Immobilien : "Der Markt ist dumm und sozial blind"

RALF SCHÖNBALL

Städteplaner Volkwin Marg über die "Pfeffersäcke", die Politik und die Architektur.VON RALF SCHÖNBALLHamburg plant eine neue Stadt an ihrem alten Hafen: Das Projekt und seine Macher. TAGESSPIEGEL: Kein Superlativ war für das Vorhaben, den alten Hamburger Frachthafen in einen neuen Stadtteil zu verwandeln, groß genug.Liegt das nur am Umfang des Projektes? MARG: Das Gebiet liegt im Herzen der Stadt, Hauptbahnhof und Rathaus sind zu Fuß schnell erreichbar, zukünftig auch der Transrapid.Die letzten Baulücken aus Kriegszeiten in der Innenstadt sind geschlossen.Hier nun plötzlich 100 Hektar Bauland für die City-Erweiterung erschließen zu können, ist wie ein Geschenk des Himmels.Nicht nur deshalb ist der Senatsbeschluß epochal, er ist es auch politisch.Einer Entscheidung wie dieser steht meist der leidige Populismus in der Mediendemokratie im Wege.Er lähmt Politiker in ihrer Entschlußbereitschaft und nötigt sie, nur opportunistisch in Legislaturperioden zu disponieren.Tiefgreifende Entschlüsse werden aus Angst vor negativer Berichterstattung am liebsten gemieden.Dieses Malheur blieb dem Vorhaben Hafen-City erspart, obwohl es ein Generationenprojekt über drei Jahrzehnte ist.Der damalige Bürgermeister Voscherau, Senat und Bürgerschaft bewiesen Risikobereitschaft und Entschlußkraft. TAGESSPIEGEL: Das gelang wohl nicht zuletzt, weil die Eigentumsverhältnisse auf dem Gelände des Hamburger Freihafens eindeutig waren... MARG: Sicher, denn Städtebau ist immer auch Bodenpolitik.Wir profitieren heute von quasi sozialistischen Entschlüssen, die hanseatische Kaufleute und Wohlstandsbürger vor über 100 Jahren gefaßt haben.Als die sogenannten Pfeffersäcke den Freihafen anlegten, beschlossen sie, als seien sie radikale Marxisten, hier keinen Quadratmeter privaten Landes zuzulassen.Nicht einmal Erbbaurechte vergaben sie.Der gesamte Freihafen sollte immer zum Gemeinwohl öffentlich verfügbar bleiben.Es gab nur kurzfristige und verlängerbare Nutzungsrechte.Darum braucht die Stadt heute keine Grundstücksspekulation zu befürchten.Sie mußte nur sicherstellen, daß sich die umzusiedelnden Hafenbetriebe ihren Umzug an andere und bessere Hafenstandorte nicht vergolden lassen. TAGESSPIEGEL: Und wie wurde drohenden Spekulationen auf hohe Abstandszahlungen einen Riegel vorgeschoben? MARG: Indem die HHLA, das ist die Hamburger Hafen- und Lagerhaus-Aktiengesellschaft, an den Hafenbetrieben die Mehrheit erwarb.Dadurch kann sie den unternehmerischen Entschluß zur jeweiligen Standortverlagerung befördern.Voraussetzung war, daß die gesamte Planung für die Hafen-City, absolut geheim erfolgte.Die perfekt eingefädelte Präsentation des Bürgermeisters Voscherau war ein gelungener Coup.Er hielt eine Grundsatzrede vor dem Überseeclub anläßlich dessen 75-jährigen Bestehens in aller Feierlichkeit im Kaisersaal des Hamburger Rathauses vor 1000 geladenen Bürgern und Bundespräsident Herzog.Kein Sterbenswörtchen war vorher nach außen gedrungen, wir hatten uns jegliches Fax, jeden Brief, sogar das Telefonieren versagt.Die Überraschung war so perfekt, daß es sogar der Opposition die Sprache verschlug, obwohl sie mitten im Wahlkampf war. TAGESSPIEGEL: Bedenkt man, daß damals Zehntausende umgesiedelt und wertvolle Baudenkmäler zerstört wurden, nimmt sich Ihr Vergleich wie Städtebau im Geiste Machiavellis aus ... MARG: Das Gegenteil ist richtig, denn anstelle des historischen Wandrahmenviertels steht heute die Speicherstadt, und die ist inzwischen selbst ein Baudenkmal.Außerdem werden keine Bürger ausgesiedelt, sondern angesiedelt, samt Dienstleistungs-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen.Was wäre die Alternative? Die soziale Rücksichtslosigkeit des spekulativen Grundstücksmarktes? Der Ausverkauf des öffentlichen Eigentums und öffentlicher Erschließung, die private Bereicherung ohne soziale, gemeinnützige und stadtlandschaftliche Bedingungen? Der Markt ist dumm und sozial blind.Die Verbindung von Sozial-, Kultur- und Bodenpolitik ist eine politische Herausforderung jeder urbanen Zukunftsplanung.Darin liegt die Kunst des Städtebaus.Dessen gesellschaftspolitische Inszenierung und Regie ist wichtiger, als die Schauspielerei mit Designtrends und Architekturmoden. TAGESSPIEGEL: Sie sind aber selber Architekt ... MARG: Natürlich, und unkritisch ließe ich am liebsten die Welt an meinen Gestaltungsvisionen genesen.Aber mein Selbstverständnis als Städtebauer widerspricht dem und begreift das übergeordnete städtische Ensemble als Kunstwerk.Darum frage ich mich zuerst, was am speziellen Ort inhaltlich sinnvoll ist, sowohl ästhetisch als auch sozial und ökonomisch.Genau diesen Überblick über das komplexe Ganze haben viele Architekten verloren und mit ihnen viele Journalisten