Immobilien : "Das Wichtigste bleibt im Schatten"

FRAGEN RALF SCHÖNBALL

Stimmann: City West von Zoo bis Ernst-Reuter-Platz entwickeln / Wettbewerb für BahngrundstückFRAGEN VON RALF SCHÖNBALL Während die Planspiele von Architekt Langhof und Investor Hans Karl Herr für neue Hochhäuser am Breitscheidplatz bei Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit auf Zustimmung stoßen, sieht ihr Vorgänger Hans Stimmann das naturgemäß anders.Mit dem Staatssekretär für Stadtentwicklung, Umwelt und Technologie sprach Ralf Schönball. TAGESSPIEGEL: Die Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Verkehr ist der Auffassung daß, Sie die City West klein halten wollen zugunsten Ihres "Lebenswerkes", der historischen Mitte.Trifft das zu? STIMMANN: Das Gegenteil ist richtig.Wir versuchen den durch die Mauer getrennten Orten ihrer jeweiligen Bedeutung entsprechend zu entwicklen und miteinander zu verbinden.Dabei geht es nicht um Konkurrenz zwischen der historischen Mitte und der City West, sondern um ihre wechselseitige, inhaltliche Ergänzung.Die Hauptqualitäten der West-City liegen in der einmaligen Mischung erstklassigen Konsums, Kultur und untergemischten Wohnen.Wir schlagen vor, diese Struktur zu ergänzen.Die Errichtung weitere Bürohochhäuser dagegen setzt eine Entwicklung der Vormauerzeit fort, als die City der Mauerstadt zu einem Zentrum für private und öffentliche Verwaltungen ausgebaut wurde. TAGESSPIEGEL: Was heißt das konkret für den Breitscheidplatz? STIMMANN: Wir haben ähnlich wie Mäckler, aber schon früher vorgeschlagen, daß das Rogers-Haus Zoo-Fenster mit der Fassade bis auf den Boden reicht.Zudem schlagen wir ein Projekt zwischen dem Theater des Westens und der Bahn vor.Die Immobilien-AG der Bahn bereitet bereits den Wettbewerb vor, und dadurch werden wir die beste Lösung für diesen Ort finden.Das geplante Kino an dieser Stelle stärkt im Übrigen die vorhandene Entertainment-Struktur Charlottenburgs.Darüberhinaus braucht die City-West eine stadträumliche Anbindung an den Bereich des Kulturforums und des angrenzenden Potsdamer Platzes.Diese fehlt bisher.Alte Zäsuren, die die Autobahnplanungen der Mauerstadt verursachten, müssen städtebaulich qualifiziert werden.Dies kann dadurch erfolgen, daß parallel zur Kurfürstenstraße gebaut wird.Ziel ist es, die Passanten zu animieren, über den Wittenbergplatz hinaus Richtung Nollendorfplatz zu schlendern. TAGESSPIEGEL: Bisher ist der verkehrsreiche und mit Hochhäusern bebaute Platz an der Urania eine optische und für Fußgänger hohe Hürde.Wie wollen sie die abbauen? STIMMANN: An der Urania solleine ganz normale, städtische Kreuzung entstehen.Heute ist es eine Verkehrsmaschine an der Stelle, wo eine Stadtautobahn den Generalszug kreuzt.Der Generalzug bindet Straßen und Plätze zusammen, die nach Generälen benannt wurden, zum Beispiel Blücherplatz, Nollendorfplatz und Wittenbergplatz.Auch gab es einst weniger soziales Gefälle zwischen den Plätzen, der Wittenbergplatz hatte sein Kadewe und der Nollendorf sein Piscator-Theater, das heutige Metropol.Von diesem ersten, neuen Westen der 30er Jahre bleiben heute auch am Kielganplatz und der Kurfürstenstraße nur noch Reste, das Haus Fromberg zum Beispiel oder das Café Einstein.Erst hängte die Mauer das Viertel ab, dann die Autobahn, die geplante Südtangente.Das war eine bewußte Zerschlagung der Stadttextur, ausgehend von der Idee, aus dem Westen der Stadt eine Down-Town zu schaffen. TAGESSPIEGEL: Während Sie die historische Struktur erstehen lassen wollen, will die Bauverwaltung