Immobilien : Dem Meer abgerungen

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Von Klaus Bachmann

Er ist der größte Baum, der je nach Europa importiert wurde. Von der Halbinsel Masoala auf Madagaskar ist er per Schiff einige Wochen unterwegs gewesen, nun hängt er, ziemlich schief und vermutlich groggy, auf dem Stand der Firma „Ki Plant Projects Aalsmeer". Hier dient er als Ausstellungsstück der größten niederländischen Gartenbauausstellung „Floriade". Wenn die Gartenschau am 20. Oktober wieder vorbei ist, darf der acht Meter hohe Ficus Benjamina Exotica, der 6000 Kilogramm wiegt, in die Schweiz weiterfahren. Dort wird er im Zoo von Zürich für die Nachbildung eines tropischen Regenwaldes gebraucht.

Als Beispiel dafür, dass man auch ein „entwurzeltes" Stück wilder Natur nahezu beliebig domestizieren und verpflanzen kann, hätte der Ficus von Ki Plant Projects auch das Symbol der diesjährigen „Floriade" werden können. Denn die alle zehn Jahre stattfindende Ausstellung steht unter dem Motto „Feel the art of nature". Doch ihr Leitmotiv ist eigentlich nicht die Kunst der Natur selbst, sondern die Kunst, die der moderne Mensch der Natur abringt – und aufzwingt.

Das beginnt mit dem Floriade-Gelände, einem Poldergebiet, das vor 150 Jahren noch unter Wasser lag und dem Meer mühsam abgerungen wurde. Nun wird dieses Gelände sogar von einem pyramidenförmigen, vierzig Meter hohen Hügel geschmückt: Der „Big Spotters’ Hill" hat die Grundmaße der Cheopspyramide in Ägypten, 230 Meter im Quadrat. Sie wurde nach einem Entwurf des Landschaftsarchitekten Niek Roozen schichtweise aufgetragen, um Verwerfungen des sandigen Untergrundes vorzubeugen. Auf dem Hügel, der von futuristischen Minibussen auf einer in Spiralen angelegten Bahn angefahren wird, ist ein zerbrechlich wirkendes Kunstwerk angelegt. Dieser „Raum in der Luft" stammt von der Künstlerin Auke de Vries. Das NRC Handelsblad feierte die ebenso kühne wie vergänglich wirkende Arbeit bereits als den „Arc de Triomphe des Poldermodells".

Die Ausstellung auf 65 Hektar dient in erster Linie der Werbung für die niederländische Blumen-, Agrar- und Gartenbaubranche – und der Selbstdarstellung der Niederlande als dem Land, in dem es auf moderne Weise immer wieder gelingt, Natur und Kunst mit den Zwängen eines der dicht besiedelsten Länder der Welt unter einen Hut zu bringen. Schön ist die Natur hier eigentlich nur, wenn sie gebändigt, manipuliert, dem Menschen vollkommen unterworfen ist. Mal geschieht das in einem riesigen „Treibhaus der Zukunft" mit Tomaten, die computergesteuert mit künstlichem Sonnenlicht beleuchtet werden und in Glaswolle einen halben Meter über ihrem natürlichen Element, der Erde, wachsen. Mal verläuft das weniger spektakulär. Dann zum Beispiel, wenn in einem der größeren Pavillone versucht wird, Kleingärten und knappen Wohnraum so zu integrieren, dass dem immer stärker werdenden Drang der Niederländer ins Grüne unter Großstadtbedingungen Rechnung getragen werden kann.

Wohnen in zehn Jahren ist ein Thema der Ausstellung, die Integration des Wassers ein anderes. Wasser ist auf der diesjährigen Floriade, die am 6. April von Königin Beatrix eröffnet wurde, allgegenwärtig, weshalb es nur konsequent ist, dass man die Polderlandschaft unweit des Flughafens Schiphol auch im Kahn befahren kann.

Die zahlreichen ausländischen Aussteller haben sich dem Motto der Floriade nur ausnahmsweise untergeordnet. In ihren nationalen Ausstellungsräumen spielen sie mit den Stereotypen und Klischees, die in der Welt über sie kursieren. Tschechien etwa ist mit einem hölzernen Bauernhof und einem Garten aus handbehauenen Steinen vertreten. Spanien stellt sich als „Obstgarten Europas" vor und stellt trotzig in unmittelbarer Nachbarschaft Frankreichs seine Weine zur Schau. Der deutsche Beitrag wirbt in trockenem Bürokratendeutsch für die Bundesgartenschau.

Der Ausstellungsgarten besteht aus Tulpen- und Hiazynthenbeeten, die einen halben Meter hoch in gelbe plastikartige Umschalungen eingefasst sind. In deren Mitte steht eine Infotafel, die selten gelesen wird, denn die gesamte Kompositon wirkt steril und unzugänglich. Da kommt niemand auf die Idee, den mit blaugefärbten Sägespänen ausgelegten Garten auch nur zu betreten. Natur und Künstlichkeit sind auf der Floriade eine eigenwillige Symbiose eingegangen.

Die Floriade im niederländischen Haarlemmermeer ist noch bis zum 20. Oktober täglich von 9 Uhr 30 bis 19 Uhr geöffnet. Eine Tageskarte kostet 17 Euro, Kinder (vier bis zwölf Jahre) zahlen 8 Euro 50. Weitere Infos im Internet unter: www.floriade.com

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