Immobilien : „Der Klimaschutz bleibt außen vor“

Was die Regierung beschlossen hat, bringt dem Verbraucher nichts: Reiner Wild vom Berliner Mieterverein über den Energieausweis

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Über das Stückchen Papier haben sie gestritten wie die Kesselflicker. Monatelang. Der eine, Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), wollte unbedingt und allein den Bedarfsausweis. Der orientiert sich am Zustand des Gebäudes, den Experten analysieren. Der andere, Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), favorisierte den Verbrauchsausweis. Dem ist zu entnehmen, wie viel Energie zuletzt eingesetzt wurde, um das Haus zu bewohnen. Am Ende bekamen irgendwie beide, was sie wollten: Den Energieausweis gibt es in der einen und in der anderen Form. Manche Eigentümer dürfen zwischen Bedarfs- und Verbrauchsausweis wählen, andere nicht. Verstanden? Wenn nicht, befinden Sie sich in bester Gesellschaft.

Die Bundesregierung hat zwar eine neue Energieeinsparverordnung (EnEV 2007) beschlossen – wirklich verständlich, praktikabel und plausibel erscheint dieses Gesetz kaum einem. Eine kleine Hoffnung haben die Kritiker des Tiefensee-Gabriel-Mischmaschs aber noch: Der Bundesrat muss zustimmen, die Länder können noch Stellung nehmen. Was all’ das für Eigentümer, Käufer und Mieter bedeutet? Darüber sprach der Tagesspiegel mit Reiner Wild, dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins.

Herr Wild, in der Novelle der Energiesparverordnung 2007 geht es darum, was in welchem Energieausweis stehen muss und wer welchen Pass braucht. Wie beurteilen sie den Entwurf aus Verbrauchersicht?

Wild: Soll Energie gespart werden, muss der Entwurf verbraucherfreundlicher gestaltet werden. Wir wollen, dass der Berliner Senat im Bundesrat auf eine Änderung der Novelle dringt.

Was kritisieren Sie? Immerhin ist jahrelang um einen Konsens gerungen worden. Und spät dran ist Deutschland ohnehin – ginge es nach der EU, müsste längst alles unter Dach und Fach sein.

Aus unserer Sicht ging es in der Diskussion meist darum, die Kosten des Ausweises für die Vermieter klein zu halten – und darum, Energieberatern, Architekten und Ingenieuren Arbeit zu beschaffen.

Das sind harte Vorwürfe. Schafft der Ausweis denn nicht für Mieter und Käufer mehr Transparenz über den Energieverbrauch eines Hauses?

Nein. Wir finden, dass der Klimaschutz und die Anforderungen der Mietinteressenten beim jetzigen Entwurf weitgehend außen vor bleiben.

Warum?

Die Deutsche-Energie-Agentur (Dena) war von der Bundesregierung mit einem Feldversuch zur Erprobung der Energieausweise beauftragt worden Dabei hat sie es nicht einmal für nötig erachtet, abzufragen, welchen Ausweis Kauf- oder Mietinteressenten akzeptieren würden.

Aber dennoch: Die Regierung sagt, der Energiepass liefert detaillierte Informationen zu einem Gebäude.

Damit es für die Verbraucher anschaulich wird, hätte man sich für die Abbildung der Werte auf Energieeffizienzklassen entscheiden müssen. Dort hätten die Werte gestaffelt von A bis G aufgeteilt werden können – bis zu 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter pro Jahr. Dieses EU-Effizienzlabel kennt fast jeder Verbraucher von Kühlschränken oder Waschmaschinen. Stattdessen hat die Bundesregierung sich für einen Bandtacho als Abbild für den Energiekennwert entschieden. Dieser Kennwert beinhaltet noch keinen Vergleichsmaßstab. Die andere Lösung ist viel plausibler.

Vielleicht hatten manche Angst vor einer derart klaren Lösung.

Genau, jeder Mietinteressent wüsste dann, dass ein Haus der Klasse G eine Dreckschleuder ist.

Prima.

Das Gegenargument war, dass man die Eigentümer damit stigmatisieren würde. Also hat man gekniffen.