an die Moderne der fünfziger Jahre anschließen.Was spricht für Ihre städtebauliche Interpretation? STIMMANN: Wir wollen nicht die historische Situation wieder aufleben lassen, wir schließen ja auch nicht den Durchbruch an der Urania.Wir überschreiben nur den vorhandenen Bruch, wollen ihn gleichsam zivilisieren.Von Auslöschen kann keine Rede sein.Sonst würde ja auch die Nachkriegsmoderne verschwinden.Die Bauverwaltung beschäftigt sich mit diesem Ort im Übrigen nur unter verkehrlichen Aspekten.Sie wollen die Fahrbahnen in ihrer derzeitigen Menge erhalten. TAGESSPIEGEL: Gibt es nicht auch Proteste von der Urania selbst ... STIMMANN: Ja, sie verteidigt energisch ihren aus städtebaulichen Fehlern entstandenen Vorteil.Das ist vor allem die Leuchttafel, die vom Wittenbergplatz aus sichtbar das Urania-Programm ankündigt.Dafür habe ich Verständnis, aber wie an anderen Stellen der Stadt muß auch hier weitergedacht werden.Wir wollen die Urania nicht schlechter stellen mit unserem Vorschlag, sondern den Standort verbessern.In der letzten Lösung haben wir einen Gebäuderiegel parallel zum Generalzug geplant.Wir schlagen dabei vor, die Tafel an ein straßenseitiges Gebäude zu hängen.Darauf gehen die Uranier aber bisher nicht ein. TAGESSPIEGEL: Die Bauverwaltung plant rund um den Breitscheidplatz Hochhäuser.Auch Sie planten mit Kollhoff einen Wolkenkratzer und zwar direkt vor dem Zoo.Aus alter Verbundenheit mit dem der Mitglieder ihrer sogenannten "Viererbande"? STIMMANN: Im Spaß: Wir sind jetzt schon fünf.Ortner ist dazugekommen.Aber Kollhoffs Hochhaus habe ich nie vertreten.Das hatte er mit dem Gewerbemakler Kupsch geplant.Unsere Gutachter, zu denen neben Neumeyer auch Ortner zählt, ließen es in unserem ersten Planwerk stehen.Jetzt haben wir diesen Bereich verändert.Das war eine Folge unsere Planungsarbeit, also des Dialogs mit den Beteiligten, insbesondre mit dem Bezirk Charlottenburg und dem Zoo.Mit ihnen ist eine solche Planung nicht durchzusetzen, dann ist sie auch gar nicht durchsetzbar. TAGESSPIEGEL: Von der Bauverwaltung schon, weil sie das Verfahren an sich ziehen kann wie beim Zoo-Fenster ... STIMMANN: Das ist zwar richtig, es ist allerdings politisch risikant, weil über bezirkliche Zuständigkeiten hinweggesehen wird.Da wünsche ich der Bauverwaltung viel Spaß. TAGESSPIEGEL: Durchaus schlüssig trägt die Bauverwaltung aber ihre Position vor, wonach die Nachkriegsentwicklung im Umfeld des Breitscheidplatzes nach einer Erweiterung mit ähnlichen Hochbauten verlangt, oder? STIMMANN: Sicher, schlüssig aber falsch, denn es geht um die Frage der Nutzungen.Die City West muß nicht mit Hochhäusern in die Konkurrenz mit der City Ost um die besseren Bürobauten treten.Hätten wir früher über Struktur und Nutzung nachgedacht, wäre die Berlinale vielleicht nicht zum Potsdamer Platz abgewandert. TAGESSPIEGEL: Auf welche City-Bereiche legen Sie Ihr Augenmerk? STIMMANN: Für die Entwicklung von Charlottenburg ist es wichtig, die TU in die Stadt zu integrieren.Zwischen Landwehrkanal und Busbahnhof wollen wir ein innerstädtisches Quartier entwickeln.Bisher hört die Innenstadt ungefährt auf Höhe der IHK auf.Dahinter beginnt ein Niemandsland, obwohl sich dort die TU befindet.Mit ihrer Anbindung schlagen wir unter anderem den Bogen zur Hochschulstadt.In ihr liegt ein wichtiger Teil von Berlins Zukunft.Allerdings suchen wir das Portemonnaie nicht da, wo die Lampe steht, und es am hellsten ist, wenn doch das Wichtigste im Schatten liegt.

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