und die Öffentlichkeit.Die stadtplanerische Regie wird heute häufig durch ein buntes Kaleidoskop baulicher Artefakte schillernder Architekturschausteller ersetzt. TAGESSPIEGEL: Der Trend geht aber zur Privatisierung öffentlicher Aufgaben und landeseigener Gesellschaften.Wie bewerten Sie das? MARG: Hätte es die landeseigene Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG nicht gegeben, wäre das Projekt Hafen-City kaum möglich geworden.Die HHLA ist ein Staatsbetrieb, unternehmerisch aber prima geführt und profitabel.Sie ist als AG ein Privatunternehmen, aber seit über 100 Jahren in öffentlichem Besitz.Darum konnte sie über ihr Gewinnstreben hinaus auch im Interesse des städtebaulichen Zukunftssicherung eingesetzt werden.Der Staat kann für seine hoheitlichen Aufgaben nicht auf Instrumente verzichten, um über Einzel- und Gruppeninteressen hinweg gemeinnützig gestalten zu können.Inzwischen wurde eigens für die Umsetzung der Hafen-City die GHS, Gesellschaft für Hafen und Standortentwicklung geschaffen.Sie ist mit öffentlichen Mitteln ausgestattet. TAGESSPIEGEL: Von Ihrem Büro blicken Sie direkt auf die Elbe und den Containerterminal.Inspirierte Sie das zur Entwicklung der Hafen-City? MARG: Alles nahm in den frühen 70er Jahren seinen Lauf, als ich das Gutachten Bauen am Wasser erstellte.Damals schüttete man ohne große Bedenken Wasserflächen zu, wenn es etwa um bequemen Gewinn von Straßenbauland ging, etwa in Idar-Oberstein, wo sogar der Fluß verstümmelt wurde.Ähnliches stand in Hamburg mit Alsterläufen zur Debatte, und ich lenkte die Aufmerksamkeit auf die einzigartige amphibische Topologie mit Beeken, Fleeten, Alster, Bille, Elbe und Hafenbecken.Das Gutachten traf einen sensiblen Punkt, es wurde 10 000 mal gedruckt und war dennoch schnell vergriffen.Ein Dutzend Jahre später sollte ich befinden, wie die Fassaden von Lagerschuppen auf Hafenbecken neben der Speicherstadt, die zugeschüttet werden sollten, zu gestalten wären.Ich war als Gutachter aber kontraproduktiv.Ich empfahl, die Schuppen nicht zu bauen und die Hafenbecken zu erhalten.Wieder ein Dutzend Jahre später, 1996, hatte sich dann das Bewußtsein gewandelt.Auf Initiative des Chefs der HHLA, Peter Dietrich, und mit Wissen der politischen Führung entwickelte ich unter dem Siegel der Verschwiegenheit die Rahmenkonzeption für den Hafen-City-Beschluß. TAGESSPIEGEL: Ist nicht zu befürchten, daß die Umplanung die angestammten Unternehmen verdrängt? MARG: Nein.Das Hafengebiet ist im ständigen Wandel und hat schon mehrere logistische Revolutionen hinter sich.Es hat sich immer den gewandelten Realitäten angepaßt und ist dadurch vital geblieben.Der mittelalterliche Koggenhafen lag noch mitten in der Altstadt und wanderte mit den Aufkommen der großen Windjammer auf die Reede in der Elbe.Dafür wurde nach der Reichsgründung der Freihafen mit der Speicherstadt gebaut.Um ihre Zollprivilegien zu erhalten, wurde das Wandrahmenviertel geopfert.Die Dampfmaschine mit Eisenbahn, Dampfkränen und Dampfschiffen schuf die neuartigen Hafenbecken, wo der Stückgutumschlag direkt auf Pferdefuhrwerk, Schuppen oder Eisenbahn erfolgte.Die Speicherstadt vor 100 Jahren ist noch für Pferdefuhrwerke zu Land und Lastkähne zu Wasser zwischen Segelschiffreede und Innenstadtspeicher konzipiert. TAGESSPIEGEL: Und wie kam es zur zweiten Revolution? MARG: Der Stückgutumschlag von Hand an den Kais ist dem computergestützten Container-Seetransport gewichen.Heute werden immer riesigere Schiffe eingesetzt, um die Transportkosten zu minimieren.Sie sind oft 300 Meter lang, 50 Meter breit und haben einen Tiefgang von 15 Metern.Für diese neue Schiffsgeneration braucht man viel tiefere Häfen, als die alten Innenstadthäfen.Außerdem sind riesige Landflächen für die Containerlogistik erforderlich.Darum sind neue Großraumhäfen an Gleisen und Autobahnen und am tieferen Fahrwasser elbabwärts unvermeidlich, und die veralteten Innenstadthäfen werden disponibel, in Rotterdamm genauso wie in Hamburg.Das ist die epochale Chance für Neustrukturierungen der Hafenstädte. TAGESSPIEGEL: Und die Entwicklung ist am Ende angelangt? MARG: Nein.Der Hafen wächst flußabwärts auf neuen Erweiterungsflächen für den Containerumschlag im Westen.Die Hamburger City kann ins alte Hafengebiet rund um das Speicherstadt-Denkmal hineinwachsen, wo früher schon mal das mittelalterliche Hamburg stand.Das sind Entwicklungsperspektiven über Jahrzehnte.Das alte Hafengebiet neben der Altstadt gab die Hafenwirtschaft gleichsam in Zahlung, um an anderer Stelle in die Zukunft zu investieren.Dafür bekommt es für die Hafenverlagerung neue Flächen an anderer Stelle.Das ist ein sinnvolles Nehmen und Geben, das auch von den inzwischen mitregierenden Grünen gutgeheißen wird.

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