Immobilien : Der Mieter als Kunde

ANDREAS LOHSE

Auch in Berlin bieten bereits einige Wohnungsunternehmen Dienstleistungen rund ums Wohnen anVON ANDREAS LOHSEDer Wohnungsmarkt ist im Wandel: Aus dem einstigen Vermietermarkt wird vielerorts ein Mietermarkt.Mieter und Mietinteressenten werden kritischer, ihre Ansprüche an den Vermieter wachsen."Vermietung bedeutet heute nicht mehr die reine Gebrauchsüberlassung, sondern vielmehr das Angebot zusätzlicher Dienstleistungen rund ums Wohnen", betonte auf einer Tagung Joachim Wege, Direktor des Verbandes Norddeutscher Wohnungsunternehmen.Dazu gehören altengerecht ausgestattete Wohnungen, Notrufsysteme oder Hausteledienste.Wichtig für ältere Menschen sind zudem Einkaufshilfen, Krankenpflege, Fahr- und Essensdienste, aber auch, daß beispielsweise der Friseur zu ihnen in die Wohnung kommt.Für andere erhöht die Ausstattung den Wohnwert: Internet-Zugang, Breitbandkabel und Gemeinschaftssatellitenanlagen erleichtern die Vermietbarkeit. Eine Hinwendung der Vermieter zum Mieter als Kunden ist auch in Berlin auszumachen.Tendenziell läßt sich als Ursache dieses Umschwungs bei den Unternehmen zweierlei ermitteln: Zum einen gehe in manchen Unternehmen "ein Wechsel der Generationen" vonstatten, heißt es bei einer großen Berliner Wohnungsbaugesellschaft, sei "teils vollzogen, teils in vollem Gange".Jahrzehntelang habe "in den Köpfen mancher Verwalter eine Art Beamtenmentalität" geherrscht.Heute hingegen müsse sich jeder einzelne fragen, ob die nächste Beschwerde eines unzufriedenen Mieters für den Sachbearbeiter nicht die letzte sein könnte."Freundlich entgegenkommen statt gernervt abwimmeln", laute deshalb die neue Parole, andernfalls wegen penetranter Unfreundlichkeit sogar "der Arbeitsplatz schon mal auf dem Spiel" stehen könne, so das Urteil eines Insiders - was indes niemand öffentlich behaupten würde. Doch damit nicht genug: Auch - und vielleicht vor allem - ökonomische Erwägungen führen dazu, daß viele Unternehmen mittlerweile wohnbegleitende Dienstleistungen anbieten.Konkurrenzdruck zwingt dazu, Wettbewerbsvorteile zu finden."Die Zeit, in der Mieter auf Wohnungsuche Schlange standen, sind vorbei", konstatiert man beispielsweise bei der Gemeinnützigen Heimstätten AG, Gehag.Unternehmenssprecher Henryk Tabaczynski: "Wir bekommen unser Geld nicht vom Senat, sondern von 40 000 Mietern." Also habe man überlegt, was denn die Bewohner brauchten, um langjährige Mieter im Bestand zu halten und neue für das Unternehmen zu interessieren - durchaus mit Blick auf die Konkurrenz."Wir müssen was tun, um besser zu sein als andere", so Tabaczynski, damit es sich "für den Mieter lohnt, bei der Gehag zu wohnen". Beispiel Gästewohnung: Wird die Unterbringung von Besuchern zum Problem, können Gehag-Mieter - aber nicht nur hier - für eine Pauschale zwischen 60 und 160 Mark pro Tag eine komplett eingerichtete unternehmenseigene Wohnung buchen - nebst Geschirr, Farbfernseher, Radio und Endreinigung.In den sechs für diesen Zweck bei der Gehag zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten in verschiedenen Stadtteilen finden bis zu sieben Personen Platz.Manche Wohnung sei durchschnittlich fast jeden zweiten Tag vermietet, heißt es.Außerdem können Gehag-Mieter einen Umzugsservice nutzen, sich über Versicherungen und Finanzdienstleistungen beraten sowie gebrechliche Angehörige vorübergehend zur Kurzzeitpflege in die Obhut der Arbeiterwohlfahrt vermitteln lassen.Programmatisch der Name eines anderen Angebotes: "Hallo Oma, hallo Opa!" Dieser Service nennt willige Senioren, die ehrenamtlich die Kinder ihrer Nachbarn betreuen."Was für einen älteren Menschen Freude bedeutet, bringt für die betroffenen Familien Entlastung." Seit September habe man bereits fünfmal konkret solche Kontake herstellen können, resümiert Henryk Tabaczynski. Mieter, die bei Problemen mit ihrer Wohnung von der Hausverwaltung noch immer mehr als Bittsteller, denn als berechtigter Nutzer behandelt werden, sollten sich also nicht scheuen und bei Gelegenheit offensiv auf die Dienstleistungen anderer hinweisen: Denn wer als Vermieter etwas zu bieten hat, wird sich gern mit anderen vergleichen lassen.

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