Welchen der beiden Ausweise, die es geben wird, halten Sie für genauer?

Für viele Gebäude ergibt nur der Bedarfsausweis Sinn. Der Verbrauchsausweis hat einige Tücken. Zwar soll er den Leerstand eines Hauses berücksichtigen, aber es ist nicht geklärt wie – bei mehr als 15 Prozent Leerstand wäre er wertlos. Zudem wird das unterschiedliche Verbraucherverhalten nicht beachtet. Geht zum Beispiel in einem kleineren Haus ein Seniorenpaar während des Winters nach Mallorca, kann das die Energiebilanz erheblich verändern. Deshalb fordern wir, dass die Wahlfreiheit zwischen den Ausweisen erst für Häuser ab sieben Wohnungen, und nicht - wie vorgesehen - ab fünf Wohnungen gilt. Für Einfamilienhäuser – wie für die Übergangszeit bis 1. Januar 2008 erlaubt – ist der Verbrauchsausweis totaler Quatsch. Der Verbrauchsausweis kann nur sinnvoll verwendet werden, wenn die Bedingungen stimmen. Mieter können zukünftige Heizkostenabrechnungen an ihm messen, und so erkennen, ob Mehrverbrauch entstanden ist, für den dann Ursachen zu erforschen wären.

Ob man zwischen Bedarfs- und Verbrauchsausweis wählen darf, soll auch davon abhängen, ob die Wärmeschutzverordnung von 1977 erfüllt wird. Sind 30 Jahre alte Vorschriften also noch auf dem aktuellen Stand?

Nein, absolut nicht. Deshalb fordern wir ja, dass die Wärmeschutzverordnung von 1995 Maßstab wird.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass ihre Kritik im Bundesrat gehört wird?

Der Deutsche Mieterbund hat seine Kritik vorgebracht. Jetzt liegt es an den Bundesländern, welche Forderungen sie noch einbringen.

Lassen wir Ihre Kritik mal beiseite und fragen grundsätzlich. Wird der Energieausweis bei Vermietung oder Verkauf jemals eine Rolle spielen?

Entscheidend, so unsere Erfahrungen, sind für Käufer und Mieter Preis und Lage eines Objektes. Die Energiekosten spielen immer noch eine untergeordnete Rolle. Sie müssen endlich so transparent werden, dass am Markt etwas in Gang kommt. Deshalb begrüßen wir auch, dass nach dem Beschluss des Kabinetts nun dem Mietinteressenten eine Kopie des Ausweises ausgehändigt werden muss. Nur so entsteht auch eine Wirkung für die Umwelt – dann, wenn nämlich Eigentümer unter Druck geraten, ihre Häuser energieeffizienter zu machen, zum Beispiel Wärmedämmung nachzurüsten.

Das Gespräch führte Kerstin Heidecke.

Der Energiepass wird

ab 1. Januar 2008 spätestens dann Pflicht, wenn Eigentümer oder Mieter wechseln. Er gilt zehn Jahre. Der Pass zeigt ein Energielabel, einen Farbstreifen, der das Gebäude bewertet. Je energiesparender das Haus, desto weiter landet man im grünen Bereich. Bei einer Markierung im gelben Bereich sollte über eine Modernisierung nachgedacht werden. Der rote Bereich signalisiert Handlungsbedarf. Den Pass stellen Ingenieure, Architekten und spezialisierte Handwerker aus, die Kosten werden zwischen 50 und 100 Euro geschätzt.

DER BEDARFS-

AUSWEIS

Pflicht für Häuser mit weniger als fünf Wohnungen, die bis 1978 gebaut wurden. Er analysiert den energetischen Gebäudezustand anhand von Kriterien wie Wärmedämmung, Fenster- und Dachqualität.

DER VERBRAUCHS-

AUSWEIS

Den können Eigentümer größerer und seit 1978 gebauter Objekte wählen. Der Verbrauchsausweis nimmt die Wärmedaten des Hauses als Grundlage, die nicht aufwendig gemessen werden müssen, sondern in der Heizkostenabrechnung stehen. heid

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