bereiten: Denn Isolierglas nutzt wenig, wenn die Wärme am Rand über den Fensterrahmen abzieht. Das größte Geschäft macht die Branche aber nicht mit Wärme-, sondern mit Sonnenschutzgläsern.Hochhäuser neigen arg zur Überhitzung im Sommer.Klimaanlagen verschlingen viel Energie und treiben die Nebenkosten in die Höhe.Um so interessanter ist Glas, durch das aufwendige Sonnenschutzsysteme oder eine zweite Gebäudehülle zu vermeiden sind.Sonnenschutzgläser können bis zu drei Viertel der einfallenden Sonnenwärme aufhalten."Klimaanlagen wird man dennoch immer brauchen", sagt Focke.Besseren Sonnenschutz als auf dem Markt erhältlich, erfordere noch dickere Beschichtungen, und "irgendwann kommt kein Licht mehr durch".Die beste Lösung sein der Kompromiß: Glas müsse zu 66 Prozent Licht durchlassen und 33 bis 34 Prozent der Wärme.Dies sei marktgängig.Ein positiver Nebeneffekt der Sonnnenschutzfunktion sei zudem die isolierende Wirkung auch nach innen.Bei den Wärmeverlusten nach außen liegen inzwischen die meisten Produkten deutlich unter dem, was die Wärmeschutzverordnung fordert. Die Sonne draußen zu halten, mag im Sommer nützlich sein, im Winter ist das Gegenteil sinnvoll, denn da könnte die Sonne ja beim Heizen helfen.Gläser mit einem nach Jahreszeiten differenzierten "Durchgangsverhalten" waren bislang immer nur auf Kosten des Durchblicks zu haben.Das Spezialglas "Okalux" ist ein Beispiel hierfür.Abhängig von der Jahreszeit ist der Einfallwinkel des Sonnenlichts unterschiedlich.Deshalb wurden zwischen den zwei Glasscheiben fest angeordnete Spiegelprofile gelegt.Sie spiegeln steil einfallendes Sommerlicht zurück und verhindern so die Aufheizung von Gebäuden.Flach einfallendes Winterlicht dagegen läßt die Profile durch, und dadurch wärmt sich der Raum hinter dem Fenster in der der kalten Jahreszeit auf.Solche Gläser sind unter anderem im Willy-Brandt-Haus, im Berliner Abgeordnetenhaus und bei einigen Debis-Gebäuden am Potsdamer Platz eingebaut.Weil die Spiegelprofile aber mitten im Blickfeld stehen, sind die Scheiben nur aus bestimmten Winkeln durchsichtig - und damit als Standardfenster ungeeignet. Eine schlichtere und für jedes konventionelle Fenster sinnvollere Lösung offeriert der Erfinder Heinz Kunert.Er arbeitet seit Jahrzehnten mit Glas und hat schon so einiges erfunden, was seither zum Standard zählt.Dazu zählt die heizbare Heckscheibe für Automobile.Sein "Kölner Solar-Diodenfenster" hat eine Sommer- und eine Winterseite.Über eine Drehrahmenkonstruktion werden sie zum Jahreszeitenwechsel einfach um 180 Grad gewendet.Im Winter liegt eine "extraweiße" Scheibe außen und läßt fast alle Sonnenstrahlen durch, sofern sie durch die Wolkendecke dringen. Sie treffen auf eine beschichtete, leicht grünlich schimmernde Absorptionsscheibe.Die heizt sich durch die Strahlen auf bis zu 45 Grad auf.Diese Wärme gibt die Scheibe dann an den Raum ab.Selbst bei diffusem Sonnenlicht erreicht diese Scheibe Zimmertemperatur und mindert damit den Wärmeverlust nach außen.Im Sommer wird das Fenster einfach umgedreht.Nun wehrt die Absorptionsscheibe Strahlung ab und schickt die Wärme zurück in die Umwelt.Nach Angaben des Herstellers amortisieren sich die Mehrkosten für das Diodenfenster dank geringerer Heizkosten in drei bis fünf Jahren."Das Fenster eignet sich besonders für Räume, die ganztägig genutzt werden, also für Büros, Schulen und Krankenhäuser", sagt Jürgen Groß.Er vertreibt das neue Produkt in Berlin.Auf der Bautec hatte er einen der kleinsten, aber dennoch begehrtesten Stände: "Die Nachfrage ist riesig."

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