Immobilien : Der Ginkgo – ein lebendes Fossil

Christa Beurton

Nachstehend veröffentlichen wir die vom Botanischen Garten für diese Woche herausgegebene Zusammenstellung besonders sehenswerter Pflanzen, die im Freigelände oder in den Gewächshäusern mit einem roten Punkt gekennzeichnet sind. Der Garten ist täglich von 9 Uhr an geöffnet, die Gewächshäuser am Wochenende ab 10 Uhr.

Freigelände. Was von weitem an wohl schmeckende Mirabellen erinnert, ist von nahem beschnuppert eine eher unappetitliche Angelegenheit: Die Samenanlagen eines weiblichen Ginkgo-Baumes. Sie entwickeln nach dem Abfallen einen übel riechenden ranzigen „Duft".

Der sommergrüne Ginkgo ist letzter Repräsentant einer Gattung, die sich seit 200 Millionen Jahren kaum verändert hat. Entfaltungsschwerpunkt der Sippe ist das Erdmittelalter. In diesem Zeitabschnitt waren die Ginkgo-Gewächse auf der Nordhalbkugel und der Südhemisphäre mit etlichen Gattungen und zahlreichen Arten vertreten. Fossile Blätter, die in der Form von heutigen Ginkgo-Blättern nicht zu unterscheiden sind, finden sich in den Ablagerungen der beginnenden Erdneuzeit vor circa 70 Millionen Jahren. Noch vor weniger als fünf Millionen Jahren wuchs Ginkgo biloba in den artenreichen Laubmischwäldern Europas. Mit der Eiszeit verschwand er. Heute finden sich reliktäre Wildbestände nur noch in den südöstlichen Provinzen Chinas. Männliche und weibliche Ginkgos können bis zu 1000 Jahre alt, 50 Meter hoch und bis zu zehn Meter dick werden. Sie trotzen Bakterien- und Pilzbefall, vertragen den Smog unserer Innenstädte, überstehen Feuersbrünste, sogar radioaktive Strahlung („berühmt“ geworden ist der „Atom-Bomben-Ginkgo" aus Hiroshima).

Merkwürdig an diesem lebenden Fossil ist alles. Seine fächerförmigen, streng dichotom-gabeladrigen, zwei oder mehrfach zerteilten Blätter haben sogar Goethe zu einem Gedicht inspiriert. Einmalig ist auch die Vermehrungsweise des Ginkgo. Zunächst muss ein weiblicher Baum durch den Wind bestäubt werden. Dabei wird der Blütenstaub, den ein „Männchen" produziert hat, an einer Öffnung der Samenanlagen (unsere „Mirabellen") abgefangen. Zwischen Bestäubung und Befruchtung vergehen vier bis sieben Monate. Teilweise fallen die Samenanlagen noch unbefruchtet vom Baum. Die Befruchtung erfolgt mittels riesiger, frei beweglicher, begeißelter männlicher Keimzellen. Solche frei beweglichen Keimzellen sind im Pflanzenreich ansonsten nur von Algen, Moosen und Farnen bekannt. Verschwenderischer Weise bildet der weibliche erwachsene Baum die großen Samenanlagen immer aus, auch wenn sie unbestäubt bleiben. Die Samenanlagen besitzen eine äußere, fleischige nach Buttersäure riechende Schicht und einen inneren hartschaligen Kern. In diesem entwickelt sich nach erfolgter Befruchtung der Keimling. Der geschilderte Bau von Samenanlagen und Samen deutet auf Tierverbreitung hin, bei welcher die Kerne den Darm passieren und anschließend, falls nicht taub, auskeimen. Die gerösteten Kerne gehören in China zu den Delikatessen.

Der Ginkgo biloba steht in der Pflanzengeographie, im Arboretum und im Arzneipflanzengarten.

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